Alke Wierth Die Fußgängerin: Die Menschen da draußen
Foto: privat
Seit Kurzem besitze auch ich solche kleinen Bluetooth-Kopfhörer, die man sich direkt in die Ohrmuschel steckt, um – ja, warum eigentlich? Der Liebste hat sie mir geschenkt, damit ich auch unterwegs mit ihm telefonieren kann, ohne dass er über den Lautsprecher meines Handys zu hören ist. Nun bin ich dabei ja aber – trotz der Ohrstecker – immer noch zu hören und ziehe es deshalb auch weiterhin vor, private Telefonate in der Öffentlichkeit möglichst zu vermeiden: weil ich andere Leute nicht ungefragt mit meinen Privatangelegenheiten belästigen will. Zu oft habe ich mich selbst schon über lautstark telefonierende Leute im Bus oder gar an der Supermarktkasse geärgert – weniger wegen der Lautstärke, sondern weil sie dabei die Bedürfnisse und Befindlichkeiten und damit im Grunde die lebendige Existenz der Menschen in ihrer Umgebung so überheblich und geringschätzig wegignorieren.
Eine andere Möglichkeit, die mir die neuen Kopfhörer eröffnen, finde ich dagegen allerdings geradezu großartig: Ich gehe jetzt morgens – wie fast immer – zu Fuß zur Arbeit und höre dabei – neu! – Musik! Das lenkt mich von der Monotonie des immer gleichen Wegs ab, der mich an einer viel befahrenen Straße links und verwilderten, menschenleeren Grünanlagen rechts entlangführt und auf dem außer mir kaum jemand zu Fuß unterwegs ist, sodass ich mich nur wenig auf andere Verkehrsteilnehmer*innen konzentrieren muss.
So ist das Zu-Fuß-Gehen mit Musik eine beinahe rauschhafte Erfahrung – es versetzt mich in einen Rhythmus, der mein Gehen gleichzeitig schwungvoller und ruhiger macht, regelmäßiger. Das ist gleichzeitig entspannend und hochkonzentriert: gehen wie in meditativer Trance. Ich habe begonnen, Playlists für verschiedene am Tag zu erwartende Herausforderungen zusammenzustellen: von Trance House und Techno über Deutschrap bis zu a cappella gesungener Kirchenmusik der Spätrenaissance, je nachdem, welche Art von Grundstimmung ich gerade brauche oder bekämpfen will. Und ich fühle mich damit auf dem Weg zur Arbeit wie eine Sportlerin auf dem Weg in die Arena: topfit, fokussiert und allen Herausforderungen gewachsen – souverän im zwanglosesten Sinne des Worts.
Einen Schock versetzte mir allerdings der Versuch, dieses Erlebnis auch im Gedränge des öffentlichen Berliner Nahverkehrs auszuprobieren: Schon auf dem U-Bahnhof Hermannplatz fühlte ich mich in der quirligen Menge mit meiner Musik auf den Ohren plötzlich wie isoliert. Die anderen Menschen schienen sich wie Figuren in einem Computerspiel um mich herum zu bewegen: Komparsen, „Non Player Characters“ – Hindernisse eigentlich.
Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, was der Grund dafür war: Ich hörte sie nicht mehr! Die Macht meiner Kopfhörer hatte sie einer ihrer wesentlichsten, wesenhaftesten Eigenschaften, der Sprache, beraubt, verstummen lassen (beziehungsweise eigentlich natürlich ich).
Alke Wierth lebt in Berlin und spaziert durchs Leben
Irgendwie schien mich die Welt um mich herum damit plötzlich weniger anzugehen – und mit ihr die Menschen darin. Ich konnte sie an- und abschalten, mich so als Teil der lebendigen Menge fühlen oder von ihr absondern: körperlich zwar anwesend, also sichtbar, aber akustisch unerreichbar, schalldicht. Irgendwie anders als diese anderen: erhaben.
Ich mach das nicht mehr! Es war ein geradezu gruseliges Erlebnis, eine schockierende Erfahrung: Souveränität im autoritärsten Sinne des Wortes, eine von den anderen unkontrollierbare Macht über sie. Aber immerhin auch lehrreich: Ich habe seither nämlich irgendwie das Gefühl, die Bedeutung der bei Politiker*innen so beliebten Erzählung von „den Menschen da draußen“ zu verstehen.
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