: Klassenfragen über den Körper verhandeln
Laura Linnenbaum inszeniert „Kinder der Sonne“ von Jakob Nolte nach Maxim Gorki am Berliner Ensemble. Heraus kommt eine dichte Milieustudie auf schwarzem Asphalt
Von Hilka Dirks
Der Garten der Villa am Rande der Stadt ist eine raue Wüste, deren klebrig-glitzerndes Schwarz alles bedeckt hat. Die Welt scheint ein anderer Planet geworden zu sein. Ist es seltene Erde oder einfach nur verbrannter Asphalt, was dort an den dreizehn schwarzen Laternenpfählen hochkriecht, den Boden bedeckt, die Kulisse in einen Ort verwandelt, den man eigentlich nicht berühren möchte?
Was immer es ist, womit Daniel Roskamp die Bühne vom Neuen Haus des Berliner Ensembles überzogen hat, es sorgt dafür, dass die Figuren nicht bleiben können. Ständig sind sie in Bewegung, als wäre es schmerzhaft auf dieser feindseligen Oberfläche stillzustehen. Die Gruppe gemeinsam Einsamer, die Maxim Gorki 1905 als seine „Kinder der Sonne“ schuf, und die Autor Jakob Nolte nun in die Gegenwart schrieb, sie retten sich auf weiße Stühle, Liegen und Tische, metallisch-kühl und glatt. So glatt, dass ihre Körper sofort wieder von ihnen heruntergleiten. Es gibt kein Verharren, kein Verschnaufen in dieser, sich um sich selbst drehenden Gegenwart, gegen die die Protagonisten des Stückes beständig anreden.
Waren es bei Gorki russische Intellektuelle, die den Bezug zum einfachen Volk verloren haben und sich in Kunst und Literatur vertiefen, während die Arbeiterklasse das Zarenregime stürzen will, engagieren sich Noltes bürgerliche Figuren zwar zumindest abstrakt für drängende Zukunftsfragen, doch haben auch sie gesellschaftlichen und monetären Einfluss schon längst verloren und kämpfen lediglich in lakonischen Sprachtiraden gegen den eigenen Bedeutungsverlust.
Gorkis Figuren seien besessen vom Sprechen, schreibt Nolte in einem sehr lesenswerten Begleitwort „Butter“ über das Stück: „Sie versuchen sich die Welt zu ersprechen, ihren Sinn oder Unsinn, ihre Rollen darin. […] Erlösung durch Versprachlichung.“ Und auch Noltes Figuren sprechen wie besessen: miteinander, untereinander, gegeneinander, doch meistens ein bisschen aneinander vorbei.
Alleine gegen alle und alle gegen sich selbst
Und so beobachten die Zuschauer:innen zweieinhalb Stunden die drei im Haus mit ständig kaputtem Gartentor lebenden Intellektuellen Prof. Paul Fürst (Marc Oliver Schulze), Literaturwissenschaftler, Jelena Fürst (Pauline Knof), seine Frau, und scheinbar frisch entlassener akademischer Mittelbau, und seine Schwester Lisa Fürst (Lili Epply), traumatisierte Dichterin und Mutter eines toten Kindes, dabei sich in ihren Beziehungen und der Welt zu behaupten.
Umworben werden die drei von der Unternehmerin Melanija Schmitt (Bettina Hoppe), dem Maler Nils Lund (Jannik Mühlenweg) und dem Tierarzt und Rennradfahrer Malte Keller (Sebastian Zimmler), am Rande stehen – oft wörtlich – die Haushälterin Antonia Markova (Maeve Metelka), der Handwerker Roman Gauner (Maximilian Diehle) und der Vermieter Herr Block (Oliver Kraushaar).
Regisseurin Laura Linnenbaum inszeniert diese Gruppe Erwachsener als getriebene Individuen, abgestumpft in ihrer einsamen Ich-Bezogenheit, deren überzogene, theatralische Darstellung zu so manchem Kalauer führt. Hätte das nicht auch subtiler sein können?, fragt sofort der eigene Snobismus.
Es muss sich verhalten werden
„Ein Roman ist nicht einfach eine Geschichte, er ist eine erzählte Geschichte. Ich muss mich zum Erzählten verhalten“, heißt es im Text von Literaturwissenschaftler Paul. Wenn am Ende des Stückes die Bühnenscheinwerfer das Publikum selbst in „Kinder der Sonne“ verwandelt, ist der sich für kulturell-versiert haltende Betrachter schon lange tief im Versuch verstrickt, sich irgendwo zwischen diesen rutschigen Figuren zu verorten.
Dabei ist niemand sympathisch, alle sind Antihelden. Beeindruckend ist dabei die dicht studierte Körperlichkeit der Charaktere, die insbesondere von den eher randständigeren Figuren des Vermieters und des Handwerkers mit geringem Redeanteil, dafür umso präsenterem Habitus auf die Bühne gebracht werden.
Die Klassenfrage, sie wird hier zu Recht auch über den Körper verhandelt. Sich ganz in dieses Stück sinken zu lassen, fällt ob der doppelten Unerträglichkeit der gespielten und der realen Realität zunächst schwer. Gelingt es dann irgendwann doch, rinnt die Zeit plötzlich schneller. Was bleibt ist eine ausgesprochen kluge Charakterstudie der bürgerlichen Gesellschaft ohne didaktische Lösungsvorschläge.
Zwischen verzweifelten erotischen Avancen, Ego-Trips, nahen Waldbränden und der nagenden Frage, ob der Handwerker Gauner denn nun ein Nazi sei, wird den verlorenen Bürgerskindern der Mietvertrag gekündigt. Nachdem die Schwester beim Brunch die „Geschichte des Landes, in dem die Sonne nicht mehr aufging“ erzählt, kommt es, wie es kommen muss: Die seit Generationen bewohnte Villa muss verlassen werden. Es gibt noch ein bisschen hedonistischen Exzess, eine Neusortierung des sozialen Gefüges. Die Menschen kaufen Aktien, bauen Beziehungen auf, trennen sich und die Sonne bleibt verschwunden – nur eben alles ein bisschen anderes als gedacht.
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