: „Angela hat mir mein Land nicht gestohlen.Sie ist eine Frau wie ich“
Lana Alsharif und Angela Scharf arbeiten als Friedensaktivistinnen in Palästina und Israel zusammen. Dafür müsse man in der Lage sein, sich immer wieder als Mutter, als Tochter, als Mensch zu begegnen
Interview Dinah Riese
taz: Angela Scharf, Lana Alsharif, Sie sind Friedensaktivistinnen von Women Wage Peace aus Israel und Women of the Sun aus Palästina. Ihre Organisationen arbeiten zusammen. Wie sehr wurde diese Kooperation durch das Massaker der Hamas am 7. Oktober und den Krieg in Gaza auf die Probe gestellt?
Lana Alsharif: Es wurde natürlich schwieriger. Aber wir wussten, dass wir weitermachen müssen. Nur drei Tage vor dem 7. Oktober demonstrierten 1.500 israelische und palästinensische Frauen gemeinsam in Jerusalem. Unsere beiden Organisationen haben unter dem Krieg sehr gelitten. Wir haben 43 unserer Koordinatorinnen in Gaza verloren. Und Women Wage Peace hat Vivian und zwei weitere Mitglieder verloren.
taz: Vivian Silver, eine der Gründerinnen, die in ihrem Haus im Kibbuz Be’ eri getötet wurde …
Alsharif: Richtig. Aber in den ersten Wochen wussten wir nicht, was mit ihr passiert war. War sie entführt worden, war sie getötet worden? Wir versuchten zu helfen, wir überlegten: Wie können wir weiterhin zusammen sein, auch wenn wir uns physisch nicht mehr treffen können, weil niemand die Grenze überqueren darf? Wie können wir in Verbindung bleiben?
Angela Scharf: In den ersten Wochen waren wir alle zutiefst traumatisiert. Beide Seiten. Wir wussten nicht, was kommen würde. Aber eines war entscheidend: Am Nachmittag des 7. Oktobers rief Reem al-Hajajreh an. Sie ist die Gründerin von Women of the Sun. Sie fragte: Was ist mit Vivian? Sie wusste, dass Vivian in der Nähe der Grenze zu Gaza lebte. Ihr Mitgefühl und ihre Angst um Vivians Schicksal waren so echt und so wichtig. Und genau an diesem Tag sagte sie: Wir müssen unsere Arbeit fortsetzen – jetzt mehr denn je.
taz: Also haben Sie einfach weitergemacht?
Scharf: In den ersten Wochen protestierte Women Wage Peace nur für die Freilassung der Geiseln. Wir hielten Bilder von den Entführten hoch und standen jeden Tag an der Seite der Familien. Wir dachten: Während eines Krieges protestiert man nicht gegen die Regierung. Aber nach zwei, drei Monaten wurde uns klar, dass dieser Krieg nicht enden wird. Er musste gestoppt werden. Also protestierten wir gegen den Krieg und die Regierung.
Alsharif: Unsere Arbeit ist anders, weil unsere Herausforderungen anders sind, und auch unsere Möglichkeiten. Als Palästinenser:innen dürfen wir nicht für unsere Rechte demonstrieren. Wir können nicht einmal einen Facebook-Post über unsere Situation veröffentlichen. Wenn man auf der Straße protestiert, wird man entweder von der Palästinensischen Autonomiebehörde verhaftet oder von israelischen Soldaten erschossen. Unsere Arbeit konzentriert sich mehr auf die Arbeit mit Frauen. Wir wollen sie stärken, ihnen ihre Rechte bewusst machen und sie dabei unterstützen, sich gegenseitig zu helfen.
taz: Wie sieht das konkret aus?
Alsharif: Wir bieten Traumatherapiesitzungen an und organisieren humanitäre Hilfe, insbesondere für die Menschen in Gaza. Wir haben dort auch ein Lernprogramm für Kinder ins Leben gerufen, die wegen des Krieges ihre Häuser nicht verlassen konnten. Derzeit versuchen wir, eine Förderung zu finden, um ein Zentrum für Women of the Sun in Gaza einzurichten. Wir müssen Frauen politisch, aber auch wirtschaftlich stärken: Wenn sie sich nicht um ihre Familien und ihre Kinder kümmern können, können sie sich auch nicht um ihre Rechte kümmern.
taz: Sie sagten, Sie können sich nicht mehr treffen. Wie arbeiten Sie weiterhin zusammen?
Scharf: Wir wussten, dass es mit Zoom-Meetings allein nicht funktionieren würde. Also beschlossen wir, ins Ausland zu gehen. Bei Women Wage Peace bin ich für unsere Beziehungen zu Diplomat:innen zuständig. Ich fragte die Botschafter:innen: Können Ihre Länder uns nicht einladen? Der erste, der reagierte, war der schwedische Botschafter. Er lud uns in seine Residenz ein. Am 5. Februar 2024 trafen wir uns zum ersten Mal seit dem 7. Oktober wieder. Eine unserer Gründerinnen, Yael Admi, und Najla Fathi saßen nebeneinander am Tisch, hielten sich an den Händen und weinten. Plötzlich fragte der Botschafter, was los sei. Also erklärten wir: Yael hat ihren Bruder in den 70er Jahren in der Armee verloren. Najla hat vor drei Wochen 30 Mitglieder ihrer Familie in Gaza verloren. Und dennoch halten sie zusammen. Da wurde uns klar: Wir haben keine andere Wahl, als für den Frieden zu kämpfen.
