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Ambros Waibel Der WochenendkrimiVon einem Mord zum anderen im Kölner Operndschungel

Das ist ein Film, der zu Beginn – in der Ouvertüre sozusagen – sehr stark, sogar grandios auf seine Bilder vertraut, auf das Ambiente; und dann, wenn die Handlung richtig einsetzt – das Libretto sozusagen –, etwas abflacht: Oper halt!

Praktisch, dass dieser Köln-„Tatort“ genau dort spielt, in der Kölner Oper, beziehungsweise den Kölner Opern. Die Sache ist nämlich eine der deutschen Renovierungsgeschichten, bei denen jedes Jahr eine neue Staffel aufgelegt wird – möglicherweise wird ja nun tatsächlich das Haus im Herbst dieses Jahres wiedereröffnet; aber nur nichts forcieren: In einem taz-Artikel aus dem Jahr 2018 hieß es noch, die 2015 drei Monate vor dem Start abgesagte Wiedereröffnung sei „momentan für 2023 geplant“. Und von Geld wollen wir als Berliner, die im Flughafenglashaus sitzen, gar nicht erst anfangen.

Nichts Genaues weiß man also nicht – und da sind wir ja schon beim Krimi, einer Kunstform, die von anfänglichen Unsicherheiten lebt: Wer war’s, wie und warum?

Schnell ist klar, dass, wer hier Leichen ausschmückt und aufhängt, sich auskennen muss mit Bühne und Hebebühne

An den Kölner Tatorten wird opernmäßig gemordet, mit Einsatz von Bühnentechnik, wird drapiert und inszeniert. Schnell ist klar, dass, wer hier Leichen ausschmückt und aufhängt, sich auskennen muss mit Bühne und Hebebühne – und zwar in beiden Häusern, der neuen alten Oper und der Interimsspielstätte. Das hat den Reiz des Ringelreihen des Geschehens und der Improvisation, den Drehbuchautor Wolfgang Stauch so beschreibt: „Wir gingen während der Stoffentwicklung davon aus, den ganzen Film in der alten, also neuen, also sanierten Kölner Oper zu drehen. Da es aber kurzfristig doch nicht zum geplanten Umzug kam, mussten wir reagieren. Plan B war zumindest schon im Hinterkopf: zum Teil eben auch in der Interimsspielstätte zu drehen. Was ich, offen gestanden, für eine glückliche Fügung halte – weil ich den Kontrast zwischen der ‚modernen Maschine‘ neue alte Oper Köln und der Improvisation im Interim für ganz großartig halte.“

Sagen wir statt „ganz großartig“ „sehr reizvoll“ – das trifft es dann aber auch: Ein reizvoller Fernsehkrimi ist „Die Schöpfung“ mit dem entspannten Kölner Ermittlerteam Ballauf und Schenk nämlich unbedingt. Es geht um verschmähte Liebe, um Mütter und Söhne, um falsche Fährten und echten Alkoholismus. Glänzen tun mal wieder die Frauen, Katja Bürkle als Eva Krüger, die spröd-spöttische Kollegin für alles, was handwerklich anliegt; und Hannah Schiller als Sopranistin Valerie Schmitt, deren Karriere stockt und deren Liebesleben sich in einen Albtraum verwandelt hat.

Die Geschichte wird so nachvollziehbar erzählt, dass man nebenbei bügeln oder die Steuer machen kann, bleibt dabei aber recht elegant und flüssig, was man auch erst mal hinkriegen muss. Bei aller kölschen Leichtigkeit auch im Umzugschaos könnte man vergessen, dass „Die Schöpfung“ ein echtes Generalthema der Kriminalgeschichte behandelt – die männliche Rache an einer Frau, die ihn nicht (mehr) will. So unerfreulich für ihre Figur Valerie Schmitt das ist, für Hannah Schiller ist es eine große darstellerische Gelegenheit, die sie bravourös nutzt – in der Oper würde man von einem Ereignis sprechen.

Und dann gibt es immer noch Häppchen von Haydns hübscher Musik, die einen eben auch immer dazu bringt, darüber nachzudenken, ob die Schöpfung nun eine gelungene war oder eher nicht. Fragen, die sich die Verantwortlichen für das Kölner Operndesaster vielleicht auch stellen.

Köln-„Tatort“: „Die Schöpfung“, So., 20.15 Uhr, ARD

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