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„Andere Bibliothek“ im neuen Verlag

■ Die von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Buchreihe erscheint nach der Pleite des Greno-Verlages nun bei Eichborn / Grenos Verlagspolitik war zu ehrgeizig

Es war eine Erfolgsstory wie sie im Buche steht: der Start des Verlages von Franz Greno im Jahre 1984 und die dynamische Expansion, die das Unternehmen in den Folgejahren durchlief. Den im Bleisatz gesetzten, handwerklich solide gemachten Büchern gelang es auf Anhieb, sich einen Stammplatz in den Feuilletons und in den Buchhandlungen zu erobern. Und dies nicht mit inhaltsarmer Bestsellerei, sondern mit verlegerisch gewagten Klassiker-Reprints und Großprojekten.

Der unerwartete Erfolg der riskanten Projekte (von der voluminösen Wieland-Ausgabe beispielsweise wurden 10.000 Exemplare verkauft) stieg dem ehrgeizigen Franz Greno zu Kopf. Er legte in wahnwitzigem Tempo weitere Edel-Buchreihen („Delphi“, „Krater-Bibliothek“) und eine große Taschenbuch -Serie auf, begann eine historisch-kritische Karl-May -Gesamtausgabe, brachte das Gesamtwerk von Karl Philip Moritz heraus - und knickte 1987 erstmals ein. Viele Programme wurden drastisch zurückgefahren, von einer „Krise“ jedoch war zumindest öffentlich keine Rede, Greno klotzte weiter. 1988 erschien der große Reprint von Sinn und Form und mit dem Bestseller der „Anderen Bibliothek“, Christoph Ransmayers Letzte Welt, schien ökonomisch die Welt in Ordnung.

Doch auch dieser Erfolg konnte den zu schnell gewachsenen Riesen Greno nicht mehr retten - im September 1989 kam wegen der undurchsichtigen Informationspolitik des Hauses für viele überraschend - Meldung von der Pleite. Seitdem fragt sich die Buchwelt, was mit der von Hans Magnus Enzensberger sehr erfolgreich edierten Reihe „Andere Bibliothek“, dem Aushängeschild des Verlages, werden soll.

Suhrkamp und andere Großverlage wurden als potentielle Interessenten gehandelt, doch seit Anfang dieser Woche steht fest, daß der Frankfurter Eichborn-Verlag den Zuschlag erhalten hat. Die „Andere Bibliothek“ wird dort mit monatlich einem Band in der selben Aufmachung wie bisher erscheinen. Gedruckt und hergestellt werden die Bücher auch in Zukunft bei Greno in Nördlingen. Mit dem einzigen Unterschied, daß nur noch die Erstauflage im Bleisatz erscheint. Der Eichborn-Verlag, der mit der „Sammlung Historica“ und der anspruchsvollen Reihe „Scarabäus“ sein Image als Humor- und Witz-Verlag schon ein Stück abgestreift hat, verspricht sich von der Liaison mit der „Anderen Bibliothek“ einen weiteren Schritt in diese Richtung. Die unabhängigen Köpfe der „Anderen Bibliothek“ erhoffen sich ihrerseits von dem solide fundierten kleinen Eichborn-Verlag die bei einem Großverlag nur schwer mögliche Alleinstellung und individuelle Pflege.

Mathias Bröckers

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