: „Ach so, das ist es jetzt, die Literatur“
Nora Gomringer hätte sich in jungen Jahren auch vorstellen können, Nonne zu werden. Und wurde dann halt doch Dichterin – genauso wie ihr Vater Eugen Gomringer
Interview Karlotta Ehrenberg Foto Jana Margarete Schuler
taz: Frau Gomringer, als Tochter aus einem Literatenhaushalt waren Sie im oberfränkischen Dorf Wurlitz eine Exotin. In Literaturkreisen sind Sie es wohl heute noch – anders als viele Ihrer Dichter-Kolleg:innen sind Sie nicht in eine Großstadt gezogen, sondern Ihrer Heimat treu geblieben.
Nora Gomringer: Ja, ich bin seit meinem Fünfzehnten in Bamberg, bin dort vom äußersten Rand, wo die working people leben, reingezogen ins Herz und damit auch in eine ganz andere Lebensform und Situation.
taz: Seit 2010 sind Sie Direktorin der Künstlerresidenz Villa Concordia, ein Schloss, in dem Sie auch selbst leben.
Gomringer: Ja, an einem Tag geh ich als Direktorin für eine Lesung ins Gefängnis, an dem anderen trete ich als Dichterin beim Bundespräsidenten auf. Das ist spannend und anregend für mich, und ich bin sehr dankbar, dass mir das beschieden ist.
taz: Was, dass Sie in so viele Welten eintauchen dürfen?
Gomringer: Ja, und weil das von der Kunst kommt. Mit der Wirtschaft hat es bei mir nicht funktioniert. Leider habe ich wenig Talent dafür.
taz: Ihr Mantra „Ich will kein armer Dichter sein“ hat also gar nichts bewirkt?
Gomringer: (lacht) Das ist aus einem Gedicht. – Wirtschaftlich so gut gestellt zu sein, dass man nicht in dieses blöde Klischee eines armen Dichters fällt, war mir tatsächlich immer wichtig. Auch deswegen wollte ich keine Kinder kriegen. Aber gut, bei mir kam jetzt die Pflege des Vaters, und dafür gab es kein Geld. Also hab ich über Kredit gepflegt, und den muss ich jetzt abzahlen. Dass ich nach diesem Rückschlag, mit 46, wirtschaftlich nicht unabhängig bin, ist enttäuschend für mich.
taz: Sie konnten während der Pflege nicht arbeiten?
Gomringer: Doch, als Direktorin war ich fleißig, hab sogar versucht, noch besser zu sein, als ich es immer schon versucht habe. Meinen schriftstellerischen Beruf habe ich in der Zeit aber meist aussetzen müssen. Interessant, hab ich gedacht, alles was mich ausmacht, was mich überhaupt befähigt, so zu sein, wie ich bin, und diese Parallelität im Leben zuzulassen, bin ich sofort bereit wegzuwerfen, damit das hier alles funktioniert, der Brotjob und die Pflege. Aber es waren, gottlob, nur vier Jahre.
taz: Ihr Vater, der Dichter Eugen Gomringer, ist vergangenen Sommer gestorben. Seine Frau, Nortrud Gomringer, hat ihm ein Leben lang assistiert und ihre eigene Arbeit dafür oft zurückgestellt. Ihre Geschichte erzählen Sie in Ihrem Debütroman „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“. Wollten Sie damit Ihrer Mutter endlich den Raum geben, den sie verdient hat?
Gomringer: Nein. Ich habe es mir wirklich selbst hingeschrieben. Schon in der ersten Nacht, als sie gestorben ist, 2020 war das, habe ich einen langen Text geschrieben, mit all den Dingen, die ich nur durch sie kennengelernt habe. In der panischen Angst, zu vergessen, was ich alles durch sie kenne und weiß, wie so eine Art Enzyklopädie der mütterlichen Geschenke.
taz: Dazu zählt die Leidenschaft zur Literatur. Von Ihrem Vater kam das ja nicht.
Gomringer: Nein. Auf der einen Seite war er schön uneitel, da er nie über sich sprach, aber er legte das einem eben auch nie ans Herz. Bei meiner Mutter kam ganz klar: Das musst du lesen, das ist so toll. Von der Holocaust-Literatur bis zu lustigen Familienbiografien habe ich alles Mögliche von ihr bekommen.
taz: Sie haben oft von dem abendlichen Moment erzählt, als Sie als Kind neben der Badewanne saßen und Ihre badende Mutter Ihnen vorlas. Gab es noch andere Mutter-Tochter-Rituale?
