100.000 Besucher beim Comicfestival: Gegen den Strich zeichnen

Bastien Vivès und Art Spiegelman sind Gegenpole des Comicfestival in Angoulême – einerseits die "neunte Kunst", auf der anderen Seite die Relevanz über Ästhetik.

Guy Delisle, Autor von "Chroniques de Jérusalem". Bild: Stephanie Lob

Angoulême ist ein kleines gallisches Dorf, und einmal im Jahr fällt den Bewohnern der Himmel auf den Kopf. So auch bis zum Sonntag: Vier Tage lang überschwemmten mehr als 100.000 Besucher die Kleinstadt nördlich von Bordeaux, um die "bande dessinée" zu feiern, kurz "BD". So heißt in Frankreich der Comic, und Angoulême ist seine europäische Hauptstadt.

"Spie-gel-man, Spie-gel-man", skandiert eine Gruppe Jugendlicher. Der Zeichner hastet vorbei, im Schlepptau eine Horde Fotografen. Art Spiegelman, 64, Autor des Holocaust-Comics "Maus", leitet beim 39. "Festival International de la Bande Dessinée" die Jury.

Spiegelman ist eine Ikone, niemand kommt an ihm vorbei. Am wenigsten er selbst. "Ich versuche zu entkommen, aber ständig ist diese tonnenschwere Maus hinter mir her", sagt der New Yorker. Mit dem zweibändigen Werk, erschienen 1986 und 1991, hat er die Grenzen des Genres neu definiert.

"Maus" erzählt die Geschichte seines Vaters Vladek, eines polnischen Juden, der Auschwitz überlebt. Für Angoulême hat Spiegelman seine bisher umfassendste Werkschau zusammengestellt, ab März ist sie im Pariser Centre Pompidou und ab September im Kölner Museum Ludwig zu sehen.

Die Retrospektive und der katalogartige Band "Meta-Maus" umfassen Skizzen, Interviews und Tonbandaufnahmen seines Vaters. Das Ziel sei, sagt er selbstironisch, "die drei großen Fragen zu beantworten: Warum Comics? Warum Mäuse? Warum der Holocaust?"

Polina

Bastien Vivès hat darauf keine Antworten. "Ich bin wahrscheinlich der einzige lebende Zeichner, der ,Maus' nicht gelesen hat", sagt er. Der 27-jährige Pariser ist einer der Favoriten des Festivals. Nach "Der Geschmack von Chlor" ist in deutscher Übersetzung gerade sein neues Buch "Polina" erschienen. Darin erzählt er mit erstaunlicher Leichtfüßigkeit von der russischen Ballerina Polina Uljanow, die sich trotz – oder wegen – ihres erbarmungslosen Lehrers Bojinski eine Karriere in Moskau und später in Berlin ertanzt.

"Von Tanz hatte ich vorher keine Ahnung", sagt Vivès. "Ich habe Polina geschaffen, weil mich ihr Werdegang als Künstlerin interessiert und die Fragen, die sie sich stellt: Warum tanze ich? Wofür die ganze Schinderei?"

Vivès und Spiegelman sind die Gegenpole dieses Festivals. Der Franzose steht für die Tradition aufwändig produzierter Alben, die als "neunte Kunst" gleichberechtigt neben Malerei oder Musik stehen. Auf der anderen Seite Spiegelman, dem Relevanz über Ästhetik geht. Seine Wahl zum Jurypräsidenten symbolisiert auch die Öffnung der lange hermetischen französischen Szene hin zu den USA. Er ist erst der zweite Amerikaner, dem diese Ehre zuteil wird.

Den Brückenschlag zwischen den Traditionen macht der Frankokanadier Guy Delisle. Die Jury um Spiegelman hat seinen Reisebericht "Aufzeichnungen aus Jerusalem" am Sonntagabend zum besten Album des Jahres gekürt, aus einer Liste mit 58 Titeln. Im März erscheint die deutsche Übersetzung (Reprodukt-Verlag), nach "Pjöngjang" und "Aufzeichnungen aus Birma".

Seine Themen verdankt der 46-Jährige seiner Frau, die für Ärzte ohne Grenzen in der Welt unterwegs ist. Mit ihr und den beiden Kindern hat er ein Jahr lang in Ostjerusalem gewohnt. Auf mehr als 300 Seiten in Schwarz-Weiß zeigt Delisle, wie er mit dem Skizzenblock jüdische Feste oder palästinensische Flüchtlingslager besucht. Selbst ein Windelkauf wird zum Politikum, als er dafür von seinem palästinensischen Vorort Beit Hanina in die jüdische Siedlung fahren muss.

In der Tradition der "Comic-Reporter", angeführt von dem maltesisch-amerikanischen Zeichner Joe Sacco ("Palästina"), sieht sich Delisle nicht. "Sacco arbeitet investigativ, bezieht Stellung. Ich hingegen nehme den Leser mit auf einen Spaziergang und zeige so die verschiedenen Seiten des Nahostkonflikts."

Auch Berlin ist vertreten

Und dann gibt es in Angoulême noch die jungen Deutschen. Aisha Franz, 27, und Till Thomas, 33, sind mit ihren "Minicomics" bereits zum zweiten Mal dort. Für die Berliner Zeichner ist das Festival ein Speed-Date mit tausenden potenziellen Lesern. In dem lindwurmartigen Zelt der Independent-Verlage zeigen sie selbstverlegte Arbeiten ihres Kollektivs "Treasure Fleet" und das Sammelalbum "Orang", nominiert für den Preis "Bester alternativer Comic".

"In Deutschland ist die Szene sehr einseitig, Hefte mit künstlerischem Anspruch stoßen nicht auf große Gegenliebe", sagt Thomas. Anders in Frankreich: Hier suchen die Verlage Talente, die gegen den Strich zeichnen.

Angoulême, findet Aisha Franz, ist einzigartig. Wo sonst sieht man ganze Familien, die Schlange stehen, um ein Buch vom Autor signieren zu lassen oder eine Ausstellung über taiwanesische Mangas zu besuchen? Und wo sonst stehen sogar die Straßennamen in Sprechblasen?

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