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Die Ausstellung „Status quo Moldova – Generation Zoomer“ vereint. Im Berliner Kunstverein Ost stellen Kunststudentinnen aus Moldau und Transnistrien aus

Rechts: Daria Popatenko, ohne Titel, 2025; links: Volker Kreidler, „Portrait Daria Popatenko“, 2025 Foto: Courtesy die Künst­le­r:in­nen und KVOST, Berlin

Von Tom Mustroph

Vier junge Frauen blicken von der Schaufensterfront des Kunstvereins Ost den Passanten ins Gesicht. Sie stammen aus Moldau und aus Transnistrien, dem seit den 1990er Jahren dank russischer und damals auch ukrainischer Hilfe abgespaltenen Teil der einstigen Sowjetrepublik. Obwohl sie aus politisch verfeindeten Territorien stammen, sind zwischen den jungen Frauen keine fundamentalen Unterschiede auszumachen.

Ernst, manche eher mit einem melancholischen Grundzug, andere mit mehr Entschlossenheit als Melancholie im Gesicht, schauen sie aus dem Schaufenster. Alle vier sind Kunststudentinnen, Ariadna Carp und Irina Gorodișteanu vom Colegiul de Arte Plastice in Moldaus Hauptstadt Chișinău, Daria Popatenko und Anastasia Shornikova von der Hochschule für Kunst W. I. Postojkin in Bender in Transnistrien.

Porträtiert hat sie der Berliner Fotograf Volker Kreidler. Seit 2021 fotografiert er im Rahmen des Projekts „Border Areas“ die umkämpften Grenzen der Ukraine. In Moldau, das ebenfalls eine lange Grenze mit der Ukraine teilt, war es für ihn nur konsequent, auch Transnistrien einzubeziehen. „In Moldau entwickeln Dinge schnell eine gewisse Eigendynamik. Erst hieß es, wir machen das mit Studenten, und wenig später: Morgen fahren wir nach Transnistrien und reden mit dem Leiter der dortigen Kunsthochschule“, erzählt er der taz.

Leben und Hoffnungen

So entstand das Projekt „Status quo Moldova – Generation Zoomer. Digital Nomads and Their Local Future“. Studierende beider Kunsthochschulen waren aufgefordert, ihr Leben und ihre Hoffnungen fotografisch umzusetzen. Vier Arbeiten wurden ausgewählt und sind jetzt im Inneren der Galerie zu sehen. Gorodișteanu inszenierte in den Räumen ihrer Schule zwei Mitstudentinnen, wie sie sich mit Lippenstift und bunter Farbe eine große Prise Fröhlichkeit in die Gesichter zaubern. Popatenko hielt ihren Nachhauseweg fest. Nur ganz wenige Lichter beleuchten dort nach der Dämmerung Straßen, Bahnstrecken und Brücken. Carp nahm sich in Schwarz-Weiß-Aufnahmen die Landschaft jenseits der Hauptstadt Chișinău vor. Geprägt ist sie von mächtigen Kalksteinformationen, die als Baumaterial Chișinău zum Beinamen „weiße Stadt“ verhalfen.

Die beeindruckendste Arbeit stammt von Shornikova. In einem umfangreichen Bilderreigen zeigt sie zunächst, wie sie in der Stadt zeichnete. Aus den Menschen, die sie dort sah, aber auch aus architektonischen Details fertigte sie Scherenschnitte. Mit ihnen stellt sie urbane Szenen nach, die sie wiederum abfotografierte. Diese kombinierte sie räumlich, stellte so urbane Szenen nach.

In dem originellen, zwischen Abstraktion und Figürlichkeit changierenden Zugriff darf man durchaus den Einfluss der Kyjiwer Schule vermuten. Lilia Dragneva, Künstlerin, Kuratorin und einst selbst Dozentin an der Kunsthochschule in Chișinău, hebt im Gespräch mit der taz jedenfalls die auf Vielseitigkeit und exzellentes Handwerk setzenden Traditionen der Kyjiwer Schule hervor. Sie galt in sowjetischen Zeiten als führend und sei in dieser Deutlichkeit vor allem in Transnistrien prägend.

Dragneva beobachtete auch einen Wechsel in den Themen. Die Fragen nach nationaler Identität und der Orientierung entweder ins benachbarte und historisch verwandte Rumänien oder eben nach Russland seien nicht mehr so drängend. „Ich denke, die Leute sind dieser Debatten müde geworden. Unsere Generation ist ohnehin zweisprachig aufgewachsen. Und selbst wenn man in den Jahren der Spannungen und Konflikte manchmal aufpassen musste, in welcher Sprache man auf der Straße antwortet, so ist das jetzt kein Thema mehr“, meinte sie. Schön zu erfahren also, dass die „Generation Zoomer“ beidseits des Grenzflusses Dnister mehr vereint als trennt.

„Status quo Moldova – Generation Zoomer. Digital Nomads and Their Local Future“. KVOST, Berlin. Bis 7. März

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