Gomringer: Ja, wenn Geld da war, Samstagmorgen einkaufen, ganz früh am Kaufhof parken, im Auto noch warten, bis er aufmacht, dann reinschießen, einkaufen und an verschiedenen Stationen essen. Das ist eine Art gewesen in dieser Familie, zu wissen, wenn man das erledigt hat, muss man da noch ein Softeis essen, und wenn man hier entlanggeht, gibt es da noch das. So eine Art Genuss-Tankstellen.
taz: In einem Gedicht nennen Sie das oberfränkische Dorf Wurlitz, in dem Sie aufgewachsen sind, „Grenzland“, es lag ganz nah an der innerdeutschen Grenze. Was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn Sie daran zurückdenken?
Gomringer: Es war immer sehr kalt. Auf prachtvolle kurze Sommer folgte ziemlich langes, kaltes Fichtelgebirgswetter. Meine Eltern haben nur in zwei Räumen geheizt, im Badezimmer und im Wohnzimmer. Ich sehe meinen Vater noch beim Kohlenschippen und Holzhacken für den Ofen. Meine Mutter hat ganz oft geschlottert und gesagt, mir ist so kalt, es ist so fies. Aber mein Vater hat keine Konsequenz daraus gezogen. Meine Mutter war irgendwann so verzweifelt, dass sie mit ihrem eigenen Geld als Lehrerin dem Vater und uns, also dem Haus, eine Fußbodenheizung geschenkt hat. Einen Aufstand hat sie nicht gemacht. Aber da war ja auch immer das Risiko, dass er die Lust verliert und abhaut. Mein Vater war notorisch untreu.
taz: Hat Ihre Mutter Ihnen deswegen geraten, Nonne zu werden? Um Ihr Leben unabhängig von einem Mann führen zu können?
Gomringer: Beziehungen klappen nicht, das war tief in mir drin. Meine Mutter war immer so ironisch, wenn ich ihr von einer Schwärmerei erzählte. Ich hab versucht, das als Kompliment zu sehen, ich bin so gut, dass niemand zu mir passt. Aber eigentlich hat es tief in mir Selbstzweifel aufgebaut.
taz: Heute sind Sie glücklich verheiratet, also keine Nonne … obwohl Sie das in Erwägung gezogen haben sollen.
Gomringer: Als Kind habe ich gedacht, man kann alles Mögliche parallel machen. Die Nonne, die ich kannte, war ja auch Physiklehrerin. Andere gingen auf Mission. Das ist ein schwieriges Erwachen für mich gewesen, als ich mit Mitte zwanzig realisierte: Ach so, das ist es jetzt, die Literatur. Das war ein Schmerz, weil ich so viele Dinge gerne gemacht hätte, auch heute noch.
taz: Wenn man Sie auf der Bühne erlebt, denkt man, dass an Ihnen eine Schauspielerin verloren gegangen ist …
Gomringer: Ja, mit 18 hatte ich den Gedanken, so, jetzt gehe ich in so eine Schmiede und versuche da in Wien Burgschauspielerin zu werden. Aber das waren ja die Jahre vor dem Internet, dann guckte man eine Reportage und dachte, wow, so ist das bei Schauspielschulen, okay, dann bereite ich drei Monologe vor. Und dann merkst du so beim Monolog zweieinhalb, oh Gott, ich weiß nicht, ob ich das will. Und dann haben die in dieser Reportage gesagt, dass sie darauf achten, wie die Leute zu- oder abnehmen, auch wegen des Kostüms. Ich hab mich zweimal zum Vorsprechen angemeldet, einmal bin ich hingegangen und einmal nicht mehr.
taz: Stattdessen haben Sie sich der Dichtung verschrieben, dem Metier Ihres Vaters. Dessen Gedichte haben Sie als 16-Jährige auch bei Feiern vorgetragen. Komisch, eigentlich sieht man in diesem Alter doch eher zu, sich von seinen Eltern abzugrenzen.
Gomringer: In einem Haushalt, in dem die Eltern so stark hervortreten und kein Gewese um das Kind machen, muss das Kind immer gucken, wo es bleibt. Es hoppelt mit. Es gab Phasen, in denen ich mehr gesehen und, wie ich fand, gebührend geliebt wurde, und dann gab es Phasen, in denen ich völlig nebenher lief. In so einer Situation zu rebellieren, wäre mir niemals in den Sinn gekommen. Meine jugendliche Ökonomie war klar darauf fixiert, am Ball zu bleiben, an denen dranzubleiben und trotzdem Abstand zu halten. Und ich hab schon sehr früh, wahrscheinlich mit einer gewissen Eitelkeit, gedacht, ich hab die sowieso durchschaut, ich muss mich um die kümmern, nicht die um mich.
taz: Was ja auch stimmte. Ihre Mutter versuchte zweimal, sich das Leben zu nehmen. Ihr Vater blieb weg. Sie aber waren für sie da.
