: Anders bauen spart viel Müll
Die Baumaterialien Holz und Lehm haben viele Vorteile, doch wo „Öko“ draufsteht geht es noch lange nicht immer gesund zu. Der Aufklärungsbedarf ist nach wie vor groß, ökologisches Bauen noch lange nicht der Normalfall
von TILMAN VON ROHDEN
Falkensee hat eine kleine, wenn auch nicht ganz unbedeutende Besonderheit. Dort entstand ein Einfamilienhaus, das entgegen der üblichen Bauweisen zu großen Teilen aus Holz besteht. Errichtet wurde es von dem auf Holzbauten spezialisierten Architekten Jens Blumenthal, der auch die ökologische Bauberatung Biba betreibt.
Das zweigeschossige Gebäude mit 150 Quadratmetern Wohnfläche basiert auf einer Holzrahmenkonstruktion mit einer zweischaligen Außenhaut, die aus unterschiedlichen Holzmaterialien besteht. Innen kommen die bekannten Rigipswände zum Einsatz.
Das Konzept basiert auf vorgefertigten Elementen, die inklusive Außenfassade und Dämmung auf den Bauplatz geliefert werden. Der Aufbau sei binnen dreier Tage möglich, so Blumenthal, danach könne mit dem Innenausbau begonnen werden. „Dies bedeutet eine enorme Reduzierung der Lohnkosten und ist ähnlich preiswert wie ein Fertighaus.“ Weitere Einsparungen würden sich erzielen lassen, wenn die Bauherren selbst Hand anlegen.
Im Unterschied zu den 80er Jahren werden heute keine feuchtigkeitsabweisenden Folien mehr verwandt. Denn sie verhindern, dass die Luftfeuchtigkeit zwischen den verschiedenen Holzmaterialien entsprechend den klimatischen Bedingungen zirkulieren kann, was zu einem ungesunden und unnatürlichen Raumklima führt.
Die Vorteile von Holzhäusern haben sich dennoch nicht durchsetzen können. Blumenthal schätzt, dass kaum fünf Prozent der Gebäude in Deutschland aus Holz bestehen, dagegen sind es in den USA rund 90 Prozent. „Hierzulande besteht ein großer Aufklärungsbedarf. Wenn die Vorteile bekannter wären, würden sich mehr Bauherren für ein Holzhaus entscheiden“, ist sich Blumenthal sicher.
Dass ökologisches Bauen Zukunft hat, würde allein schon das deutsche Müllaufkommen nahe legen, glaubt auch Peter Steingass vom Berliner Kirchbauhof. Er ist Experte für ökologisches Bauen mit dem Schwerpunkt Lehmbau und weiß zu berichten, dass rund 50 Prozent des Müllaufkommens durch Bauschutt entsteht.
Und dennoch verabschiede man sich, so Steingass, zurzeit vom „ökologischen Bauen“ – nicht von der Sache, aber vom Begriff. Statt dessen spreche man heute von baubiologisch einwandfreien Produkten. Ursächlich dafür sei, dass der Begriff ökologisches Bauen oftmals zu einem reinen Marketinginstrument herabgesunken sei. „Viele werben mit dem Label Niedrigenergiehaus und verschweigen, dass der geringere Energiebedarf mit erhöhten Krankheitsrisiken erkauft wird.“ Denn der energetische Fortschritt werde oft dadurch erzielt, dass die für gesundes Wohnen unabdingbare Feuchtigkeitszirkulation unterbunden werde. Dies gelte insbesondere für konventionelle Fertighäuser.
Natürliche Materialien wie Lehm, Hanf oder Stroh fördern dagegen laut Steingass die Atmungsaktivität von Gebäuden. So habe eine neuere Studie der Technischen Universität Berlin ergeben, dass Lehmputze ein bis zu fünf Mal besseres Feuchtigkeitsverhalten haben als die üblichen Kalk-Sand-Putze. Schon eine zwei Zentimeter dicke Lehmverkleidung bei konventionellen Häusern führe dazu, dass sich rund 70 Prozent der Vorteile eines ganz aus Lehm gebauten Hauses einstellen würden. Die Lehmputze seien außerdem attraktiv, weil sie in verschiedenen Farben erhältlich seien. Eine andere Studie der Bundeswehr-Universität in München belegt, dass Lehm besser als jedes andere Baumaterial den berüchtigten Elektrosmog abwehrt.
Dennoch ist das Bauen mit Lehm noch lange nicht der Normalfall. Eine exakte Zählung für Berlin gibt es nicht, als Indiz mag gelten, dass der für den Lehmbau bekannte Kirchbauhof in letzter Zeit kaum mehr ein Dutzend Lehmhäuser errichtet hat.
Trotzdem soll es deutschlandweit rund zwei Millionen Häuser aus Lehm geben. Die sind allerdings allesamt zur Hochzeit des Lehmbaus entstanden: im 19. Jahrhundert. Heute, so Steingass, behindere das Baurecht einen weiteren Aufschwung durch zweifelhafte Vorschriften.
Um den Lehmbau zu popularisieren, veranstaltet der Kirchbauhof, eine 1991 gegründete gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft, im kommenden Jahr zum fünften Mal eine Lehmbaumesse. Sie wird erstmalig im Umweltforum der dann frisch sanierten Auferstehungskirche stattfinden. Das Gebäude in der Friedensstraße wird mit ökologisch unbedenklichen Materialien wiederhergerichtet, unter anderem mit Lehm. Auf der Messe soll der Wandel des Lehmbaus zur Hightech-Architektur sichtbar gemacht werden: fix und fertig angelieferte Bausteine, fast drei Meter hohe und über einen Meter breite Lehmbauplatten, die sich schnell montieren lassen und auch mit integrierten Heizelementen erhältlich sind, Leichtlehmplatten und vieles mehr. „Mit diesen Innovationen könnte der Lehmbau seinen Durchbruch schaffen“, hofft Steingass.
Infos: Biba Bauberatung, Tel. (030) 787 57 24, www.moderner-lehmbau.de
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