Analyse: Freie Hand für Belgrad
■ Der Westen läuft Gefahr, an einer Tragödie im Kosovo mitschuldig zu sein
Noch nimmt die Öffentlichkeit die Warnungen vor der Gefahr einer großen Explosion mit vielen Opfern im Kosovo nicht ernst. Jeden Tag sterben Menschen, dennoch berichten die Medien in der Regel erstaunlich zurückhaltend. Vielleicht deshalb konnten die Verantwortlichen des Freistaates Bayern noch vor wenigen Tagen 96 Kosovo-Albaner in ihre Heimat zurückzuschicken. Was soll denn noch alles passieren, bis bemerkt wird, wie dramatisch die Lage für die Menschen im Kosovo geworden ist?
Seit einigen Wochen werden die serbischen Truppen verstärkt und vor allem im Westteil des Landes in Stellung gebracht. Zwischen Peja (Pec) und Prizren kontrollieren serbische Militärs mit Artillerie und Infantrie lückenlos jeden Quadratmeter Boden. Die meisten Frauen und Kinder sind in die eingeschlossene Stadt Djakova geflohen. Schon jetzt werden die Lebensmittel knapp.
Die Art der militärischen Operationen lassen Rückschlüsse auf den politischen Plan Belgrads zu. Wenn die serbischen Truppen bald systematisch losschlagen, werden die Dörfer dieser Region entvölkert sein. Dann werden die serbischen Militärs auch die Grenze zu Albanien abgeriegelt haben und in der Lage sein, die albanische Bevölkerung im Osten des Landes vollständig zu beherrschen. Kann dies von Albanien und den Albanern Makedoniens geduldet werden? Die kosovo-albanische Untergrundorganisation UCK, die mit ihren Aktionen den serbischen Truppen ein Alibi für ihr Vorgehen liefert, stellt nur die Vorhut der Mobilisierung der Albaner dar. Die Erregung in Albanien und unter den Albanern Makedoniens ist schon jetzt nicht mehr zu übersehen.
Anders als die Öffentlichkeit rechnen die Politiker der wichtigsten Nationen der Welt mit dieser Möglichkeit. Ihr Rezept scheint sich jedoch nur gegen die bedrängte albanische Bevölkerung zu richten. Seit Wochen wird davon geredet, dazu beizutragen, die „Grenzen zu den Nachbarstaaten zu sichern“. Jetzt will auch Rußland Truppen nach Makedonien schicken, um die Grenze zwischen Kosovo und Makedonien für die Albaner abzusperren. Bisher sind die Signale Europas und Rußlands trotz oder wegen der wirkungslosen Embargobeschlüsse eindeutig: Milošević hat freie Hand, im Kosovo mit Waffengewalt vorzugehen.
Nur die USA streben neben der „Eindämmungspolitik“ eine politische Lösung an. Mit jedem Tag jedoch schwindet die Bereitschaft der Machthaber in Belgrad, solche Vorschläge in Erwägung zu ziehen. Die Haltung des Auslands und der Öffentlichkeit vor allem in Europa könnte – wie in Bosnien-Herzegowina – im Kosovo zu einem großen Unrecht an der Zivilbevölkerung beitragen. Es scheint, daß niemand etwas aus Srebrenica gelernt hat. Erich Rathfelder
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