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Midlife, jetzt anderswoWas bleibt, ist Liebe

Unsere Kolumnistin verabschiedet sich und zieht Bilanz. Da ist ein hübsches graues Haar, da ist Sorge und die Freundschaft. Und einer, der tröstet.

M ein Midlife sieht nach zwei Jahren so aus: Ich komme mal wieder zu spät aus der Redaktion und schiebe mein Fahrrad über den Hackeschen Markt, wo mir ein Straßenbarde einen Herzschmerzsong von Bon Jovi entgegenschmettert. Ich lebe also immer noch in Berlin, obwohl mir diese Stadt mittlerweile oft auf die Nerven geht, und ich arbeite immer noch für die taz.

Gerade erst wurde mir bei Social Media Prestige steigernde „Fettaneignung“ vorgeworfen, weil mein Plädoyer für mehr körperliche Selbstakzeptanz mit dem Foto einer Frau bebildert wurde, die mehr wiegt als ich. Willkommen im Leben einer linken Kulturjournalistin. Ich schätze die meisten meiner Le­se­r*in­nen trotzdem.

Beim Blick in den Spiegel habe ich heute tatsächlich mein erstes graues Haar entdeckt. Fantastisch! Damit bin ich meinem Ziel, eine alte, weise Magierin zu werden, wieder ein Stück näher gekommen.

Es ist halt immer für eine Überraschung gut, dieses Midlife. Ich finde, dafür halte ich mich ganz wacker. Okay, vor zwei Tagen hatte ich mal wieder einen Heulanfall. Ich habe wirklich Rotz und Wasser geheult und mit einer Klopapierrolle alles Mögliche in meiner Wohnung abgeworfen. Der Unterschied zu meinem verheulten Geburtstag von vor zwei Jahren war aber, dass es dieses Mal jemanden gab, der die Klopapierrolle für mich aufgehoben hat.

Wofür ich dankbar bin

Als ich mit der Kolumne begonnen habe, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal so viel über die Liebe schreiben würde, aber es gibt viel mehr davon in meinem Leben, als mir vorher bewusst war – und dafür bin ich dankbar.

Für meinen Freund A. und meine Geschwister, für meine Freun­d*in­nen und meine Mutter, die bei einer gemeinsamen Italienreise mal gesagt hat, dass sie zu mir hält wie verrückt.

Kollegin A. hat mir neulich nach einem harten Moment bei der Arbeit einen Schokoriegel geschenkt. Ja, die Arbeit, darüber hätte ich gerne mehr geschrieben, denn dieses Thema ist ja bei uns allen omnipräsent. Die Arbeit am eigenen Körper, politische Arbeit, Broterwerb.

Letztes Wochenende sitze ich mit Bekannten beim Kaffee und S. erzählt, dass sie Angst um ihren Job hat. Sie ist noch nicht lange bei dem Demokratieprojekt. Eine Kollegin von ihr sei bereits gekündigt worden, nun macht sie sich Sorgen, dass es sie als Nächste trifft.

Ich versuche, sie aufzubauen, auch wenn mich die demokratiefeindliche Sparpolitik der Regierung genauso besorgt wie sie. „Es läuft nicht überall schlecht“, wirft ihr Freund ein und streichelt ihr übers Knie. Sie schmiegt sich an seine Schulter, weil sie glaubt, dass er ihre Beziehung gemeint hat. Meinte er aber nicht. Er meinte seinen Job bei einer Softwarefirma. „Sorry!“, sagt er und wird rot – dabei müssten sich eigentlich andere entschuldigen.

Die Mitte, das sei eine Zeit im Leben, die für nichts stehe, sagte zu Beginn der Kolumne eine jüngere Kollegin, eine andere sagte, da müssten doch eigentlich alle gesettelt sein.

Ich glaube, ich habe sie enttäuscht. Denn, wie man ja miterleben konnte, hat es mein Kolumnen-Ich zwischendurch ganz schön durchgeschüttelt. Dabei ist mein Midlife im Verhältnis zur Zeitspanne, die es umfasst, gerade erst losgegangen. Und trotzdem war von der Hormonschwankung bis zum Finanzdesaster einiges dabei.

Aber keine Angst, es gibt auch viel Schönes im Midlife. Ich bin zum Beispiel cooler damit geworden, nicht immer cool sein zu müssen. Außerdem habe ich das Schwimmen für mich entdeckt. Also jetzt nicht nur im Leben, um mich von Dingen freizuschwimmen, sondern auch im Freibad. Und dort werde ich jetzt auch hinradeln. Tschüss, liebe Lesende. Bis bald!

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Anna Fastabend

Anna Fastabend Redakteurin wochentaz

Hat mal Jura studiert und danach Kreatives Schreiben am Literaturinstitut in Hildesheim. Hat ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung gemacht und Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Schreibt über feministische Themen, Alltagsphänomene, Theater und Popkultur.
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