Alsharif: Und wir bitten um internationale Unterstützung. Am 24. März werden wir in Rom sein. Mütter und Verbündete werden barfuß marschieren, um zu zeigen, dass wir nicht schweigen werden über den Tod unserer Kinder, und dass dieses Land nicht mit ihrem Blut getränkt werden darf. Women of the Sun und Women Wage Peace werden diesen Marsch anführen – aber derzeit kämpfen wir noch um unsere Visa, es ist sehr kompliziert. Und das, obwohl wir vom Papst eingeladen sind, den wir am Ende des Marsches treffen werden.
taz: Die humanitäre Lage in Gaza ist katastrophal. Ist es derzeit überhaupt möglich, an Friedensaktivismus zu denken?
Alsharif: Es ist schwierig, aber wir tun es. Unsere Arbeit konzentriert sich auf die UN-Resolution 1325: Frauen sind besonders von Konflikten und Kriegen betroffen. Sie spielen auch eine entscheidende Rolle bei der Prävention und Lösung von Konflikten. Die Frauen in Gaza müssen das Recht haben, sich zu äußern und an politischen Entscheidungen teilzuhaben.
Scharf: Women of the Sun arbeitet vor Ort mit den Frauen. Wir von Women Wage Peace versuchen, Einfluss auf die öffentliche Debatte, die Medien und die Politik zu nehmen. Aber das Wichtigste ist, einander als Menschen zu sehen. Für viele Palästinenser:innen sind Israelis nur das Militär oder Besatzer. Für viele Israelis sind Palästinenser:innen Terroristen. Das stellen wir infrage. Und wenn die Zeit für echte Friedensverhandlungen gekommen ist, werden wir den Boden dafür bereitet haben. Schauen Sie sich Irland an: Frauen von beiden Seiten haben 20 Jahre lang heimlich zusammengearbeitet. Als das Karfreitagsabkommen ausgehandelt wurde, forderten sie, mit am Tisch zu sitzen. Das ist unser Vorbild.
taz: Was bedeutet weibliche Solidarität für Sie?
Alsharif: Für mich bedeutet es, sich für die Verbindung zu entscheiden. Auch wenn es Herausforderungen gibt, wenn wir unterschiedliche Meinungen zu bestimmten Dingen haben, entscheiden wir uns dafür, zusammenzuarbeiten. Solidarität bedeutet, dass wir zuerst Vertrauen untereinander aufbauen müssen – und das wird uns Kraft geben.
Scharf: Weibliche Solidarität ist für mich nicht nur ein Slogan. Es ist etwas, das ich jeden Tag in unserer Arbeit erlebe. Auch wenn wir nicht immer die gleichen Ideen und Meinungen haben, haben wir doch ein gemeinsames Ziel: Wir fordern eine Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder. Das bedeutet, die jeweils andere ebenfalls als Mutter, als Tochter, als jemanden anzuerkennen, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgt.
Alsharif: Wir pflanzen Ideen in die Köpfe der Menschen um uns herum. Nicht jeder findet es gut, dass ich mit israelischen Frauen zusammenarbeite. Nicht einmal in meiner eigenen Familie. Und auch nicht alle Frauen, mit denen wir arbeiten, um sie als Women of the Sun zu stärken. Sie fragen: Wie kannst du sie normalisieren, nach all den Morden, der Besatzung, dem Land, das sie uns gestohlen haben? Wir normalisieren nichts. Aber Angela hat mir mein Land nicht gestohlen. Sie ist eine Frau wie ich und sie will Frieden, genau wie ich. Wir schauen auf unser Ziel und nicht auf unsere Unterschiede.
Scharf: Wir schauen nicht zurück, wer wem 1948, 1967 oder bei diesem oder jenem Terroranschlag was angetan hat. Sicher, jede Organisation hat ihre eigene Erzählung, aber gemeinsam bauen wir eine Zukunft auf.
Alsharif: Darum geht es bei unserem „Aufruf der Mütter“.
taz: Was ist der „Aufruf der Mütter“?
Scharf: Das ist unsere gemeinsame Vision. Women Wage Peace wurde 2014 nach dem letzten Gazakrieg von jüdischen und arabischen Bürgerinnen Israels gegründet. Seit 2018 war uns klar, dass wir eine Partnerin auf der anderen Seite brauchen. Deshalb haben wir Kontakt zu palästinensischen Frauen aus dem Westjordanland aufgenommen. Mithilfe unserer palästinensischen Mitglieder kamen wir in Kontakt und begannen, uns einmal im Monat an einem Ort in Bait Dschala zu treffen. Das ist in Gebiet C im Westjordanland, einem der wenigen Orte, an den sowohl israelische als auch palästinensische Frauen reisen können. Am Anfang war es sehr emotional, all die Frustration und Wut in uns kamen hoch. Unser Ziel war es, unsere gemeinsame Vision aufzuschreiben. Das hat letztendlich neun Monate gedauert. Während Covid konnten wir uns überhaupt nicht treffen, und danach haben die palästinensischen Frauen beschlossen, 2021 ihre eigene Organisation Women of the Sun zu gründen. 2022 wurden wir Schwesterorganisationen.
taz: Warum war es so schwierig, die Vision zu Papier zu bringen?
Scharf: Wir haben jedes einzelne Wort diskutiert. Nicht nur wegen der Unterschiede zwischen Hebräisch und Arabisch, sondern wegen der tieferen Bedeutung jedes Wortes. Sicherheit – was bedeutet das für israelische Frauen? Und was für palästinensische? Das Ergebnis ist unser Aufruf der Mütter. Der erste Satz lautet: „Wir, palästinensische und israelische Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, sind vereint in dem menschlichen Wunsch nach einer Zukunft in Frieden, Freiheit, Gleichheit, Rechten und Sicherheit für unsere Kinder und die nächste Generation.“
Kurz vor Redaktionsschluss wurde das Büro von Women Wage Peace in Tel Aviv in Teilen zerstört. Eine iranische Rakete schlug in der Nähe ein. Von der Organisation wurde niemand verletzt.
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