Davide Piganzoli beim Giro d'Italia: Erlaubnis zur Attacke
Der Italiener Davide Piganzoli fällt bei der Italien-Rundfahrt als Edelhelfer von Jonas Vingegaard auf. Für seine Dienste soll er nun belohnt werden.
Der Chef war verblüfft. An dem Tag, als Jonas Vingegaard sich auf der Skistation Pila im Aostatal das rosa Trikot eroberte, musste er gar nicht voll arbeiten. „Davide hat vorher schon so viel Tempo gemacht, dass zu den meisten meiner Konkurrenten schon eine Lücke klaffte. Ich musste dann gar nicht mehr richtig attackieren“, beschrieb Vingegaard selbst die entscheidenden Momente dieser 14. Etappe des Giro d’Italia. Mit leicht erhöhter Krafteinwirkung auf die Pedale setzte sich der Däne dann auch vom Österreicher Felix Gall ab. Die Monsterarbeit zuvor hatte aber Davide Piganzoli geleistet.
Der 23-Jährige aus der Alpenstadt Morbegno galt lange schon als interessantes Talent. Gemeinsam mit seinen Trainingsgefährten und Wohnungsnachbarn Isaac Del Toro und Giulio Pellizzari dominierte er die Tour de l’Avenir 2023. Zu dritt besetzten sie das Podium der Gesamtwertung. Für seine Podestkollegen ging es auf der Karriereleiter steil nach oben. Del Toro war im Jahr darauf schon beim Pogačar-Team UAE Emirates unter Vertrag und wurde beim letzten Giro Gesamtzweiter. Pellizzari ist seit 2025 einer der Grand Tour-Diamanten bei Red Bull – Bora – hansgrohe.
Piganzoli indes musste zwei Jahren Lernschleifen beim zweitklassigen Polti-Team drehen. Das nagte etwas an ihm. Im letzten Jahr sagte er: „Bei mir dauert die Entwicklung eben etwas länger. Ich hoffe aber auch, bald wieder auf dem Niveau von Giulio und Isaac zu sein.“
Auf dem Niveau von Pellizzari ist er definitiv wieder, wie dieser Giro zeigte. Mit Del Toro war er in dieser Saison noch bei keinem Rennen gemeinsam am Start. Aber seine Entwicklung ist fraglos bemerkenswert. Nicht nur auf der 14. Etappe nach Pila war er der letzte und damit entscheidende Helfer von Vingegaard.
Entwicklungssprung
Auch bei den anderen Anstiegen auf der 7., der 9. und der 15. Etappe, die Vingegaard allesamt gewann, war Piganzoli dessen letzter Mann. „Ich habe einen Entwicklungssprung gemacht“, schätzte er selbst ein und führte das in erster Linie auf seinen Teamwechsel zu Visma – Lease a Bike im letzten Winter zurück.
„Meine Ernährung ist anders. Wichtig war, dass wir als Giro-Team schon im Dezember gemeinsam zu trainieren begannen. Wir haben dann auch zusammen Paris–Nizza und die Katalonien-Rundfahrt bestritten und wissen jetzt, wie wir am besten für Jonas arbeiten können. Dann sind wir wieder in die Höhe gegangen. All das hat mir sehr geholfen“, nannte er die aus seiner Sicht entscheidenden Momente.
Bessere Vorbereitung
Ergänzen darf man noch, dass die Trainings- und Wettkampfplanung für ein WorldTour-Team wie Visma einfacher ist als für einen ProTour-Rennstall wie Polti VisitMalta, für den Piganzoli die Jahre zuvor unterwegs war. WorldTour-Teams wissen früh, an welchen Rennen sie teilnehmen. Die zweitklassigen Rennställe hingegen müssen auf Wild Cards für die großen Rennen warten. Ihre Fahrer können sich daher gerade auf die großen Events hin nicht langfristig vorbereiten.
Piganzoli konnte hingegen seit seiner Vertragsunterschrift im letzten Winter davon ausgehen, dass er beim Giro eine nicht unwichtige Rolle spielen wird. Die ist inzwischen sogar wichtiger geworden als erwartet. In der Hierarchie der Visma-Helfer hat er den früheren Vuelta-Sieger Sepp Kuss verdrängt.
Der US-Amerikaner scheint darüber aber gar nicht böse. Vielmehr lobt er seinen neuen Kollegen in höchsten Tönen: „Er ist ein toller Sportler, aber auch ein guter Typ. Er weiß, wie man fahren muss, wie man den anderen hilft. Ich glaube, dass es für ihn auch einen großen Unterschied macht, jetzt die Rennen immer von vorn zu fahren und jeden Tag das Ziel zu haben, für einen bedeutenden Kapitän zu arbeiten.“
Im Rückblick war es für Piganzoli offenbar richtig, länger zu warten als seine Nachwuchsgefährten Pellizzari und Del Toro. Der Wechsel in die World Tour kam für ihn zur rechten Zeit. Und wer weiß, vielleicht springt für ihn bei diesem Giro sogar etwas ganz Großes heraus.
Selbst nennt er als höchstes Ziel, Teamkapitän Vingegaard in Rom in Rosa einfahren zu sehen. Der Däne habe ihm aber auch schon die Erlaubnis zur Attacke auf eigene Rechnung gewährt, berichtete Piganzoli am Rande der 15. Etappe. Vielleicht ist schon am Freitag oder Samstag zu sehen, wie die beiden Seite an Seite und allen voraus dem Bergetappenziel in Piani di Pezzé oder Piancavallo entgegenfliegen.
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