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schlaglochDruckwellen der Gegenwart

Teile der KI-Programme fußen auf einer reaktionären Weltanschauung. Die dazu führt, dass Menschen entmenschlicht und zur Verfügungsmasse werden

Wir leben in Zeiten einer gegenläufigen und doppelten Revolutionsbewegung: Die eine Bewegung drängt nach hinten, es ist in vielem eine klassische Gegenrevolution, die sich etwa in antifeministischem oder frauenverachtendem Denken manifestiert oder in einer pauschal antipostkolonialen Form von Weltsicht. Die andere Bewegung drängt nach vorne, sie wird durch die digitalen Technologien, einen entgrenzten Kapitalismus und antidemokratische Visionen vorangetrieben. In beiden Bewegungen steht die Frage, was der Mensch ist, im Zentrum.

Es ist, als historisches Subjekt, nicht immer leicht, diese Druckwellen einer Gegenwart zu erfassen. Es ist nicht leicht, herauszuzoomen aus dem Chaos und der Konfusion unserer Tage, der Ratlosigkeit und auch Tatenlosigkeit unserer Politikerinnen und Politiker, jedenfalls die, die an der Regierung sind. Aus dem Wirbel der Nachrichten über das nächste und das nächste und das nächste KI-Modell, das „zu gefährlich“ sei, um es einfach auf den Markt zu bringen. „Mythos“ heißt dieses Modell von Anthropic, und die Verwirrung und die Verunsicherung, die die Kommunikation des Konzerns begleitet, ist Teil der Strategie. Angst lässt den Börsenwert steigen.

In der Tech-Branche, so wie sie sich gegenwärtig strukturiert, wie sie agiert, was sie tut, zeigt sich in vielem diese doppelte Revolutionsbewegung an einem Ort: dem Silicon Valley. Es sind, auf eine fast schon karikaturhafte Art und Weise, all die weißen Männer, die Technologien vorstellen, die auf ihren in Vielem pathologischen Persönlichkeiten aufbauen. Die Limitationen der Technologien, die geschaffen werden, sind die Limitationen der Menschen, die sie bauen, und nicht der Technologie selbst.

Der Männerkult von Silicon Valley haben gerade Quinn Slobodian und Ben Tarnoff in ihrem Buch „Muskismus“ beschrieben, speziell die Verbindung von Krisenrhetorik und Entmenschlichung: Elon Musk, stellvertretend für andere Tech-Männer, bedient sich der Sprache der Krise und des Notstands, um eine weniger menschliche Zukunft heraufzubeschwören – eine Zukunft, in der Menschen aus dem Produktionsprozess verdrängt und über soziale Medien und Spiele mit der Maschine verschmolzen werden. Es ist eine Weltanschauung, in der der Technokrat König ist, der sich auf den Staat stützt, um die Vorherrschaft zu erlangen, und in der nur wenige Auserwählte die Erlösung verdienen.

Slobodian und Tarnoff zitieren auch den Philosophen Nick Bostrom, der in der Vergangenheit durch rassistische Kommentare aufgefallen ist. Bostrom spekuliert auch darüber, dass wir in Zukunft möglicherweise in einer Simulation leben, die auf einem Großrechner läuft. Das würde bedeuten, dass viele der Menschen um uns herum keine Menschen sind, so schreiben die Autoren, sondern Computerprogramme: „Schattenmenschen“, Imitationen, denen es an Innerlichkeit mangelt.

Foto: Leander von Thien

Georg Diez

ist Autor und Journalist. Er ist Mitarbeiter beim Thinktank ProjectTogether, Fellow beim Max-Planck-Institut für religiöse und ethnische Diversität in Göttingen und er schreibt auf Substack den Newsletter „Überleben im 21. Jahrhundert“. Frisch im Aufbau-Verlag: „Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart.“

Schlagloch-Vorschau:

6.5. Robert Misik

13.5. Georg Seeßlen

20.5. Charlotte Wiedemann

27.5. Mathias Greffrath

3.6. Gilda Sahebi

Wer aber von Schattenmenschen redet oder von NPCs – ein Begriff aus der Gaming-Welt, Non-Player Character, die, wie Musk es formulierte, „sehr begrenzte Firewalls“ haben und „sich daher leicht programmieren“ lassen –, der hat einen Blick auf die Menschheit wie auf Technologie, der die Verbindung von beidem zu Gunsten des Menschen nahezu ausschließt. Ein Teil ist auch hier Rhetorik und Angeberei. Ein Teil ist aber die Grundlage einer Weltanschauung, die dazu führt, dass Menschen entmenschlicht und zu biologischer Verfügungsmasse degradiert werden.

Im Krieg in Gaza wurde diese Menschenverachtung Militärstrategie. Es waren KI-Programme, die „Gospel“ hießen oder „Lavender“. Beim Überwachungstool „Where is Daddy?“ ging er darum, den Standort eines möglichen Täters und damit Opfers zu verfolgen. Die KI-Logik veränderte dabei die sogenannte „Kill Chain“, es wurden vor allem Häuser gezielt angegriffen, in denen sich die verdächtige Person aufhielt – mit der Folge, dass die Todeszahlen exponentiell anstiegen. Und, wie Recherchen des Magazins +972 gezeigt haben, oft ganze Familien ausgelöscht wurden, obwohl nur eine Person das Ziel war.

Die Rolle von Silicon Valley bei all dem ist sehr klar: Das israelische Militär arbeitete mit Google, Meta, Microsoft an ihrem eigenen LLM, also dem Sprachmodell, das hinter dieser Form von KI steckt. Der Palantir-CEO Alex Karp, der sein Produkt, die KI-Schlachtfeld-Plattform „Maven“, vermarkten will, hat gerade ein Manifest veröffentlicht, in dem er Krieg zur patriotischen Pflicht und zum natürlichen Zustand der Welt erklärte. Die Stärkeren setzen sich gegen die Schwächeren durch, es gibt höherwertige und minderwertige Kulturen – Karp entwirft ein grausames Macho-Bild der Welt.

Es sind Männer, ausschließlich Männer, die diese Welt entwerfen

Es sind Männer, ausschließlich Männer, die diese Welt entwerfen, in der Opfer wie in Gaza zuerst entmenschlicht und dann vernichtet werden. Es gibt wieder lebenswertes und weniger lebenswertes Leben. Es gibt wieder braune und weiße Menschen. Es gibt wieder eine Verbindung von Salonrassismus und Massenmord. Die Geschlechterdifferenz erzeugt dabei eine eigene Dynamik, die die Visionen ethisch entgrenzter Männer antreibt. Die Verachtung, mit der sie formulieren, kann eigentlich nur als männlich benannt werden.

Alle Kulturen sind nicht gleich, sagt Alex Karp. Einige haben „Wunder vollbracht“, andere haben sich als mittelmäßig erwiesen, „und schlimmer noch: als rückschrittlich und schädlich“. So bauen sich Verachtung und Vernichtung auf. Empathie, wie Elon Musk sagt, ist für Verlierer. Die Revolution unserer Tage hat die Frage zum Gegenstand, was der Mensch ist und was seine Würde.

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