schlagloch: Sie sind wieder da
81 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland. Wie erklärt man da den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der „gesichert Rechtsextremen“?
Ja, was sage ich, Myriam. Nun sind sie also wieder da. Sie greifen nach der Macht, und das Volk, jedenfalls genug davon, jubelt ihnen zu. Sie brüllen, bedrohen, jagen, korrumpieren und verletzen. Sie sind sich ihres Sieges gewiss. Faschisten soll man nicht sagen, aus politischen und historischen Gründen. Vielleicht glaubt man bei den Liberalen, dass Faschisten weniger faschistisch sind, wenn man sie nicht Faschisten nennt. Der offizielle Name, lach nicht, Myriam, ist „gesichert Rechtsextreme“. Es sind also keine Nazis, i bewahre, es sind „Gesirems“.
Die Gesirems sind in unserer Nachbarschaft, die Gesirems sind im Fernsehen, die Gesirems beherrschen die Schlagzeilen in den noch verbliebenen Zeitungen, die Gesirems bringen es mithilfe ihrer „konservativen“ Verbündeten fertig, dass das Finanzamt der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ die Gemeinnützigkeit aberkennen will. Und wenn du ein Theaterstück besuchen möchtest, musst du vorher nachschauen, ob die Gesirems nicht die Aufführung verhindert haben.
Die Gesirems sind keine Faschisten. Sie haben bloß dieselben Worte, dieselben Taktiken, dieselben Anschauungen, dieselben Symbole, dieselben Ziele und dieselbe offene Unmenschlichkeit. Du darfst die Gesirems nicht verbieten, weil das sie einerseits nur stärker macht. Denn die Gesirems zeigen sich immer zuerst als Opfer, bevor sie zu Tätern werden. Und natürlich wegen der Demokratie. Die Gesirems haben halt eine andere Meinung über Menschlichkeit, über Wahrheit, über Gewalt, über Recht und Gerechtigkeit. Das freut den amerikanischen wie den russischen Präsidenten, dass es in Deutschland noch eine Meinungsfreiheit gibt.
Oh ja, Myriam. Es gibt auch Widerstand, es gibt sie, die mutigen Menschen. Viele aber versuchen, den Gesirems nur auszuweichen, entweder nach innen, in die Städte vielleicht, wo es zwar weniger Gesirems zu geben scheint, aber die Miete nicht zu bezahlen ist. Oder nach außen, in irgendein Gesirem-freies Land. Aber wo gibt es so eines noch? Und wo würde man aufgenommen? Als Anti-Gesirem, wenn nicht gar als Antifaschist?
Foto: hoerster_markus
Georg Seeßlen
ist freier Autor und hat zahlreiche Bücher zum Thema Film veröffentlicht.
Die Schlagloch-Vorschau:
23.9. Charlotte Wiedemann
30.9. Mathias Greffrath
7.10. Gilda Sahebi
14.10. Georg Diez
Aber es gibt doch eine politische, es gibt eine kulturelle „Klasse“, eine verwaltende Klasse, deren Legitimation in nichts anderem als in der Verteidigung von Humanismus, Liberalismus und Demokratie bestehen soll, oder etwa nicht? Der Mut von einzelnen, Myriam, und die opportunistische Feigheit dieser „Klassen“ stehen in scharfem Kontrast zueinander. Nein, nichts und niemand mit Prestige und Status, keine demokratische Instanz scheint in diesem Land willens oder in der Lage, die Übermacht der Gesirems zu verhindern. Keine Polizei, keine Justiz, keine Regierung, keine Verwaltung, keine Bildung und auch keine Kultur. Die, Myriam, war doch immer unsere Hoffnung.
Aber wenn du sie siehst, diese willfährigen Redaktionen, diese engärschigen Direktoren, diese Kleinkünstler auf den Gesirem-Veranstaltungen, diese Gremien, diese Verlage, die Vernissage-Besucher, diese Bayreuth-Pilger, diese Blubberer, die sich selbst genug sind, weil sie ja die Guten sind, die Sprachwarte und ewigen Besserwisser, die Opportunisten und Ignoranten … Sie würden eher (verzeih mir die Wortwahl, Myriam, aber ich bin wirklich wütend) in ihren eigenen Latte Macchiato pissen, als ihre Komfortzonen und Blasen verlassen. Die Faschisten vor hundert Jahren hatten stärkere kulturelle Gegner als die Gesirems von heute.
Den Menschen, die den Gesirems nachlaufen, geht es nicht besonders schlecht. Sie leiden keinen Hunger. Sie werden nicht verfolgt. Sie müssen nicht Tag für Tag um ihr Leben fürchten, und sie werden nicht gedemütigt wie so viele Menschen auf dieser Welt. Im deutschen Parlament schreit einer von den Gesirems, dass der Preis für Sprit an der Tankstelle schon Grund genug wäre, die Gesirems zu wählen. Wie ein Kind, das aufschreit, weil es nicht die doppelte Portion Pudding bekommt, und das dafür das andere schlagen will, das nicht einmal eine halbe Portion bekam.
Sie fühlen sich nicht mitgenommen, sie fühlen sich nicht verstanden, sie fühlen sich irgendwie gekränkt. Sie neiden noch den Ärmsten die Zuwendung, sie fordern das Recht der Stärkeren, sie verlangen Härte gegen alle, denen es schlechter geht als ihnen. Die Grenzen sollen dicht gemacht werden und endlich soll es wieder Menschenjagden geben dürfen. Man wird, hat eine prominente Gesirem einmal gesagt, auch auf Kinder schießen. Wer gegen die Gesirems ist, sagt das Finanzamt, ist nicht gemeinnützig. Wie gemein muss man sein, um dieser Herrschaft noch nützlich zu sein?
Die Gesirems bekommen nicht nur Aufmerksamkeit, sie können nicht nur die Angst genießen, die sie verbreiten, nein, es gibt auch niemanden in dieser Gesellschaft, der so viel Zuwendung, so viel Verständnis bekommt. Sie suchen ja nur nach einem Ausdruck für ihr sozialpsychologisches Leid, und sie müssen ja zu den Gesirems laufen, wenn ihnen das Fernsehprogramm nicht passt und die Smartphones teurer werden.
Das Grauen in Deutschland, Myriam, geht nicht von den Gesirems aus, sondern von denen, die sie wählen. Da hat ein alter Komiker (ich weiß, nicht deine Art von Humor) nicht zu Unrecht gesagt, dass man das russische Volk nicht mit dem Kriegsverbrecher an der Spitze seines Staates verwechseln darf. Aber was ist, wenn die Hälfte des russischen Volkes sich mit Wladimir Putin verwechselt, wenn sich die Hälfte des israelischen Volkes mit Netanjahu verwechselt, wenn sich die Hälfte des US-amerikanischen Volkes mit Donald Trump verwechselt? Was ist, wenn sich das deutsche Volk mit den Gesirems verwechselt? Wohin sollte man da mit seiner demokratischen Hoffnung?
Wetten, die Demokratie gewinnt?
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie unter taz.de/ltw26
Ich könnte deinen Rat gebrauchen, Myriam. Aber du bist schon lange tot. Ermordet von den Vorläufern der Gesirems, denen die deutschen Herzen zufliegen, je mehr sie ihnen gleichen wollen.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen