Abfalltrennung in Spanien: Müllaufruhr in Barcelona

Um die EU-Vorgaben für Recycling zu erfüllen, will Spanien ein neues Gesetz beschließen. Mancherorts sorgte das für richtig Ärger.

Müllcontainer mit verschiedenfarbigen Deckeln zur Mülltrennung auf einer Straße in Barcelonaner leeren Gasse

Bisher wurde in Barcelona der zuhause getrennte Müll zu Containern auf der Straße gebracht Foto: Marc Soler/imago

MADRID taz | Eigentlich wollte sie eine Erfolgsmeldung verbreiten. Die für die Altstadt von Barcelona zuständige Stadträtin Lucía Martín hatte vergangenen Donnerstag den Rat des Viertels San Andreu zusammengerufen. Dank des neuen Müllsystems „Von Tür zu Tür“ habe sich in nur einer Woche die Mülltrennungsquote im Stadtteil fast verdoppelt, verkündete sie stolz. Doch dann musste sie die Sitzung abbrechen. Protestierende Anwohner drangen in den Saal und skandierten: „Wir sind kein Müllaufbewahrungsort.“ Tage zuvor hatten die gleiche Initiative ihren Müll vor das Rathaus getragen.

Grund für die Verärgerung: Statt wie bisher das Ergebnis der heimischen Mülltrennung zu Containern auf der Straße zu bringen, holt die Müllabfuhr nun jeden Tag einen andere Müllsorte ab. Drei Tage die Woche darf der organische Müll zwischen 20 und 22 Uhr vor die Tür gestellt werden.

An anderen Tagen ist Karton, Plastik oder Restmüll an der Reihe. Die Anwohner klagen, dass sie durch das neue System gezwungen seien, den Müll innen zu lagern. Bisher wurde er in Barcelona, wie in den meisten Orten Spaniens, täglich abgeholt, damit er in der Hitze nicht vor sich hingammelt und bestialisch stinkt. Wenn in den mit einem Chip ausgestatteten Beuteln nun nicht das drin ist, was drin sein darf, versehen ihn die Müllkutscher mit einem Aufkleber und lassen ihn einfach vor der Tür stehen.

Grund für die Umstellung: Das neue System soll helfen, die Recyclingquote endlich auf die von der EU bereits für 2020 geforderten 50 Prozent anzuheben. Derzeit erreicht Spanien nur 35 Prozent, Tendenz zuletzt sinkend.

Bis 45 Prozent Mülltrennung

Insgesamt fallen in Spanien jährlich über 22 Millionen Tonnen Haushaltsmüll an. Davon werden 4,5 Millionen Tonnen mittels Mülltrennung gesammelt, 17,5 Millionen ungetrennt. 23 Prozent des gemischten, aber 85 Prozent des getrennten Mülls wurden recycelt. Mit diesen Zahlen rechnen 16 Umweltorganisationen, die Spanien bei der EU wegen der Nichterfüllung des 2020-Zieles angezeigt haben, folgendes vor: „Spanien muss für 50 Prozent Recycling mindestens 40 bis 45 Prozent Mülltrennung erreichen.“ Brüssel ermittelt derweil, eine Strafe droht.

Teresa Ribera, Ministerin für Ökologischen Umbau

„Spanien steht nicht gut da“

„Spanien steht nicht gut da“, gibt die Ministerin für Ökologischen Umbau, Teresa Ribera, unumwunden zu. Noch vor der Sommerpause will die Regierung ein neues Müllgesetz verabschieden. Es sieht neben Steuern für Einweg-Plastikartikel auch Abgaben für Haushaltsmüll vor, der auf Müllhalden und in der Verbrennung landet. Bisher war dies Angelegenheit der Regionen. Während einige hohe Abgaben erheben, um damit einen Anreiz für die Wiederverwertung zu schaffen, ist die Mülllagerung und -verbrennung in anderen Regionen sehr günstig.

Die Folgen: Mülltourismus. Außerdem soll eine landesweite Müllabgabe für die Haushalte dafür sorgen, das die Kommunen Geld für weitere Recyclingprogramme haben. Ribera will mit dem neuen Gesetz bis 2035 eine Recyclingquote von 65 Prozent erreichen. Dann soll nur noch ein Fünftel des aktuellen Müllvolumens auf der Halde landen. So sieht es auch die EU vor. Die größte Herausforderung dabei ist der organische Müll. Bis Jahresende müssen alle Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern diese Art Abfälle gesondert einsammeln. In Madrid gibt es nun sogar in allen Stadtteilen eine braune Tonne.

Nur eine Großstadt, Zaragoza, erfüllt die 50-Prozent-Vorgabe. Die Gemeinde im Nordosten des Landes hat zwei Pilotprojekte durchgeführt. „In einem wurde ein Tag organischer Müll und am nächsten Tag Restmüll abgeholt, in der gleichen Tonne“, berichtet Juan Antonio Gordon, Sprecher der Stadtverwaltung. Das funktionierte nur bedingt.

In einem anderen Stadtteil wurden Container für den organischen Müll aufgestellt. Jeder Haushalt erhielt einen Schlüssel. Die Tatsache, für den Container mitverantwortlich zu sein, zeitigte Erfolg. In den Containern landete „organischer Müll pur“, so Gordon. Das Modell soll nun Vorbild für die gesamte Stadt werden.

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