Gomringer: Ja, meine Mutter war sehr einsam, und dann war da dieses Kind, das ja abhängig von einem ist. Man sucht sich in einer schwebenden Ehe auch nicht gleich einen anderen Partner. Und du hoffst ja immer noch, dass dein Mann irgendwann aufwacht und realisiert, ich hab ’n Kind, ich hab ’ne Frau.
taz: Wie sind Sie da durchgekommen?
Gomringer: Die Elfriede Gerstl, die Dichterin, die hat mal zu mir gesagt: „Du bist so ein Seelchen“. Und da wusste ich genau, dass die meint, du bist in einer Elefantenhaut ein Seelchen. You big fat elephant. Die war so fein, aber hart wie eine Handgranate warf die sich in den Raum. Und als 16-Jährige war ich verstört davon und tief verletzt. Jetzt im Nachhinein denke ich, Gott, sie hatte so recht: Ich bin ein zarter Mensch, der sich zum Glück schützen kann in großer Haut.
taz: So könnte man auch Ihr künstlerisches Schaffen beschreiben: Aus Ihren Texten spricht so viel Gefühl, und ja, auch Verletzlichkeit, auf der Bühne wirken Sie unverwundbar und werfen ebenfalls mit Granaten.
Der Mensch
Nora Eugenie Gomringer, Jahrgang 1980, ist in Franken aufgewachsen, wo sie auch heute noch lebt. Sie studierte Amerikanistik, Germanistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Seit 2010 leitet sie dort das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin. Sie ist außerdem die Nachlassverwalterin des Dichters Eugen Gomringer.
Das Werk
Nora Gomringer hat neun Gedichtbände vorgelegt, 2025 erschien bei Voland & Quist ihr erster Roman „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“. Außerdem schreibt sie Essays, Reden, Hörspiele, Theaterstücke und Opernlibretti. Neben anderen Auszeichnungen erhielt Nora Gomringer 2015 den Bachmann-Preis.
Gomringer: (lacht) Daran habe ich lange gearbeitet!
taz: Nicht nur in Ihren Texten, auch auf der Bühne sprechen Sie oft sehr humorvoll von Ihrem problematischen Verhältnis zu Ihrer Leibesfülle. Meist schon in den ersten Minuten. Wollen Sie damit gleich denen entgegnen, die über Sie urteilen?
Gomringer: Ja. Außerdem muss man sagen, dass vor allem Männer die ersten zwei Minuten gar nichts hören. Sie schauen einen nur an und realisieren dann irgendwann, ach so, okay, das spricht, alright.
taz: Noch mal zurück zu Ihren Eltern. Angesichts dieser doch sehr schmerzhaften Beziehung wundert es schon, mit welcher Hingabe Sie sich um sie bemüht haben. Man denke auch an den Skandal um das Gedicht Ihres Vaters „Avenidas“, das 2018 von der Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin entfernt wurde, weil es von einigen als sexistisch empfunden wurde.
Gomringer: Der Skandal hat die Lebenszeit meiner Mutter leider massiv verkürzt.
taz: Aber auch Sie sind für Ihren Vater in die Bresche gesprungen, was zu einem Bruch mit vielen Kolleg:innen geführt hat.
Gomringer: Bis dahin dachte ich, dass es so was wie eine Art schriftstellerisches Bündnis und Einverständnis gebe. Dem ist nicht so. Die Autoren sind ganz schöne Für-sich-selbst-Treter. Das ist auch die deutsche Idealisierung: Wir sind alle genial, sitzen allein in unser Küche und schreiben was. Keiner sagt, woher es kommt und von wem er das hat.
taz: Andere haben damals versucht, Sie für sich zu vereinnahmen.
Gomringer: Ja, ich kriegte irre viel Zuspruch von Männern, die mir gesagt haben, toll, eine Frau, eine Tochter, die sich für den Vater einsetzt. Ich erlaubte mir dann, zurückzuschreiben, so, es ist sehr schön, dass Sie das Gedicht so wahrnehmen, aber ich muss Ihnen sagen, ich bin auch eine Schriftstellerin, und ich fürchte mich vor einem Land, in dem es passieren kann, dass ein Text, der vormals völlig in Ordnung und gemocht war, zehn Jahre später genutzt wird, um mich als Hexe zu verbrennen. Oder den Vater als Sexist. Und da kam dann nur zurück, ich wäre eine Fotze, man müsste mich vergewaltigen und so weiter. Ich war völlig baff und hab zum ersten Mal verstanden, was diese sexistische Haltung von Männern konkret bedeutet und wie prävalent sie ist.
taz: Angesichts Ihrer Familiengeschichte frage ich mich aber: Ist Ihnen die Verteidigung des Vaters immer leicht gefallen?
