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Martialische Drogenrazzia in AugsburgBayerische Polizei legt vorzeitiges Osterei

Eine Razzia der Polizei in der preisgekrönten Augsburger Kulturinstitution City Club läuft aus dem Ruder: 200 Beamte halten rund 150 Gäste fest.

Blockiert: Razzia bei einem Technorave im Augsburger City Club Foto: Christoph Bruder

Vor dem City Club im Zentrum Augsburgs sammeln sich an einem Samstagabend gegen 21 Uhr normalerweise Rau­che­r:in­nen in freudiger Erwartung auf die bevorstehende Nacht. Am letzten Januarwochenende ist zu diesem Zeitpunkt ein gänzlich anderes Bild zu sehen: Während einer bereits laufenden Technoparty stürmten rund 200 Polizeibeamte den Club, der als wichtiger kultureller Anlaufpunkt für die alternative Szene der drittgrößten bayerischen Stadt gilt.

Als sich die Polizei Zugang zu den Räumlichkeiten verschafft, befinden sich rund 150 Gäste im Club. Sie werden unmittelbar aufgefordert, ihre Hände nach oben zu nehmen. „Für jede Person war eine Einsatzkraft vor Ort“, schildert eine Mitarbeiterin des City Clubs. Als sie nach einem Durchsuchungsbeschluss fragt, wird ihr dieser zunächst nicht vorgelegt.

Währenddessen gehen die Beamten rabiat vor: Sie brechen Türen mit Rammböcken auf, dabei gehen Fensterscheiben zu Bruch. Viele der Beamten sind beim Einsatz maskiert und mit Bodycams ausgestattet. Bemerkenswert: Sie werden zusätzlich von einem Fernsehteam der Sendung „Galileo“ (Pro Sieben) begleitet. Alle anwesenden Personen werden über mehrere Stunden hinweg vor Ort festgehalten.

Leibesvisitationen um den Gefrierpunkt

Teils müssen sie im Außenbereich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ausharren. Die Beamten führen nach und nach Leibesvisitationen durch. Aus Gedächtnisprotokollen, die der taz vorliegen, geht hervor, dass sich einige Personen komplett entkleiden mussten. Sie wurden aufgefordert, ihre „Unterhose nach vorne und unten zu ziehen“ oder ihre „Genitalien anzuheben“.

Am Ende des mehrstündigen Einsatzes erhält Sebastian Demmer, Geschäftsführer der Blausky GmbH, zu der der City Club gehört, den Durchsuchungsbeschluss. Aus der Pressemitteilung der Polizei geht lediglich hervor, dass die Razzia in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Augsburg angeordnet wurde, weil sich im Rahmen von Ermittlungen der Tatverdacht erhärtet habe, dass im Club „offener Konsum und Handel mit Betäubungsmitteln“ stattfinde.

Aus Sicht der Anwältin des City Clubs, Martina Sulzberger, dürften die zugrunde liegenden Ermittlungsergebnisse nicht ausreichen. Sie kündigte an, rechtlich gegen den Durchsuchungsbeschluss vorzugehen. Demmer vertritt die Meinung, dass „an Orten der Kultur und des Nachtlebens – wie überall in der Gesellschaft – Drogen konsumiert werden“. Es sei eine Realität, der jedoch mit strengen Kontrollen begegnet werde.

Vielfältiger Kulturort

Ein Schreckensbild vom City Club als Hort nächtlicher Drogenexzesse ist jedenfalls unvollständig. Vielmehr zeigt sich in der Konrad-Adenauer-Allee 9 ein vielfältiger Kulturstandort, der unter anderem mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. In einem Café im Erdgeschoss und den Club-Räumlichkeiten darüber finden regelmäßig Lesungen, Theateraufführungen sowie Konzerte statt. Auch das Awareness Kollektiv Augsburg e. V. ist hier beheimatet.

Das Fazit des Einsatzes: Insgesamt wurden 263 Personen kontrolliert und verschiedene Betäubungsmittel – unter anderem Kokain, Amphetamin – im unteren dreistelligen Grammbereich sichergestellt. 17 Personen wurden vorläufig festgenommen, 16 von ihnen nach Abschluss der Maßnahmen wieder entlassen. Demmer betont, dass keine der gefundenen Betäubungsmittel ihm oder der Blausky GmbH zugeordnet werden konnte.

„Möglichst viel Beifang“ abgreifen

Obwohl sich der Durchsuchungsbeschluss gegen Geschäftsführer Sebastian Demmer richtete, wurde der Einsatz bei laufendem Betrieb vollstreckt. Einbezogen wurden jedoch alle Anwesenden. Konstantin Grubwinkler, Fachanwalt für Strafrecht, ordnet die Situation gegenüber dem Bayerischen Rundfunk ein: Es sei „absolut nicht üblich“, dass in dieser „Schwere und Massivität“ gegen Personen vorgegangen werde, die lediglich privat vor Ort und in dem Verfahren nicht beschuldigt seien. Er gehe davon aus, dass die Polizei hier „möglichst viel Beifang“ abgreifen wollte.

Eva Weber (CSU), Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg, ist überzeugt, dass staatliche Akteure aufgefordert sind, ihr Vorgehen „auch hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit, kritisch zu prüfen“. Auch die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die auf ihrem Instagram-Kanal ein Video vor dem City Club postete, zeigte sich von dem Einsatz, der „alles andere als verhältnismäßig wirkt“, irritiert. SPD und Grüne kündigten eine parlamentarische Aufarbeitung im Bayerischen Landtag an.

Laut Club- und Kulturkommission Augsburg liegt die Zahl der Einsatzkräfte im Vergleich zu ähnlichen Maßnahmen um „ein Vielfaches (ca. zehnfach)“ über dem Üblichen. Eine Anfrageder taz bei der bayerischen Polizei nach vergleichbaren Einsätzen auf Großveranstaltungen, wie etwa auf Volksfesten, bei denen Alkoholexzesse und ebenfalls Drogenkonsum zu erwarten sind, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Bekannt sind solche polizeilichen Maßnahmen besonders bei subkulturellen Institutionen. Zuletzt im Technoclub Rote Sonne in München (2025) und in der Rakete in Nürnberg (2023). Die dreiClubs haben darüber hinaus noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle wurden bereits mit dem [pop]award Bayern ausgezeichnet. Es scheint, als würde sich hier ein Muster in der Einsatzstrategie der bayerischen Polizei abzeichnen.

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4 Kommentare

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  • Etwas vermutlich bewusst versteckt heißt es im Text, dass die Polizei Koks und Speed im unteren dreistelligen Grammbereich fand, das heißt also mindestens 100 Gramm. Bei 150 Gästen ist das doch eine ganz ordentliche Menge...

    • @Sailor Ripley:

      Ich behauptet mal ganz frech, dass diese Menge pro Person auch in jedem anderen Club auffindbar wäre. Vom Berliner Technotempel Berghain über das Pacha auf Ibiza bis hin zur Münchner Schickeria im P1.



      Zumindest waren Partydrogen von Cannabis bis Kokain in meiner Adoleszenz in der Clubkultur allgegenwärtig.

      Drogen werden und wurden immer von einem relevanten Querschnitt der Gesellschaft genommen. Nur unser Umgang damit ist in den letzen Jahrzehnten von ideologischer Repression geprägt. Ginge es um Gesundheit oder Prävention wäre das Oktoberfest verboten.

  • Reisewarnung für Bayern.

    Ganz schön gruselig, wie übergriffig und reaktionär dort gegen missliebige Teile der Gesellschaft vorgegangen wird. Hoffentlich wird dieser skandalöse Vorgang weiter medial begleitet und aufgeklärt.

  • Bayern probt ICE.