Afrika-Cup in Marokko: Lumumba-Doppelgänger Michel Kuka posiert als lebende Statue
Er sieht genauso aus wie der Nationalheld der Demokratischen Republik Kongo und ist bei jedem Fußballspiel seines Landes der Hingucker.
Immer wenn im laufenden Afrika-Cup – dem Pendant zur Fußball-Europameisterschaft – die Demokratische Republik Kongo spielt, sticht im kongolesischen Fanblock ein Mann hervor: Michel Kuka. Gekleidet in einem Anzug in kongolesischen Nationalfarben, steht er das ganze Spiel über regungslos auf einem Holzschemel und reckt den rechten Arm in den Himmel. Damit erinnert er an Patrice Lumumba, Kongos großen Freiheitshelden. Die Pose ist typisch für ihn, auch sein offizielles Denkmal in Kongos Hauptstadt Kinshasa zeigt ihn in dieser Körperhaltung.
Doch damit nicht genug, Michael Kuka sieht Lumumba auch zum Verwechseln ähnlich: dasselbe schmale Gesicht, dieselben Furchen, dieselbe Frisur und Brille.
Patrice Lumumba steht für den Todesmut der antikolonialen Freiheitskämpfer Afrikas. Aufgewachsen in Belgisch-Kongo mit rigidem Apartheidsystem, das Millionen Kongolesen das Leben kostete, gründete Lumumba die erste Unabhängigkeitsbewegung. Als Belgien die Kolonie völlig unvorbereitet am 30. Juni 1960 in die Unabhängigkeit entließ, wurde Lumumba Premierminister.
Er bot dem belgischen König die Stirn und hielt während der Unabhängigkeitsfeier eine historische Rede, in der er auf Kongos „Kampf mit Tränen, Feuer und Blut“ gegen Versklavung und Massenmord hinwies. Das Land versank im Bürgerkrieg, und am 17. Januar 1961 wurde Lumumba unter belgischem Kommando hingerichtet, dann verscharrt, wieder ausgegraben, in Säure aufgelöst, damit nichts zurückbleibt – außer einem Goldzahn, den ein Belgier mitnahm und der erst vor Kurzem restituiert wurde.
Lumumba ist bis heute Kongos Nationalheld – der einzige, mit dem sich alle 120 Millionen Einwohner identifizieren können, der 17. Januar bleibt neben dem 30. Juni Kongos wichtigster Feiertag.
Denkmal oder Zaubermeister?
Michel Kuka Mboladinga bezeichnet sich selbst als „Lumumba Vea“, als Lumumbas Denkmal. Seit 2013, sagt er, verkörpert er den Nationalhelden, dem er verblüffend ähnlich sieht, was er aber auch kultiviert. Der 53-Jährige gehört zum offiziellen Fanclub der kongolesischen Nationalmannschaft als „Artist“.
Auch aktuell, beim Turnier in Marokko, salutiert er stets regungslos und stumm auf der Tribüne für die „Leoparden“, wie das kongolesische Team auch genannt wird. Dadurch wird Kuka nun auch weltweit wahrgenommen – mit jedem Spiel ein bisschen mehr, seit dem Sieg gegen Botswana am 30. Dezember geht er in den afrikanischen Medien viral. „Ich bin selber überrascht“, sagt er in einem Interview. „Was ich mache, freut alle Kongolesen. Ich gebe auch den Spielern Kraft, wenn sie mich sehen. Damit sie gewinnen.“
„Es wird viel über ihn erzählt“, sagte der kongolesische Sportjournalist Guy Elongo der staatlichen Nachrichtenagentur ACP. „Viele denken, dass Lumumba Vea sich während des Spiels in eine Statue verwandelt. Andere nennen ihn gar einen Zaubermeister, der alle Glücksbringer des Landes besitzt.“
Bisher läuft es gut. Die DR Kongo hat als Gruppenzweiter die Vorrunde des Afrika-Cups überstanden, mit Siegen gegen Benin und Botswana und einem Unentschieden gegen Gruppensieger Senegal. Am 6. Januar folgt das sicher nicht einfache Achtelfinale gegen Algerien, und es warten eventuell noch härtere Gegner: Nigeria, Kamerun und Gastgeber Marokko. Wenn die Lumumba-Magie weiterwirkt, kommt das große Finale am 18. Januar. Einen Tag nach dem Lumumba-Todestag könnte die DR Kongo ihren ersten internationalen Titel seit über 50 Jahren holen. Dann würde wohl auch Michel Kuka endgültig zum Helden.
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