: An Talenten mangelt’s nicht
DFB und Vereine bauen die Nachwuchsförderung im Fußball um. Talentierte Nachwuchsspielerinnen sollen endlich mehr Spielpraxis erhalten
Von Annika Becker
Heike Ullrich hat beim Frühstück durchgezählt. Bis auf eine hätten alle Spielerinnen des Nationalteams an ihrem Tisch irgendwann die Fritz-Walter-Medaille gewonnen, die höchste Nachwuchsauszeichnung des DFB. Das erzählte die DFB-Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball bei einem Medientermin vor dem Länderspiel gegen Japan in Bremen, um zu verdeutlichen, wie hoch die Trefferquote der Auszeichnung bei den Frauen im Vergleich zu den Männern ist. Das spreche für die Sichtung, sagte sie, zeige aber auch, wie klein die Auswahl in der weiblichen Kategorie ist.
Sportlich läuft es für die weiblichen U-Nationalteams 2026 gut, nachdem sich im letzten Jahr keines für ein Turnier qualifiziert hatte. Die U17 gewann im Mai nach zwei verpassten Endrunden erstmals seit 2022 die EM. Am Samstag geht es bei der WM in Marokko gegen Argentinien. Die U19 wurde im Juli Vizeeuropameisterin, den letzten EM-Titel gab es 2011, den letzten U20-WM-Titel 2014.
Die Strukturen im Nachwuchsfußball sind im Umbau. Nachdem die U17-Bundesliga nach der Saison 2023/24 abgeschafft wurde, steht den Vereinen frei, ob sie ihre B-Juniorinnen in regionalen Mädchenligen oder gegen jüngere Junioren antreten lassen. Laut Ulrike Ballweg, Sportliche Leiterin Talentförderung Frauen & Mädchen beim DFB, hatten „viele Spielerinnen, die in den Nationalmannschaften landen, Kontakt mit Juniorenfußball“.
Ab Sommer 2027 organisieren die Vereine der 1. Frauen-Bundesliga diese über den neuen FBL e. V. selbst. Das ist in einem Grundlagen- und einem Pachtvertrag zwischen DFB und FBL geregelt. Die Talentförderung bleibt aber wie die 2. Frauen-Bundesliga beim DFB, zudem geht 2027/28 eine neue dreigleisige 3. Liga an den Start. Ab 2029/30 sollen vorbehaltlich einer Evaluation nur noch in der 3. Liga Zweitvertretungen zugelassen werden. Diese treten als U20-Teams an und bieten Spitzentalenten rar gesäte Einsatzzeiten im Übergang zum Erwachsenenfußball.
Heike Ullrich, DFB-Vizepräsidentin
In der Saison 2025/26 belegten für den DFB spielberechtigte U20-Spielerinnen in der 1. Liga rund 16 Prozent der Kaderplätze, bekamen aber nur 6 Prozent der Spielzeit. In der 2. Liga hatten sie rund 30 Prozent der Kaderplätze und knapp 24 Prozent der Spielzeit. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf die Zweitvertretungen aus Frankfurt, München und Wolfsburg.
Ausgebildet werden sollen die Spielerinnen in den Talentförder- und Leistungszentren weiblich (TFLZw), die der DFB seit Anfang 2025 zertifiziert. Für die Ausbildung gelten für beide dieselben Anforderungen. Ullrich sagte, dass man sich an den Erfahrungen mit den Junioren-Nachwuchsleistungszentren (NLZ) orientiere, es aber wichtig sei „andere Kriterien aufzustellen, die vielleicht für die Frauen wichtiger sind“. Etwa Zyklusbegleitung und psychologische Betreuung, die von Spielerinnen stärker nachgefragt werde. Es ist etwa durch Studien belegt, dass Männer eine deutlich größere Scheu haben, therapeutische Angebote zu nutzen – mit teils schwerwiegenden Auswirkungen.
Das Talentförderzentrum (TFZ) ist die Einstiegsstufe, Leistungszentren (LZ) verlangen mehr hauptamtliches Personal, etwa bei den Trainer*innen. Gestartet wurde mit sechs Vereinen, gerade sind es elf: Eintracht Frankfurt, Wolfsburg, Leverkusen, der HSV und RB Leipzig (TFZ) sowie Bayern, die SGS Essen, Hoffenheim, Freiburg, Köln und Union Berlin (LZ). Weitere Vereine sollen folgen.
Die 58 NLZ der Junioren seien für die Mädchen „eine viel zu hohe Zahl“, sagt Ulrike Ballweg, die die Zentren verantwortet. Im Gegensatz zu den NLZs setzen die TFLZw erst ab der U16 an. Spielerinnen sollen „so lange wie möglich in ihrem familiären Umfeld“ bleiben. Ballwegs Ziel ist ein Zentrum im Umkreis von 100 bis 120 Kilometern jeder Spielerin. Davon ist das Netz in manchen Regionen weit entfernt.
Ursprünglich wollte der DFB 100 Millionen Euro in ein Joint Venture mit den Bundesligisten stecken. Nachdem das nicht zustande kam, hatte der DFB angekündigt, größtenteils an anderen Stellen in den Fußball der Frauen zu investieren. Nach Ullrichs Rechnung gehen über den Grundlagenvertrag „fast 30 Millionen“ an die 1. Liga. Insgesamt seien es nun „deutlich mehr“ als 100 Millionen, sagt Ullrich, „wenn man alles aufaddiert“. Es seien „in Summe über 80 Millionen“ Euro, die „als Zusatzinvestment in die gesamte Pyramide des Frauenfußballs“ gingen. Davon „weit über 10 Millionen“ für die Zentren, und es seien „knapp über 20 Millionen vorgesehen für das Legacy Programm der EURO 2029“.
Für die TFLZw ist im Grundlagenvertrag mit der FBL festgelegt, dass es für ein vom DFB zertifiziertes Leistungszentrum bis zu 100.000 Euro Förderung im Jahr geben soll. Laut Ullrich gelte dies auch für ein TFZ in der 2. Liga. Es sollten auch Klubs „ohne eine Profiabteilung im Hintergrund eines Lizenzvereins der Männer weiterhin die Chance haben, in diesen Ligen zu bestehen“, so Ullrich. Zugleich müsse „jedem klar sein“, sagte Ballweg, dass „man da kein Geld mit verdient. Zumindest aktuell noch nicht.“
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