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Angriff auf US-DemokratinMann sprüht Abgeordneter Omar Substanz ins Gesicht

Die Kongressabgeordnete Ilhan Omar ist seit Langem Ziel von Trumps Verbalattacken. Kurz nach neuen Schmähungen wird sie körperlich angegriffen.

Als mutmaßlichen Täter identifizierte die Polizei den 55-jährigen Anthony K Foto: Steven Garcia/NurPhoto/picture alliance

ap/dpa | Ein Mann sprühte der US-Kongressabgeordneten Ilhan Omar in Minneapolis mit einer Spritze eine unbekannte Substanz ins Gesicht. Daraufhin wurde der Mann bei der Town-Hall-Veranstaltung am Dienstag (Ortszeit) zu Boden gebracht. Das Publikum jubelte, während er fixiert wurde und seine Arme auf den Rücken gebunden wurden. In einem Video von der Veranstaltung ist jemand aus der Menge zu hören, der sagt: „Oh mein Gott, er hat ihr etwas ins Gesicht gesprüht.“

Kurz zuvor hatte Omar, eine Demokratin, die Abschaffung der US-Einwanderungsbehörde ICE und den Rücktritt von Heimatschutzministerin Kristi Noem gefordert. „ICE kann nicht reformiert werden“, sagte sie.

Nach dem Spritz-Angriff habe ein starker, essigartiger Geruch in der Luft gelegen, berichtete ein Journalist der AP, der vor Ort war. Fotos der Spritze, die zu Boden gefallen war, zeigten eine offenbar hellbraune Flüssigkeit im Inneren. Von offizieller Seite gab es zunächst keine Angaben dazu, um welche Substanz es sich handelte. Unter den etwa 100 Besuchern der Veranstaltung zeigte zunächst niemand eine erkennbare körperliche Reaktion auf die Substanz.

Das Stadtratsmitglied von Minneapolis LaTrisha Vetaw sagte, ein Teil der Substanz sei auch mit ihr und einem Mitglied des Senats des Bundesstaates Minnesota, Bobby Joe Champion, in Kontakt gekommen. Sie bezeichnete den Vorfall als zutiefst verstörend.

Angreifer festgenommen und identifiziert

Als mutmaßlichen Täter identifizierte die Polizei den 55-jährigen Anthony K. Der Mann sei wegen Körperverletzung festgenommen und in das Bezirksgefängnis gebracht worden. Zudem hätten forensische Ermittler den Tatort untersucht, erklärte Polizeisprecher Trevor Folke.

Omar setzte die Town-Hall-Veranstaltung nach Angaben der Polizei noch etwa 25 Minuten fort, nachdem der Mann von ihrem Sicherheitsteam aus dem Raum geführt worden war.

Omar: „Ich lasse mich nicht von Mobbern einschüchtern“

Beim Verlassen des Veranstaltungsortes sagte Omar, sie sei etwas aufgewühlt gewesen, aber nicht verletzt worden. Sie sollte noch von einem medizinischen Team untersucht werden. Später schrieb sie auf der Plattform X: „Mir geht es gut.“ Sie habe überlebt und „dieser kleine Provokateur“ werde sie nicht davon abhalten, ihre Arbeit zu tun. „Ich lasse mich nicht von Mobbern einschüchtern.“

Das Weiße Haus reagierte am Dienstagabend zunächst nicht auf eine Anfrage nach einer Stellungnahme. Omar hat Wurzeln in Somalia und ist in der Vergangenheit mehrfach zur Zielscheibe des US-Präsidenten Donald Trump geworden. Wiederholt hat er somalische Migranten in den USA, ihr Heimatland sowie Omar selbst beleidigt und dabei sein Augenmerk auf Minneapolis gerichtet, wo eine große somalischstämmige Gemeinde zu Hause ist. Während einer Kabinettssitzung im Dezember bezeichnete er Omar als „Müll“ und fügte hinzu: „Ihre Freunde sind Müll.“

Trump heizt in Iowa ein

Nur wenige Stunden vor dem Angriff auf Omar teilte der Präsident bei einem Auftritt vor einer Menschenmenge in Iowa erneut gegen die muslimische Kongressabgeordnete aus. Er sagte, seine Regierung werde nur Einwanderer ins Land lassen, die „zeigen können, dass sie unser Land lieben“.

„Sie müssen stolz sein, nicht so wie Ilhan Omar“, sagte er. Als er ihren Namen nannte, gab es laute Buhrufe. Er fügte hinzu: „Sie kommt aus einem Land, das eine Katastrophe ist.“ Er glaube, Somalia sei „nicht einmal ein Land“, behauptete der Präsident.

