Aktfotografie: Die nackte Wahrheit

Der nackte Körper hat das Potenzial, Anstoß zu erregen. Dieses Potenzial lässt sich aber auch ausblenden: Die Ausstellung "Nude Visions" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, wie akademisch sich mit der Aktfotografie umgehen lässt.

Ein Auf- oder Erreger ist die Ausstellung nicht: Gerhard Riebicke, "Paar beim Ausdruckstanz", um 1930. Bild: Museum für Kunst und Gewerbe

Der Puls: normal. Der Fluss der Gedanken: durchschnittlich. Die emotionale Befindlichkeit: im Hintergrund. Wenn, dann bleiben von einem Besuch der Ausstellung "Nude Visions" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe einige kunsthistorische Erkenntnisse über Aktfotografie übrig. Außerdem lässt sich etwas lernen über den gesellschaftlichen Wandel beim Umgang mit Nacktheit. Aber ein Auf- oder Erreger ist diese Ausstellung nicht. Statt "Nude Visions" gibts "Nude Lessons". Museumstauglich und jugendfrei.

Die Ausstellung zeigt über 250 Fotos von nackten Körpern aus 150 Jahren. Sie ist gegliedert in sieben Kapitel: Vier davon folgen einem historischen Abriss, drei sind thematisch zugeschnitten. Am Anfang der Aktfotografie und der Ausstellung stehen die Daguerreotypien aus dem Paris der 1840er Jahre: Bilder von Frauen in skulpturalen Posen. Die Aktfotos jener Zeit, lehrt die Ausstellung, dienten Malern und Bildhauern als Studienvorlagen.

Ab 1870 kamen die Freilichtakte hinzu, die die Fotografen beispielsweise in der französischen Kolonie Tunesien anfertigten: Nackte Einheimische, die daheim in Europa auch mit ihrer Exotik Aufsehen erregten.

Sämtliche Fotos der Ausstellung sind im Original zu sehen, was ein großer Gewinn ist. Die grob körnigen, zum Teil per Hand colorierten Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert auf dem festen, vergilbten Papier lassen sich beispielsweise mit dem Hochglanz-Druck eines Helmut Newton-Fotos vergleichen. Das verdeutlicht die Sinnlichkeit des Mediums Fotografie. Und verweist auf die reichhaltigen Sammlungsbestände des Münchner Stadtmuseums, das die Ausstellung konzipiert und bereits im vergangenen Sommer gezeigt hat.

Besonders gut bestückt ist die Münchner Sammlung im Hinblick auf Freikörperkultur (FKK) -Fotos: München war in den 1920er Jahren ein Zentrum der Lebensreformbewegung und an diesem Punkt gewinnt die Ausstellung dokumentarischen Charakter. Die Menschen probieren ein neues Körperbewusstsein und die Akt-Fotografie löst sich von den Posen der bildenden Kunst im 19. Jahrhundert, den sphärischen Darstellungen aus der Zeit um 1900 und den Technik-Experimenten der Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre.

Sportlich und verspielt geht es auf den FKK-Fotos der 20er zu, noch fehlt der politische Ernst der Nacktheit in den 1960er und 1970er Jahren. Aber den gibt es auch in der Ausstellung, und er hat einen gewissen Unterhaltungswert: Der Fotograf Stefan Moses beispielsweise hat den Künstler Friedensreich Hundertwasser abgelichtet, als dieser im Jahr 1967 nackt in einer Münchner Galerie seine "Große Architekturrede" hält. Hundertwasser gestikuliert wie ein Politiker in die Kamera, als wäre nichts anders als sonst. Das angezogene Publikum um ihn rum blickt ernst, konzentriert, beeindruckt offenbar nur von den Worten und nicht von der Performance.

Unter den thematischen Kapiteln widmet sich eines dem männlichen Akt, wobei auch das Thema schwule Emanzipation immerhin nicht ganz wegfällt. Außerdem gibt es die Abteilung "Glamour", in der unter anderem Fotos von Marilyn Monroe und Uschi Obermaier hängen - neben Portraits, die André Gelpke von Live-Show-Arbeiterinnen auf St. Pauli gemacht hat. Gelpkes Fotos sind alles andere als glamourös, sie interessieren sich für die Persönlichkeiten hinter der nackten Haut. Die Einteilung der Ausstellung ist nicht immer leicht nachzuvollziehen.

Was inhaltlich am meisten verwundert, das ist die Ausgestaltung des Kapitels "Künstlerische Positionen nach 1945". Nichts von Künstlern, die die Grenzen zwischen Akt und Porno austesten, die irritieren, weil sie sich mit unkonventionellen sexuellen Neigungen beschäftigen oder mit Körpern, die nicht dem entsprechen, was als normal gilt. Ein Bild der Fotografin Herlinde Koelbl hängt da, auf dem der faltige Körper einer alten Frau zu sehen ist. Mehr traut sich die Ausstellung nicht.

Das war 1985 anders: Damals hatte das Münchner Stadtmuseum mit der Ausstellung "Das Aktfoto. Ansichten vom Körper im fotografischen Zeitalter" noch wilde Diskussionen ausgelöst, auch, weil es eine Abteilung zum Thema Pornographie gab. Die alleine hätte der Ausstellung von 2010 nichts gebracht. Aber von den aktuellen Positionen in der Aktfotografie hätte man gerne gewusst, wie sie sich im Museum machen - und was das Publikum dazu gesagt hätte.

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