Am Laternenpfahl: Ein ziemlich grausiger Fund
Lebendig ist er noch, der Mann, den der Spaziergänger vor der Kirche liegen sieht. Immerhin. Eigenes Geld hat er sogar auch.
I n der Oktobersonne liegt ein Mann, der vielleicht tot ist. Ist er nicht, sage ich mir. Stirbt keiner, hier, wo die Kirche die Regenbogenflagge raushängt. Wir sind doch nicht in Sachsen-Anhalt. Ich gehe weiter. Bleibe stehen. Schaue mich um. Heute bin ich das nicht. Nicht derjenige, der hingeht, fragt, den Krankenwagen ruft. Nicht derjenige, der den grausigen Fund macht. Ich schaue in den Himmel. Berlinhimmel, ewige Baustelle, Rohrleitungen notdürftig mit Wolken umwickelt, weil es ja bald kalt wird. Mist. Ich kehre um. Der Mann hat sich an einem Laternenpfahl hochgewuchtet, ist aber trotzdem noch ein ziemlich grausiger Fund. Er ist überall verschorft, stinkt, aus Löchern quillt das Futter, ach, gut, ist nur die Kleidung.
„Arschloch“, murmelt er. „Okay“, sage ich. „Geht es Ihnen gut?“
Das ist jetzt natürlich die dümmstmögliche Frage. Deshalb wird sie auch nicht beantwortet. „Der hat mich getreten, das Arschloch!“ Der Typ drückt sich an die Laterne, deutet mit dem Kinn auf einen Passanten.
„Manche Leute sind einfach Arschlöcher.“ Zur Abwechslung sage ich wohl mal was Wahres. „Kannst du mir ’n Döner holen?“ Ich schließe kurz die Augen. „Nee“, sage ich. „Ich hab selber Geld“, faucht er. „Schaff bloß den Weg nicht.“ „Ich auch nicht.“ „Bist doch noch jung.“ „Na ja.“
Oktobersonne, Berlinhimmel, Wolkenisolation.
Er schnieft. „Okay. Heb mir mal den Rucksack über die Schulter.“ „Hey, echt schwer. Der Arm sieht ja übel aus. Geht das?“ „Die Sanitäter fahren eh einfach weiter.“ „Und wenn ich da bleibe?“ „Denn hol lieber ’n Döner.“ „Ja, nee.“ Er schnauft. „Arschlöcher alles.“ „Okay, schönen Tag dann noch.“
Wie schön wird er werden, der Tag, die kommenden Tage, mit dem schwindenden Trost, dass wir hier woanders sind. Er lebt noch, immerhin.
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