Gomringer: Ja. In der Pubertät habe ich mir überlegt, dass, wenn ich mich von den Eltern trenne, ich das entweder komplett machen muss. Oder ich ziehe das so durch, dass ich meine Eltern zerteile und in verschiedene Schubladen packe.
taz: Da ist also die Schublade für den Vater und die für den Autor?
Gomringer: Ja, und der ist gefühlt genial und auch lustig. Und er war auch ein bonvivant – wie sagt man auf Deutsch?
taz: Lebemann?
Gomringer: Ja. Von dem konnte man gut Luxus genießen lernen, von beiden Eltern konnte man das. Und ich finde das toll, dass ich das kennenlernen durfte. Ganz viele Leute verkneifen sich das entweder oder sie sind böse auf andere, die das so leben.
taz: Was haben Ihre Eltern Sie noch gelehrt?
Gomringer: Großzügigkeit, Wohlwollen gegenüber Kollegen, auch wenn die einen enttäuschen. Sich freuen, dass andere Erfolg haben. Und sich wirklich in den Dienst von anderen stellen. Dass der Dichter ein nützlicher Mensch ist, war meinem Vater ganz wichtig. Und zwar gar nicht so sehr, dass die ganze Welt anerkennt, dass man nützlich ist, sondern dass du dich selbst fragst, wie nützlich bist du für die Gesellschaft. Das ist total interessant, dass er nicht drauf kommt: Du musst Artikel in der Zeitung schreiben. Sondern er sagt: Du musst gute Gedichte schreiben. Abgefahren, oder?
taz: Wie schaffen Sie die Kunst eigentlich neben Ihrer Stelle als Direktorin und den vielen Schreibaufträgen, den Essays und Reden?
Gomringer: Ich hab immer gedacht, ja mein Gott, Autor, das ist man halt. Das macht man halt irgendwann morgens oder abends oder mittendrin. Ich hab zu Hause auch keinen Schreibtisch, sitze mit dem Laptop irgendwo, im Moment schreibe ich morgens zwischen vier und sechs im Bett.
taz: Was beschäftigt Sie gerade?
Gomringer: Ich habe jetzt so viele Dinge aus dem Elternhaus, das ich ja ruckzuck auflösen und verkaufen musste. Mit diesem Erbe muss ich jetzt umgehen, muss rausfinden, ob ich so leben will oder wie ich es langsam loskriege. Also, ich sitze da als ziemlich verwundete, müde, gehetzte Person, die langsam wieder zu sich findet. Ich bin kein Opfer meiner Familiensituation, aber ich glaube, ich bin nicht gut abgenabelt. Und darum muss ich mich jetzt langsam mal kümmern.
taz: Wie steht es um die Dichterin, ist sie zurück?
Gomringer: Ja, ja, sie ist wieder da, hat auch einen ganzen Band vorgelegt – durchgeknallt!
taz: Woraus schöpfen Sie Inspiration?
Gomringer: Oft ist es ein sprachliches Motiv. Oder ein Weiterdenken aus Aufträgen. Ich setze mich auch ganz bewusst in Uni-Vorträge über Themen, von denen ich keine Ahnung habe.
taz: Gehen Sie da auf Wortsuche?
Gomringer: Ja. Ein simples Beispiel ist das Wort Haushalt und die ganze Sprache darum, Abrechnung und so. Das ist ja in BWL etwas anderes als für einen selbst zu Hause. Das ist so ein bisschen wie Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem Material, ein kleines Hämmerchen und die Sachen abklopfen, suchen und finden. Aber es ist auch ein Sich-ganz-bewusst-der-Sprache-Aussetzen, um sehr demütig zu werden, über all die Welten, die sich da aufmachen und die man nie durchblicken wird. Man versteht: Ich werde von der Erde gehen und ganz wenig verstanden haben und kann tatsächlich von alldem nichts mitnehmen. Diese Demut hilft mir immer sehr. Sie hilft zu relativieren.
taz: … und einem den Druck zu nehmen, etwas Großes schaffen zu müssen?
Gomringer: Ja, wenn alles schon gedacht und vorgefertigt ist und von allen so intensiv bearbeitet wird, dann kann ja nur mein eigener Blick etwas Neues schaffen. Dazu braucht es bloß Humor und Neugierde.
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