: Schlendern wie am Schnürchen
Foto: Christian Charisius/dpa
Jetzt bin ich also auch so eine. Acht Stunden oder länger im Büro, danach vielleicht noch ein Feierabendgetränk und dann ab ins Bett. Mehr ist da nicht drin. In diesem Trott, den ich so eigentlich nicht haben wollte und der mir auch nicht besonders gefällt, ist Sport ziemlich schlecht zu integrieren.
Dabei stecke ich seit über einem Jahr in meiner Sportkolumne und hatte mir etwas ganz anderes vorgenommen: jeden Monat etwas Neues ausprobieren, irgendeinen außergewöhnlichen Sport machen, ein bisschen mehr Geckigkeit in meinen Alltag bringen. Und jetzt? Jetzt gehe ich spazieren.
Ich gehe inzwischen mehrmals pro Woche zum Tempelhofer Feld. Von meiner Wohnung aus gibt es eine Route, auf der ich fast die ganze Zeit durch Parks und ruhige Straßen laufe, bevor ich am Feld ankomme. Ich will 10.000 Schritte am Tag laufen. Laufe ich für den Arbeitsweg zur S-Bahn und zurück, habe ich abends vielleicht 4.000 Schritte auf dem Konto. Das reicht natürlich nicht. Also gehe ich zum Feld und wieder zurück. Macht mehr als 10.000.
Spazieren lässt sich schließlich hervorragend in den Alltag integrieren. Ich habe nur ein Problem: Ich bin eine Schnecke.
Ich hasse schnelles Spazierengehen. Ich habe Freund*innen, die beim Gehen ein Tempo anschlagen, bei dem ich mich frage, wovor wir eigentlich gerade wegrennen. Dann gehen sie vorneweg und ich sprinte hinterher. Also für mich ist das nichts.
Ich finde, beim Spazierengehen darf man sich ruhig ein bisschen verlaufen. Überhaupt scheint das Abkommen vom direkten Weg zum Spazieren dazuzugehören. Ich habe gelesen, dass es in meiner Heimatstadt Kassel sogar Spaziergangswissenschaften gibt. Verständlich. Es gibt schließlich einiges zu untersuchen: Wie viele Schritte braucht es, bis der Kopf leerer wird? Wie langsam kann man gehen, ohne stehenzubleiben? Und wo liegt die perfekte Mischung aus Konzentration und Abdriften?
Denn darum geht es beim Schlendern. Bin ich zu konzentriert, macht es keinen Spaß. Dann zähle ich nur noch meine Schritte und frage mich, wann ich endlich bei 10.000 bin. Bin ich zu abgelenkt, schleiche ich nur noch herum. Die Website der Spaziergangswissenschaften vergleicht Spazieren mit einer Perlenkette. Die bemerkenswerten Orte, sind die Perlen, die Wege dazwischen, die Schnur. Auf der Schnur überlegt man sich, was wohl die nächste Perle sein wird. Wenn man den Weg schon kennt, dann kann man sich an den Perlen – einem Bäcker an der Ecke, einem offenen Gartentor – dem verrosteten Schild mit Vogelkacke – entlanghangeln.
Also übe ich mich im Spazieren. Ich zähle die Schritte zwischen Zaunpfählen, Bäumen oder Gräbern. Gestern habe ich dabei einen Podcast über die Überwachungssoftware Palantir gehört und wusste nicht mehr, wo ich eigentlich genau lang gehe. Aber genau das ist ja das Schöne am Spazieren: Man schaut mal hierhin, mal dorthin. Es gibt ständig etwas zu entdecken. Gestern habe ich zum Beispiel festgestellt, dass ich denselben Hund samt Besitzer schon einmal gesehen habe, weil der Hund und Besitzer sehr gleich aussehen. Irgendwo habe ich mal gehört, dass 15 Minuten Spazieren am Tag schon reichen, um ordentlich Stress abzubauen. Wie viel Minuten braucht es allerdings, um acht Stunden Sitzen wieder wettzumachen?
Foto: privat
Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich mich beim Spazieren langweilig und alt und gleichzeitig sehr gut fühle. Und weil ich gestern und vorgestern die 10.000 Schritte bei Weitem nicht geschafft habe, bin ich heute übrigens extra ein Stück zum Büro gelaufen, bevor ich diese Kolumne geschrieben habe. Der Sportvorsatz für diesen Monat lautet also: weiterlaufen, nur bitte nicht allzu schnell.
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