Alltag in Nordkorea: "Monatsgehalt für ein Kilo Tomaten"

Die akute Hungersnot scheint vorerst gebannt. Statt Lebensmittel zu verteilen hilft die Welthungerhilfe nun, Saatgut zu verbessern. Leiterin Karin Janz über Arbeit, Leben und Alltag in Pjöngjang.

Leere Straßen: Nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang. Bild: dpa

Frau Janz, Nordkoreas Regierung zieht die Zügel immer straffer an, jetzt dürfen die Bürger keine Devisen mehr besitzen. Wie reagieren die Menschen?

Karin Janz: Es ist unklar, wie sich die Märkte und der private Handel in Zukunft entwickeln werden. Wird man überhaupt noch importierte Waren kaufen können? Wird es einen Schwarzmarkt geben? Die Koreaner sind findig und clever, sie werden sicher für sich eine Lösung finden. Bislang durfte jeder Koreaner Dollar oder Euro besitzen. Wer Verwandte oder Bekannte im Ausland hat - viele Koreaner leben in China -, ließ sich Waren schicken. Dann gab es Tupperpartys in den Wohnungen von Pjöngjang: Man verkaufte für einen Dollar Nylonstrümpfe, die man in China für fünfzig Cent eingekauft hatte.

50, verlässt Ende Januar Pjöngjang. Fast fünf Jahre lang leitete sie dort die deutsche Welthungerhilfe, die als größtes nichtstaatliches Hilfswerk außerhalb der UNO seit 1997 im Land ist. Die gebürtige Berlinerin und promovierte Landschaftsplanerin lebt seit über 20 Jahren in Asien. Mit Härteposten kennt sie sich aus: In Armutsdörfern der chinesischen Provinz Shanxi half sie vor ihrer Tätigkeit in Nordkorea bei der Wiederaufforstung abgelegener Lössgebiete.

Jüngst sorgte eine Währungsreform für Unruhe, Läden und Märkte waren geschlossen. Wie kommen die Nordkoreaner an Lebensmittel?

Sie versorgen sich aus verschiedenen Quellen: Die Bevölkerung erhält nicht mehr die vollen Rationen aus dem öffentlichen Versorgungssystem, doch es gibt ab und an Weißkohl, Reis, Zigaretten, Schnaps. Inzwischen sind die Märkte wieder offen, aber die Waren teurer geworden.

Was können sich ein Lehrer, eine Arbeiterin oder ein Beamter leisten?

Das durchschnittliche Monatsgehalt lag vor der Währungsreform vom Dezember bei etwa 5.000 Won im Monat, das entsprach umgerechnet einem Euro oder etwas mehr als 1,7 Dollar. Obwohl der neue Won zwei Nullen weniger hat, sind die Gehälter gleich hoch geblieben.

Das würde eine deutliche Lohnerhöhung bedeuten.

Richtig. Theoretisch müssten sich die Nordkoreaner jetzt deutlich mehr als früher leisten können. Praktisch allerdings dürfte es schon bald eine Inflation geben.

Was kann man für 5.000 Won kaufen?

Wie sich die neuen Preise entwickeln, muss man erst sehen. Ein Kilo Tomaten kostete im Winter bislang bis zu 5.000 alte Won.

Ein ganzes Monatsgehalt für ein Kilo Tomaten? Wie kann man da überleben?

Viele arbeiten nebenbei. Ein Arzt gibt nach der Arbeit im Krankenhaus Computerkurse für einen Dollar die Stunde. Nachhilfe oder Klavierstunden kosten ebenfalls einen Dollar.

Gibt es noch Hunger in Nordkorea?

Es gibt niemanden, der sagen kann, was in jeder Provinz, in jeder Stadt, in jedem Dorf los ist - das erfahren auch Koreaner nicht. Ich habe in den vergangenen fünf Jahren relativ viele Orte besucht, bis auf eine Provinz, die für Ausländer in der Regel gesperrt ist. Ich habe wenig offene Zeichen einer Hungersnot gesehen - keine ausgemergelten Körper, keine Kinder mit dicken Bäuchen, wie man sie aus Afrika kennt. Allerdings sind die Kinder viel kleiner als ihre südkoreanischen Altersgenossen. Ansonsten sieht man Felder, gefüllte Speicher und Leute, die Reissäcke tragen. Aber wir wissen auch, dass es meist im April und Mai für die Menschen schwierig ist, etwas zu essen zu finden, weil die Ernte des letzten Jahres aufgebraucht ist.

