Afrikanische DesignerInnen in Berlin

Modische Zuversicht

Das Berliner Kunstgewerbemuseum übt sich mit „Connecting Afro Futures. Fashion. Hair. Design“ in Zeitgenossenschaft.

Ein junger, schwarzer Mann trägt eine Jacke aus recycelten Autoreifen und bunter Wolle. Es handelt sich um ein Modell des Labels Njola Impressions. Auffällig sind überlange Ärmel und Wollfäden, die lang herunterhängen

Modell in einer Jacke aus recycelten Autoreifen und Wolle von Njola Impressions Foto: PapaSho­PapaSho­PapaShotit/smb

Als würde der Wind durch das Kleid fahren und der Hut schon durch die Lüfte schweben. Welche Frau dieses Kleid wohl tragen würde? Roslyn Johnson, die persönliche Assistentin von José Hendo, beantwortet das mit englischem Understatement. „Oh, bestimmt eine Frau, die Eindruck machen möchte“, sagt sie höflich und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Stoff der Baumrinde und damit auf das, was tatsächlich Natur und hochpolitisch an diesem romantischen Couture-Kleid ist.

Mode zu lesen, ein Kleid zu deuten, das ist immer auch ein assoziatives und damit riskantes Vergnügen. Leicht kann es da passieren, dass man sich in den eigenen Projektionen verfängt und übersieht, was tatsächlich geschieht. Zeitgenossenschaft üben. Bedeutungen jenseits der eigenen Deutungsmuster knüpfen. Das ist alles andere als eine Kleinigkeit, und wenn sich das Berliner Kunstgewerbemuseum mit der am vergangenen Freitag eröffneten Ausstellung „Connecting Afro Futures. Fashion. Hair. Design“ genau das vorgenommen hat, ist das eine wunderbare Nachricht.

Acht afrikanische Designerinnen und Künstlerinnen hat man eingeladen und gebeten, ihre eigenen Geschichten zur afrikanischen Mode zu erzählen. Zu den Adressaten zählen bekannte Stars wie der Konzeptkünstler Meschac Gaba oder die 1977 in Kinshasa geborene Adama Ndiaye (Adama Paris), die als Designerin und Gründerin der Dakar Fashion Week seit vielen Jahren das Geschehen mitbestimmt.

Der berühmte Rindenstoff vom Mutuba-Baum

Der Name José Hendo ist bereits gefallen. Die in Uganda geborene und in London lebende Designerin und Umweltaktivistin hat lange Zeit Brautmode entworfen, um dann, während sie anlässlich eines Besuch ihrer Familie auf einem Markt Geschenke kaufen wollte, dem ältesten Stoff der Menschheit, dem vom Mutuba-Baum gewonnenen Rindenstoff (bark cloth) zu begegnen.

„Connecting Afro Futures. Fashion – Hair – Design“ läuft bis zum 1. Dezember im Kunstgewerbemuseum im Kulturforum am Matthäikirchplatz in Berlin. Der Magalog (Kerber Verlag) besticht neben umfangreichem Bildmaterial, durch Modestrecken, Essays, Statements und Interviews und kostet 30,- Euro

Fortan widmete sie ihre Kraft einer kompromisslos nachhaltigen Mode und seit 2008 einem eigenen Label. Das Stylisten-Paar Baay Sooley und Laure Tarot von Bull Doff ist vertreten. 2017 erregten sie in Genf auf der Afrodyssée großes Aufsehen mit einer Kollektion, die die Muster der alten, heilenden Kunst Imigongo aus Ruanda zitiert.

In Berlin zeigt Bull Doff nun eine Interpretation des traditionell gewebten Tuches „Sëru Njaago“ aus dem Senegal. Lamula Anderson, die zu den nachdenklichsten und erfolgreichsten jungen Designern gehört, bringt acht schwarze Kleider und Kostüme ins Museum. Nach dem spektakulären Fro-Dress ihrer Enviri-Kollektion 2016, verknüpft sie kontinuierlich zwei Themen ihrer Mode – das „Afro-Hair“ und die Kleiderfarbe Schwarz, von der man ihr als schwarzer Frau stets abgeraten hat – mit Reflexionen über die weibliche Silhouette.

Die sexuelle Ausbeutung der schwarzen Frau

Gedanken über das 19. Jahrhundert, den Voyeurismus und die sexuelle Ausbeutung der schwarzen Frau spiegeln sich in dieser subtilen und eindringlichen Installation wider. Das Motiv der Tournüre taucht raffiniert verwandelt an einem schwarzen Abendmantel auf und fordert die auf europäische Dresscodes beschränkten Assoziationen heraus.

Die Kunsthistorikerin Claudia Banz, die neben der Kunst-, Film- und Medienwissenschaftlerin Cornelia Lund und der Stylistin und Modeagentin Bea­trace Angut Oola, eine der drei Kuratorinnen der Ausstellung ist, hat auf der Pressekonferenz genau diesen Zusammenhang aus ihrer Sicht benannt.

