: „Ich sag Bescheid, was ich brauche“
Seit ihrem Unfall ist die ehemalige Leistungssportlerin Elisa Chirino auf viel Unterstützung angewiesen. Sie erfuhr Solidarität, aber lernte auch, dass diese nicht für alle selbstverständlich ist
Interview Manuela Heim
taz: Welche Rolle spielt Solidarität in Ihrem Leben, Frau Chirino?
Elisa Chirino: Den Begriff verwende ich kaum. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Solidarität eher als Gefühl wahrnehme. Vor allem in meiner Community.
taz: Wer ist Ihre Community?
Chirino: Andere Betroffene. Die meisten habe ich während der langen Krankenhauszeit nach meinem Unfall kennengelernt, viele auch über Social Media. Da gibt es ein so offenes Miteinander und ich fühle mich direkt verstanden. Ein bisschen zähle ich auch die Therapeuten dazu – die sind zwar nicht selbst betroffen, aber die haben sehr viel Wissen über meine Situation.
taz: Das, was Ihre Community ausmacht, wird vor allem von der Frage nach körperlichen Einschränkungen bestimmt?
Chirino: Ja, das hat sich verändert. Ich habe auch noch Kontakt zu Leuten von früher, aus der Leistungssportbubble. Aber das ist sehr wenig geworden.
taz: Als Spitzensportlerin haben Sie sich vor allem über die Leistungsfähigkeit Ihres Körper definiert.
Chirino: Ich hatte einen trainierten Körper, über den ich mir keine großen Gedanken gemacht habe. Nach dem Unfall ist dieses Verhältnis zerbrochen, ein Teil meines Körpers ist mir fremd geworden und es ist nicht einfach, das anzunehmen.
taz: Bei dem Unfall waren Sie 16 Jahre alt und Ihr Ziel war Olympia. Ein Leben für den Sport.
Chirino: Nachdem der Sport so abrupt aufgehört hat, wusste ich erst einmal gar nicht, wer ich bin. Heute würde ich sagen, mich macht ganz viel aus: Meine Behinderung ist ein Teil von mir, meine Wurzeln in einem anderen Land, die man mir ansieht und auf die ich sehr stolz bin, mein Interesse für Malerei, Design, Mode und natürlich Psychologie. Als Leistungssportlerin gab es nur den Sport und ich hatte gar keine Zeit, nachzuspüren, wer ich noch bin.
taz: Welche Rolle spielt es, dass Sie eine Frau im Rollstuhl sind und kein Mann?
Chirino: Männer im Rollstuhl treten oft stärker auf. Das gilt vor allem für die, die ihren Rollstuhl selbst antreiben und dadurch täglich ihren Oberkörper trainieren. Ich habe das Gefühl, ich bin viel weniger sichtbar. Wenn ich etwas möchte oder brauche, muss ich fast immer fragen. Und weil meistens jemand meinen Rollstuhl schiebt, werde ich nicht einmal selbst angesprochen.
taz: Wie viel Solidarität begegnete Ihnen direkt nach dem Unfall?
Chririno: Meine Trainingsgruppe kam direkt ins Krankenhaus. Auch mein Trainer ist am Anfang noch gekommen. Und es gab ganz viele Solidaritätsbekundungen über Social Media von anderen Turnerinnen, aus Deutschland, aber auch aus Italien und anderen Ländern. Ich weiß noch, dass mich das überrascht und gefreut hat.
taz: Gab es auch Enttäuschungen?
Chirino: Viele von denen, mit denen ich vorher meine gesamte Zeit verbracht habe, sind dann immer weniger gekommen. Außerdem gab es damals eine Spendensammlung für mich und ein großer Teil des Geldes ist veruntreut worden. Die verantwortliche Person war meinem Trainingsumfeld bekannt und da hätte ich mir mehr Anteilnahme gewünscht. Von einigen Kontakten aus meinem Davor-Leben habe ich mich auch bewusst verabschiedet, weil sie mir nicht gutgetan haben.
taz: Wer sind heute Ihre Verbündeten?
Chirino: Ich habe jetzt Menschen, die in verschiedenen Bereichen meines Lebens präsent sind. Aber meine Familie – das sind die zentralen Verbündeten. Heute habe ich wieder die Kraft, für mich einzustehen und irgendwann auch ohne sie klarzukommen. Aber direkt nach dem Unfall – ich möchte mir nicht vorstellen, wie es ohne sie gewesen wäre. Meine Mutter ist der solidarischste Mensch in meinem Leben.
taz: Wie oft begegnen Sie im Alltag Menschen, die keine Behinderung haben und von denen Sie sich und Ihre Bedürfnisse wirklich verstanden fühlen?
Chirino: Selten. Mir ging es eine Zeit lang sehr schlecht, ich hatte starke Schmerzen, konnte kaum essen und trinken. Und gerade bei Ärzten, die es ja eigentlich wissen müssen, wurde meine Situation zum Teil heruntergespielt. In solchen Situationen fühle ich mich echt am Boden. Auch wenn meine Intimsphäre verletzt wird, vor allem im Krankenhaus.
taz: Würden Sie sich wünschen, die Menschen würden mehr verstehen, was Sie brauchen, und Sie müssten weniger um Hilfe fragen?
Chirino: Das ist schon manchmal nervig. Ich musste das auch erst lernen. Andererseits ist es ja ein Glück, dass Menschen da sind, die man fragen kann. Für mich wäre es so am besten: Ich sag, was ich brauche, das könnt ihr ja nicht wissen. Und ihr erkennt an, womit ich zu kämpfen habe, und begegnet mir auf Augenhöhe.
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