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Es gibt auch Erfolge bei der sonst enttäuschenden Umsetzung der UN-Agenda 2030 für eine gerechtere Welt, sagt Forschungsdirektorin Magdalena Sepúlveda Carmona. Doch wie geht es weiter?

Interview Leila van Rinsum

taz: Inmitten massiver Kürzungen öffentlicher Gelder für Entwicklungsvorhaben und Turbulenzen im Multilateralismus läuft die globale Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen bald aus. Bis 2030 wollte die Staatengemeinschaft unter anderem extreme Armut und Hunger beenden, Bildung und Gesundheitsversorgung für jeden Menschen sicherstellen. Wie wird die Agenda für danach aussehen?

Magdalena Sepúlveda Carmona: Das ist die große Frage. Die UN haben viel Zeit verloren, den Prozess für die Vorbereitung einer Agenda danach anzustoßen. In der Vergangenheit begann das formell und informell schon viel früher. Wir befinden uns heute an einem entscheidenden Punkt: Wir kommen aus einer Agenda heraus, die 2015 beschlossen wurde, und nur etwas mehr als 30 Prozent der Ziele sind auf dem besten Weg, erfüllt zu werden. Es gibt viele Rückschritte.

taz: Beispielsweise sind mehr Menschen mangelernährt als 2015, auch prozentual an der Weltbevölkerung gemessen ist ihr Anteil gestiegen. Sind die Nachhaltigkeits-Entwicklungsziele der UN – die als Agenda 2030 bekannt sind – also gescheitert?

Sepúlveda Carmona: Aus unserer Sicht als UN-Forschungsinstitut für soziale Entwicklung halten wir es für sehr wichtig zu zeigen, dass es Erfolge gegeben hat. Zum Beispiel bei der sogenannte Care-Arbeit. Arbeit, die weltweit größtenteils von Frauen und unbezahlt verrichtet wird, Hausarbeit, Kinderbetreuung, die Pflege von älteren oder behinderten Menschen. Sie ist ein wesentlicher Faktor für die Ungleichheit der Geschlechter. Dies war in den ersten Entwicklungszielen der Vereinten Nationen, die 2015 endeten, nicht enthalten.

taz: Die Agenda 2030 hat Care-Arbeit erst in den Fokus gerückt?

Sepúlveda Carmona: Und mittlerweile hat sich das Thema etabliert. In meiner Region, Lateinamerika, gab es auch Verpflichtungen der Politik. Im August 2025 unterzeichneten die Mitglieder der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) die Verpflichtung von Tlatelolco, in der es um den Abbau der ungleichen Last von unbezahlter Fürsorgearbeit geht, etwa mit dem Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung und Pflege älterer Menschen. Vergangenes Jahr hat außerdem der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte das „Recht auf Fürsorge“ offiziell als eigenständiges, einklagbares Menschenrecht anerkannt.

taz: In welchen anderen Bereichen gab es Fortschritte?

Sepúlveda Carmona: Die Agenda 2030 umfasste auch erstmals soziale Sicherung als Ziel, was zu zahlreichen Initiativen in der öffentlichen Politik geführt hat. Beispiele hierfür sind Renten für Beschäftigte im informellen Sektor, Mutterschaftsurlaub oder Sozialleistungen wie Kindergeld. In Europa ist man an Sozialleistungen gewöhnt, aber im Globalen Süden gab es das früher nicht. Im Laufe der Jahre sind viele Programme entstanden, die mit direkten Geldtransfers arbeiten – zunächst in lateinamerikanischen, dann aber auch in südostasiatischen Ländern.

Magdalena Sepúlveda Carmona, 55, ist Direktorin des Forschungsinstituts der Vereinten Nationen für soziale Entwicklung (UNRISD). Bis 2014 war die Anwältin aus Chile Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für extreme Armut und Menschenrechte.

taz: Ihr Institut analysiert die übergeordneten Dynamiken der sozialen Entwicklung. Unter anderem weisen Sie auf die Gefahr eines massiven Rückschlags bei der Geschlechtergerechtigkeit hin.

Sepúlveda Carmona: Das ist ein Thema, das in der aktuellen Liquiditätskrise kaum Beachtung findet. Wir konnten ein transnationales Netzwerk der extremen Rechten aufdecken, das darauf abzielt, die Rechte von Frauen und LGBTIQ-Personen zu untergraben. Sie agieren über politische Parteien, religiöse und konfessionelle Einrichtungen sowie Thinktanks. Sie verstehen es, die Algorithmen der sozialen Medien auszunutzen, und beeinflussen Regierungen.

taz: Wie genau?

Die extreme Rechte zielt darauf ab, die Rechte von Frauen und LGBTIQ-Personen zu untergraben. Sie verstehen es, die Algorithmen der sozialen Medien auszunutzen

Sepúlveda Carmona: In vielen Ländern des Globalen Südens etwa stellen sie die Gleichstellung der Geschlechter und LGBTIQ-Rechte als unethisch und westlich dar. Tatsächlich werden sie jedoch von einigen wenigen Organisationen und vermögenden Privatpersonen aus den USA, Europa und Russland sehr gut finanziert. Unseren Untersuchungen zufolge besteht ein sehr deutlicher Zusammenhang zwischen der Schwächung der Macht von Institutionen, die sich für Menschenrechte und speziell Frauen und LGBTIQ-Personen einsetzen, und autoritären Regimen.

taz: Was würden Sie den Verhandlungsführenden für die neue Agenda der globalen Entwicklungsziele nach 2030 mitgeben? Worüber sollten sie nach nachdenken?

Sepúlveda Carmona: Ungleichheit. Die heute historisch beispiellose Konzentration von Reichtum wandelt sich in politische Macht um und beeinflusst die Politik. Dies zerstört den sozialen Zusammenhalt und den Sozialvertrag in unseren Gesellschaften, da großes Misstrauen herrscht. Es gibt mittlerweile einen Billionär auf der Welt – man kann sich kaum vorstellen, um wie viel Geld es sich dabei handelt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Welt in den Händen einiger weniger Eliten liegt.

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