Die Wahrheit: Tierisch schön
Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (251): Wer ist unter animalischen und humanen Kreaturen eigentlich attraktiv und warum?
Die Schweizer Tierfilmforscherin Christine Noll meint: „Wenn es keine Tiere gäbe, wäre niemand mehr schön.“ Das würde allerdings niemanden daran hindern, sich trotzdem attraktiv zu machen, zu verschönern. Die schönheitschirurgische Praxis „Capital Aesthetics“ wirbt mit dem Spruch „Schönheit am Kurfürstendamm“. Ihre Berliner Praxis „steht für moderne ästhetische Medizin, plastische Chirurgie und innovative Laserbehandlungen auf höchstem medizinischem Niveau. Unser Ziel ist es, natürliche Ergebnisse zu erzielen …“ Ach nee.
Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux entdeckte in Rom eine Luxusboutique für liturgische Kleidung. In ihrem Buch „Auf den Bildern“ (2026) schreibt sie: „Das linke Schaufenster ist dem Ornat der Männer vorbehalten, den Soutanen und prunkvoll bestickten Messgewändern in Rosa, Silber und Gold.“ Im rechten Schaufenster, dem für Frauen, ist nur zivile Kleidung ausgestellt, Röcke, Blusen und unförmige Jacken in Braun, Grau und Dunkelblau, Dinge, die in den Fünfzigerjahren in der Provinz in Mode waren. Die Kirche, getreu ihrer Theorie von einer natürlichen Ordnung, fand offenbar, dass nur Männer schön und verführerisch sein durften, das Federkleid der Männchen war prächtig, das der Weibchen stumpf.
Die Kirche folgt mit dieser Mode Darwin, obwohl der klargestellt hatte, dass wir nicht von Gott nach seinem Bild geschaffen wurden, sondern von Affen abstammen und dass die Schönheit in der Tierwelt sich der sexuellen Selektion – dem „Survival of the Prettiest“ – verdankt. Für Darwin war sie neben der natürlichen Selektion zur Entwicklung der Arten wesentlich, das heißt der Gesang und das Prachtkleid der männlichen Vögel oder das Geweih der Hirsche dient den Trägern, um von den Weibchen zur Verpaarung zugelassen zu werden. Die Männchen präsentieren sich, und die Weibchen entscheiden sich für den Schönsten, Stärksten und Gesündesten – angeblich, weil sie für ihre Jungen einen Partner mit „guten Genen“ brauchen, wie die Neodarwinisten nicht müde werden zu behaupten.
Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus entwarf daraus in seinem Buch „Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin“ eine Soziobiologie – indem er einen Bogen vom Rad schlagenden Pfau zu dem seinen Körper bunt bemalenden Neandertaler und darüber hinaus bis zu uns schlug. In einer Rezension heißt es: „Menninghaus erwähnt den Trojanischen Krieg, wenn es darum geht, dass Tiere in blutigen Kämpfen um Weibchen konkurrieren, die dann ihre Wahl treffen.“
Eitle Kirchenmänner
Abgesehen davon, dass man nicht einfach von den Tieren auf die Menschen, sondern bloß auf die Kirchenmänner schließen kann, wenn es um Schönheit geht, ist es für gewöhnlich oft genau andersherum: Bei uns sind es meist Frauen, die sich mit viel Geld und sogar unter Schmerzen schön machen, täglich aufs Neue schminken und sich überlegen, was sie anziehen, um anziehend zu wirken, während Männer ständig in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen rumlaufen, dazu vielleicht noch mit Bart und Tätowierungen.
Etwas differenzierter als Menninghaus sieht der Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler den Trojanischen Krieg und dessen Verursacherin Helena, über die ein frivoler US-Gräzist meinte: „Eine Helena ist das Maß für Schönheit, das es braucht, um 1.000 Schiffe zu versenken.“
Nicht alle waren zu ihrer Zeit dieser Meinung. Kittler erklärte in der Zeitschrift Cicero: „Vergleichen wir nur die verschiedenen Reaktionen auf Helena. Helena, die schönste aller Frauen, deren Entführung den Trojanischen Krieg auslöste. Bei Homer, im dritten Gesang der ‚Ilias‘, sagen die alten Trojaner: Wir sollten Helena, das Miststück, dem Menelaos, ihrem Mann, zurückgeben, dann hätten wir Frieden und keinen Krieg mehr. Dann kommt sie. Und die Greise sehen Helena und sagen: Nein, so unsterblich schön, gegen eine solche Frau kann man nichts sagen.“
Und weiter der Kulturwissenschaftler Kittler: „Euripides sagt in 19 Stücken, Helena ist eine Hure, und in einem Stück sagt er, sie ist eine treue Ehefrau. Und Horaz schreibt in den ‚Satiren‘: Schon lange vor Helena waren Fotzen – wörtlich: cunnus – der stinkendste Kriegsgrund. Also drei Sexualmoralen zu drei Zeiten, von denen die eine sich vor der Schönheit beugt, die zweite die Schönheit als Zügellosigkeit schlecht macht, und die dritte im Schönen das Stinkende wahrnimmt, also das Obszöne.“
US-Schriftstellerin Susan Sontag
Für die US-Schriftstellerin Susan Sontag verweist die weibliche Schönheit auf ein „Paradox“, in ihrem Essay „Über Frauen“ (2004) heißt es: „Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen.“
Darwins Idee der sexuellen Selektion wurde zunächst vom Koautor seiner Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace und dann auch vom Basler Biologen Adolf Portmann für falsch gehalten. Letzterer schrieb: „Vor allem die Beobachtung brachte keinerlei einwandfreie Beweise für eine Wahl seitens der Weibchen.“
Darwin hatte, wie auch viele andere Biologen, anscheinend zu „rasch verallgemeinert“, wobei er „begreiflicherweise besonders beeindruckt war von Vögeln mit starkem Sexualdimorphismus“ – das heißt bei denen man deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen erkennen kann. „Doch gerade mit den imposantesten Beispielen dieser Art, dem Pfau und dem Argusfasan, hatte er Pech. Hier gibt es keinerlei Wahl durch die Weibchen, meinte auch der Tierpsychologe und Direktor des Zürcher Zoos Heini Hediger. Ähnlich sehe es bei den Paradiesvögeln, Webervögeln und Seidenstaren aus, die mitunter „ganz für sich allein balzen“.
Harmlose Spiegelfechtereien
Die Kampfläufer dagegen, die Hediger ebenfalls erwähnt, balzen zwar in Gruppen, aber zum einen sind die „spektakulären Kämpfe“ der Männchen „harmlose Spiegelfechtereien“ und zum anderen nehmen die Weibchen keinerlei Notiz davon: „Nicht einmal hinschauen tun sie.“ Der Verhaltensforscher G. Dennler de la Tour beobachtete, dass es ganz antidarwinistisch der im Duell unterlegene Kampfläufer ist, der, sobald er sich erholt hat, zu den Weibchen geht und sie nacheinander begattet, während die Sieger davonfliegen.
In gewisser Weise antidarwinistisch ist auch die Erfahrung der Moderatorin Sophie Passmann, wenn sie in ihrem Buch „Pick Me Girls“ (2021) konstatiert: „Spätestens in der Pubertät wird man mit der goldenen Regel konfrontiert, die zwar nirgendwo geschrieben steht, aber als allgemeingültig gilt: Der männliche Blick ist die höchste Währung.“
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