Ist es nicht unsinnig, Nordkorea mit Spendengeldern zu helfen, wenn die Armut im Land so offenkundig von der Regierung selbst verschuldet ist?

Wir helfen aus Prinzip da, wo Menschen in Not sind - unabhängig von der Politik ihrer Regierungen. Als wir 1997, in der Zeit der großen Hungersnot, nach Nordkorea kamen, haben wir vor allem Lebensmittel, Kleidung, Heizmaterial verteilt. Mittlerweile helfen wir unter anderem, Saatgut zu verbessern.

Dürfen Sie Kontakte mit der Bevölkerung haben?

Offiziell ist es nicht gern gesehen, wenn wir direkt mit den Bauernfamilien zusammenarbeiten. Inzwischen haben wir uns aber ein großes Vertrauen geschaffen, so dass es kein Problem mehr ist, auch mal die Menschen in ihren Wohnungen zu besuchen.

Müssen Sie sich Ihre Touren durch das Land genehmigen lassen?

Wenn wir Pjöngjang verlassen wollen, müssen wir das bis zum Mittwoch der Vorwoche anmelden. Das wird in der Regel problemlos erlaubt.

Aber in der Stadt können Sie sich frei bewegen?

Ja. Privat darf ich Pjöngjang allerdings nur verlassen, um in die Stadt Nampo an der 80 Kilometer entfernten Westküste zu fahren.

Frauen dürfen in der Hauptstadt nicht Fahrrad fahren, weil es angeblich unschicklich ist. Gilt das Verbot auch für Sie?

Ich habe eine Sondergenehmigung. Außerhalb Pjöngjangs dürfen alle Frauen aufs Rad. Eine Erlaubnis für die U-Bahn und die Straßenbahn habe ich allerdings nicht.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Am Samstag ist das große Schwimmbad von Pjöngjang für die Einheimischen gesperrt, dann dürfen wir Ausländer schwimmen. Kleinere Badehäuser sind auch für Ausländer und für Koreaner mit Devisen zugänglich. Mit meinen Mitarbeitern gehe ich einmal monatlich ins Konzert, anschließend in eine Kneipe, etwa in der Taedonggang-Brauerei.

Es gibt inzwischen zwei private Pizzerien.

Richtig - und relativ viele staatliche Kneipen. Dort trinken die Leute zwischen 18 und 20 Uhr ihr Bier, für das sie auch Rationsmarken bekommen.

Können Sie koreanische Bekannte anrufen und sich privat verabreden?

Nein, leider nicht. Ich habe mir immer gewünscht, engere Freundschaften mit Koreanern aufbauen zu können - oder wenigstens zwanglos zusammen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Das hat leider nicht funktioniert. Schon technisch sind spontane Treffen fast unmöglich. Es gibt verschiedene Telefonnetze, eines nur für Ausländer, andere nur für Koreaner untereinander. Neuerdings sind allerdings Handys erlaubt.

Wie viele Ausländer leben in Pjöngjang?

Bei den Hilfswerken sind es derzeit rund 50 internationale Mitarbeiter, hinzu kommen Diplomaten. Geschäftsleute kann man an den Fingern einer Hand abzählen.

Sie sind also ziemlich exotisch für die Nordkoreaner?

Die meisten wissen nicht, wie schwer es uns gemacht wird, zu ihnen zu kommen. Sie hören vielmehr von ihrer Regierung: "Die ganze Welt ist gegen uns, nur deshalb geht es uns so schlecht." Diese Ideologie hält das System zusammen.

Glauben die Menschen das?

Wir jedenfalls halten ein Fenster nach außen offen und zeigen, dass der Rest der Welt ihnen nicht feindlich gesonnen ist.

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