Omar ist US-Staatsbürgerin. Sie floh im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie aus ihrem Geburtsland Somalia, als dort der Bürgerkrieg ausbrach. Im Großraum Minneapolis/St. Paul leben rund 84.000 Menschen somalischer Herkunft – das ist fast ein Drittel aller in den USA lebenden Somalier.

Politiker verurteilen den Angriff

Der demokratische Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, zeigte sich dankbar, dass Omar unverletzt geblieben sei, und schrieb auf X: „Unser Bundesstaat ist im vergangenen Jahr durch politische Gewalt erschüttert worden. Die grausame, aufhetzende und entmenschlichende Rhetorik unserer nationalen Führungspersönlichkeiten muss sofort aufhören.“

Auch die republikanische Abgeordnete Nancy Mace aus South Carolina verurteilte den Angriff. „Es erschüttert mich zutiefst zu erfahren, dass die Abgeordnete Ilhan Omar heute bei einer Town Hall angegriffen wurde“, schrieb Mace auf X. „Unabhängig davon, wie entschieden ich ihrer Rhetorik widerspreche – und das tue ich –, sollte kein gewählter Amtsträger körperlichen Angriffen ausgesetzt sein. Das sind wir nicht.“

Der demokratische Bürgermeister von Minneapolis Jacob Frey sagte: „Inakzeptabel. Gewalt und Einschüchterung haben in Minneapolis keinen Platz. Wir können unterschiedlicher Meinung sein, ohne Menschen in Gefahr zu bringen.“

Bedrohungen gegen Mitglieder des US-Kongresses haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Zahl der Fälle erreichte 2021 und in der Zeit nach dem Angriff auf das Kapitol am 6. Januar jenes Jahres ihren Höhepunkt, ging anschließend leicht zurück und stieg dann erneut an, wie aus den jüngsten Daten der US-Kapitolpolizei hervorgeht.

Trump spricht nun von „Deeskalation“ in Minneapolis

US-Präsident Donald Trump stellt nach den tödlichen Schüssen in Minneapolis einen gemäßigteren Kurs seiner Regierung in Aussicht. „Wir werden ein wenig deeskalieren“, sagte Trump im Interview des Senders Fox News. Details nannte er nicht. Damit blieb etwa offen, ob oder in welchem Umfang sich die von Teilen der US-Bevölkerung scharf kritisierten Taktiken der Einwanderungsbeamten ändern sollen. Einen Abzug der Einsatzkräfte aus dem US-Bundesstaat Minnesota, in dem Minneapolis liegt, schloss Trump zunächst aus.

Zwei US-Bürger sind seit Jahresbeginn in Minneapolis von Bundesbeamten erschossen worden, Anfang Januar Renée Good, zuletzt Alex Pretti. Dazu sagte Trump nun: „Unterm Strich war es schrecklich. Beide Vorfälle waren schrecklich.“ Die tödlichen Schüsse auf Pretti am Wochenende hatten landesweit Empörung ausgelöst und die US-Regierung in Erklärungsnot gebracht, auch weil Videos den offiziellen Stellungnahmen widersprachen. Good war Anfang Januar von einem ICE-Beamten erschossen worden.

Kein Abzug der Einwanderungsbeamten

„Ich sehe darin keinen Abzug“, sagte Trump mit Blick auf den Rückzug des umstrittenen Kommandeurs der Grenzschutzbehörde, Gregory Bovino, samt einiger Grenzschutzbeamten aus Minneapolis. „Es ist eher eine kleine Veränderung.“

Den Einsatz übernimmt nun stattdessen Tom Homan. Homan blickt auf eine jahrzehntelange Karriere in Grenzschutzbehörden zurück und wird vor allem mit dem Vorgehen gegen irreguläre Einwanderer während Trumps erster Amtszeit in Verbindung gebracht. Umstritten ist er wegen seiner Rolle bei der Trennung von Familien.

Die US-Regierung hatte Tausende Bundesbeamte in die Stadt Minneapolis und den umliegenden Bundesstaat Minnesota geschickt. Die Einsätze sind Teil der verschärften Abschiebepolitik Trumps. In dem Interview des Senders Fox schien Trump den Einsatz grundsätzlich zu verteidigen: „Wir haben Tausende unbelehrbare Kriminelle aus Minnesota entfernt“, sagte der Präsident.

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