Eine der besten Modesammlungen Europas, sagte sie, die des Kunstgewerbemuseums Berlin, besitze bisher kein einziges Stück afrikanische Mode. Das werde sich hoffentlich ändern, sagte die Kuratorin, selbstverständlich ohne zu verraten, welches Stück sie persönlich im Auge hat.

Die Jacke, die so toll ist, dass alle sie haben wollen

In einem Radiointerview noch vor Ausstellungseröffnung erwähnte sie allerdings eine Jacke, die so toll sei, dass alle sie haben wollten. Gemeint haben muss sie die aus recycelten Autoreifen und Wolle entworfene Jacke des Labels Njola Impressions, die im letzten Raum der Ausstellung auf den Besucher wartet wie ein lässiger und sehr beschützender Freund.

Doch Vorsicht! Der Wunsch nach Nähe geht an diesem stolzen Fashion-Item womöglich völlig vorbei. Jedenfalls ist die Materialität dieser Mode komplexer, herausfordernder als die Annahmen, sagen wir, einer weißen, europäischen Frau mittleren Alters, die in einem deutschen Museum das Stichwort von der „Community-basierter Designpraxis“ liest.

Das Gefühl der falsch verstandenen Nähe verliert sich dagegen sofort, wenn Nabukenya Allen selbst über ihre Arbeit in Kampala und über eine Gruppe von 20 Künstlern spricht, die sich in den Gemeinden der Slums engagieren. Alte Autoreifen, Flip-Flops, gefährlicher Plastikmüll werden gesammelt und gereinigt und durch die rettende „Kunst des Recyclings“ in Jacken und Schuhe, in Mode und Design verwandelt.

Die gemeinsame Freude und das Miteinander-Reden

Das Weitergeben von Wissen spiele eine Rolle. Die gemeinsame Freude und das Miteinander-Reden. Die Musik. Für billigen Trost sei es zu spät. „Wir alle“, sagt Nabukenya Allen, „werden sterben, wenn wir uns nicht um unsere Umwelt kümmern.“ Es ist der Satz, der sich am weitesten von der Zuversicht dieser Ausstellung und einer dezidiert afrofuturistischen Position entfernt, wie sie etwa die prominente senegalesische Designerin und Kultur-Bloggerin Ken Aïcha Sy vertritt.

Awa und Djessene. Ein mythisches Paar, fotografiert von Yannik Ntap, blickt dem Betrachter stolz und mit dem überlegenen Wissen um die Möglichkeiten der Zukunft entgegen. „Baadaye“, so der Titel, was Zukunft auf Sua­heli heißt. Diese Porträts ergänzt Ken Aïcha Sy mit einem Video-Interview. „Wie sagt man Zukunft in deiner Sprache?“ „Was ist Afrofuturismus für dich?“ „Wie siehst du Afrika im Jahr 2200?“ „Wer bist du?“

Afrika als Ort positiver Über­-schreitung, als Raum schöpferischer Zukunft

Die Antworten zeichnen Afrika als den Ort einer positiven Überschreitung, als einen Raum, in dem technische, wissenschaftliche Grenzen zugunsten einer schöpferischen Zukunft fallen. Das Selbst repräsentiert sich darin im Gefühl der Stärke, unbeeindruckt von den Diskursregeln der Unterdrückung und nicht länger interessiert am Nichtwissen und der Ignoranz Europas, die aus dem Horizont der Selbstwahrnehmung verschwinden.

Mehr Einmischung durch Begleittexte erwünscht

Für die Arbeiten, die aus den westafrikanischen Traditionen kommen, gilt diese Betonung afrikanischer Identität vermutlich etwas deutlicher als für die Positionen der kreativen Zentren Ostafrikas. Doch eine Regel gibt es nicht, so dass man der Spur beim Gang durch die Ausstellung auf eigene Verantwortung folgt und sich von den Begleittexten manchmal ein bisschen mehr Einmischung wünscht.

Doch die Ausstellung hält sich zurück und delegiert die Diskussion der Perspektiven an den „Magalog“ (Fashion-Magazin + Katalog). Man könnte das als Zeichen gebotener Vorsicht, als diskreten Hinweis auf die eigene Überforderung lesen.

Wie lässt sich die kreative Dynamik der ostafrikanischen und westafrikanischen Fashion-Hubs adäquat in den eigenen musealen Kontext übersetzen? Für ein Haus wie das Berliner Kunstgewerbemuseum, das historisch im 19. Jahrhundert und im Zeitalter des Kolonialismus gründet, das gewohnt war, ausschließlich europäische Dresscodes für der Mode würdig zu halten, transportiert diese „leitende Frage“ einen entscheidenden Schritt. Man ist spät dran. Dem europäischen Blick ist so vieles entgangen und unverständlich geblieben. Jetzt muss man mit der eigenen Einsamkeit leben oder, wie hier, anfangen, sich daraus zu befreien.

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