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Am Lübecker Flughafen wurden CDs mit deutscher Volksmusik an Passagiere verteilt. Hat es damit zu tun, dass Eigentümer Winfried Stöcker die AfD unterstützt?

AfD-nah: Unternehmer Winfried Stöcker spricht im Mai 2025 auf einer Demonstration der Aktion „Deutschland steht auf“ Foto: Jörg Carstensen/dpa

Von Amira Klute

Kurz bevor die Passagiere eines Fluges nach London Anfang Januar Deutschland verlassen, bekommen sie ein komisches Geschenk. In der Schlange vor der Gepäckkontrolle am kleinen Flughafen Lübeck-Blankensee bietet ein Mitarbeiter eine CD zum Mitnehmen an, kostenlos. Auf dem Cover ist eine lachende weiße Frau im Dirndl in einem Kornfeld zu sehen, Titel: „Kein schöner Land – Lieder die zu Herzen gehen“. Es ist eine Sammlung, erschienen 2010 bei der Plattenfirma Deutsche Grammophon/Universal.

Auf dem Tresen vor dem Mitarbeiter liegt ein ganzer Stapel der eingeschweißten CDs. Ich bin auf dem Weg zu einem Auslandspraktikum und nicht die einzige in der Schlange, die eine CD mitnimmt. Ich frage den Mitarbeiter, warum er sie verteilt und woher sie kommen. Sie kämen vom Eigentümer, sagt er. Warum, wisse er nicht und lächelt ein bisschen gequält.

Warum werden vor einem internationalen Flug an sehr internationale Fluggäste CDs mit alten deutschen Liedern verteilt? Die Frage lässt mich nicht los, obwohl ich längst in Großbritannien bin.

Vielleicht, weil der Eigentümer des Flughafens nicht irgendjemand ist, sondern der AfD-nahe Unternehmer Winfried Stöcker. Der 78-Jährige hat den kleinen Flughafen 2016 gekauft. Reich geworden ist er mit seinem 1987 in Lübeck gegründeten Labordiagnostik-Unternehmen Euroimmun, das er 2017 verkauft hat.

Rassistisch und antifeministisch

Winfried Stöcker fällt seit Jahren mit vulgär-rassistischen und antifeministischen Aussagen auf. Schon 2014 sprach er in einem Interview von einer drohenden „Islamisierung Deutschlands“, verteidigte danach mehrfach die Verwendung des N-Wortes, und äußerte sich 2017 zutiefst misogyn über MeToo. Während der Coronapandemie machte er Schlagzeilen, weil er einen selbst entwickelten Impfstoff ohne Zulassung verimpfte.

Stöcker hat schon viel Geld an die AfD gespendet: 50.000 Euro im vergangenen Dezember, 20.000 Euro 2019 und kurz vor der Bundestagswahl ganze 1,5 Millionen – damals die höchste Einzelspende in der Geschichte der Partei.

Vor der Wahl ließ Stöcker außerdem Briefe verteilen in Lübeck und Umgebung und bei Görlitz (wo ihm ein Kaufhaus gehört). Diese werben dafür, AfD zu wählen – mit dem Logo seines Flughafens. Es wurde diskutiert, ob das eine unzulässige Parteispende war. Stöcker bestätigte damals dem NDR, dass das Schreiben von ihm kam. Der Flughafen dagegen distanzierte sich knapp: „Wir als Flughafen verstehen uns als politisch neutral, wir freuen uns auf unsere Passagiere.“

Lieder, die im Eichengrund klingen

Ähnlich schmallippig antwortet der Flughafen jetzt auf die taz-Anfrage, wer veranlasst hat, dass die CDs verteilt werden und warum man so was überhaupt macht. Man wolle „keine Auskunft erteilen“, so ein Sprecher. Ein paar Tage später schreibt Winfried Stöcker selbst, den ich über sein „Labor Stöcker“ erreichte: „Ich habe Ihnen schon einmal mitteilen lassen, dass Sie das einen Dreck angeht.“

Weil er dazu nichts sagen will, können wir nur spekulieren, ob und wenn ja warum Stöcker sich dafür entschieden hat, ausgerechnet „Kein schöner Land“ zu verschenken.

Was ist das überhaupt für eine CD? Der titelgebende erste Track „Kein schöner Land in dieser Zeit“ wurde erstmals 1840 veröffentlicht. Der Text handelt nicht explizit von Deutschland, sondern von Linden zur Abendzeit, von Liedern, die im Eichengrund klingen, und von Gott. Das Lied ist in zahlreichen deutschsprachigen Liederbüchern zu finden, darunter auch in solchen der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel.

Von Heino und Nena gecovert

Aber 2011 hat auch die deutsche Wochenzeitung Die Zeit das Lied in seine „Volkslieder“-Sammlung aufgenommen.

„Kein schöner Land“ wurde oft gecovert, unter anderem von Heino und Nena. Im Film über sein Leben aus dem Jahr 2015 summt der kommunistische Widerstandskämpfer Georg Elser das Lied, als er zum ersten Mal von den Nazis verhört wird. Auf der CD ist eine Version von Peter Schreier zu hören, einem 1935 in Meißen geborenen Tenor.

Andere auf der CD vertretene Lieder sind: „Das Wandern ist des Müllers Lust“ und „Es waren zwei Königskinder“. Weitere In­ter­pre­t*in­nen sind die niederländische Sopranistin Elly Ameling, die Regensburger Domspatzen und die Wiener Sängerknaben.

Ich habe Ihnen schon einmal mitteilen lassen, dass Sie das einen Dreck angeht

Flughafen-Besitzer Winfried Stöcker in einer E-Mail an die taz

Angestaubt und billig

Grob zusammengefasst sind es mehr oder weniger bekannte deutsche Lieder, interpretiert von respektablen Musiker*innen, die zwischen den 1960er und 80er Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren und nicht gerade im Verdacht stehen, rechtsradikal zu sein.

Es handelt sich nicht um eine Rechtsrock-CD, wie sie Neonazis auf Schulhöfen verteilen würden. Es ist eine irgendwie angestaubte und etwas billig wirkende Zusammenstellung deutscher Lieder.

Und doch. Eine Version des Titellieds findet man seit Kurzem auf Youtube, wo es vor wenigen Tagen mit einem KI-generierten Cover hochgeladen wurde: Eine weiße Heterofamilie singt lachend in Tracht auf einer Wiese mit Deutschlandfahne „Kein schöner Land“. Die Plattform ist seit einiger Zeit voll von ähnlichen Inhalten, Titeln in Frakturschrift – Lieder aus Deutschland eben.Amira Klute

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