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Wenn der große Bruder zum unkalkulierbaren Risikospieler wird

Tektonische Verschiebungen in der Ordnung der Welt: Holger Stark skizziert die Abhängigkeit der Bundesrepublik von den USA und plädiert für ein größeres deutsches Selbstbewusstsein. Daniel Marwecki wünscht sich nach dem Westen ein freundliches Europa

Wird von Geostrategen gern unterschätzt: die freundliche Coolness, die Amerika den Deutschen nahebrachte. Hier US-Soldaten beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Augsburg, 1964 Foto: Gert Mähler/SZ Photo/laif

Von Stefan Reinecke

Als Donald Trump ernsthaft zu planen schien, Grönland anzugreifen, war die politische Elite in Deutschland fassungslos. Man war schockiert, überrascht – und diese Überraschung ist selbst ein Rätsel. Die USA sind seit zehn Jahren dabei, sich von Europa abzukoppeln. Die Ära des Westens geht global zu Ende. Die bundesdeutsche Politik ist eigentlich rational, abwägend, vernünftig. Trotzdem hat die politische Klasse alle blinkenden roten Ampeln überfahren. Warum?

Der Zeit-Journalist Holger Stark zeichnet in seinem vor Kurzem erschienenen Buch „Das erwachsene Land. Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance“ akribisch das deutsch-amerikanische Verhältnis der vergangenen 20 Jahre nach. Das politische Establishment in Deutschland hat in dieser Zeit viel Energie aufgewendet, um zu verdrängen, dass die USA sich vom großen, beschützenden Bruder in einen unkalkulierbaren Risikospieler verwandelt haben. Angela Merkel erkannte zwar im Mai 2017, dass auf Präsident Trump kein Verlass mehr war und dass „wir Europäer unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen müssen“. Solche Erkenntnisse blitzten immer mal wieder auf – und blieben folgenlos. Anstatt Emmanuel Macron zu unterstützen, der die europäische Souveränität militärisch, digital und politisch forcieren wollte, tat die bundesdeutsche Elite – nichts. Irgendwie schien man Trump wie einen drückenden Albtraum einfach überstehen zu wollen. Und fand Macron irgendwie lästig.

Die Bundesrepublik war (und ist) machtpolitisch und mental schlicht abhängig von den USA. Wenn sie wie 2003 im Irak oder 2011 in Libyen sich US-Kriegen verweigerte, bedeutete das schon genug Stress. Die Idee, sich strategisch von den USA zu emanzipieren, war eine Überforderung. Heiko Maas, SPD-Außenminister unter Merkel, sagt in „Das erwachsene Land“, dass „niemand wusste, wohin das führt. Deshalb hat man lieber die Finger davon gelassen.“ Maas tritt als eine Art verkannter Held in diesem politischen Portrait auf. Er versuchte, vorsichtig und vergeblich, Deutschland aus der freundlichen Umklammerung der USA zu lösen.

Es gibt im Jahr 2026 noch immer 35.000 US-Soldaten und ein Dutzend US-Atombomben in Deutschland. Trumps Drohung, die US-Truppen abzuziehen, weckt hierzulande überschießende, schwer zähmbare Ängste. Warum? Es geht nicht nur um sicherheitspolitische Kalküle, sondern um Wahrnehmungsmuster, die tief im bundesdeutschen Selbstverständnis wurzeln.

Holger Stark empfiehlt, diese Angstbilder zu rationalisieren und den Blick mal umzudrehen. Will sagen: Die US-Truppen sind kein Geschenk, für das wir uns dankbar erweisen und Liebesentzug fürchten müssen. Sie sind ein guter Deal für die USA. Nur wegen der Militärbasis Ramstein konnte die US-Armee die Kriege in Afghanistan und Irak führen. Als geostrategischer Kronzeuge tritt der Ex-US-General Ben Hodges auf: „Für die USA ist Deutschland ein gigantischer, unsinkbarer Flugzeugträger im Herzen Europas, der es uns erlaubt, alles zu tun, was wir tun wollen.“

Um die Ängste, die eine Abkoppelung von den USA schürt, zu dämpfen, nutzen zwei Überlegungen: Machen US-Atomwaffen, über deren Einsatz Trump allein ohne die Zustimmung der Bundesregierung verfügen kann, Deutschland wirklich sicherer? Zudem sollte die deutsche Politik Hodges ernst nehmen, meint Holger Stark: Die Militärlogistik, die die USA teils jenseits völkerrechtlicher Normen in Deutschland nutzt, sei „im geopolitischen Machtpoker eher ein Trumpf für die Bundesrepublik“ als für die US-Regierung. Denn die USA sind zum Beispiel für Militäraktionen in Afrika auf Basen wie in Stuttgart angewiesen, die zu ersetzen aufwendig und sehr teuer wäre.

Die machtpolitische Entflechtung von den USA wird ein komplizierter Prozess, der vom Aufbau eigener Finanzinstrumente über militärische Eigenständigkeit bis zu ohne US-Hilfe funktionierenden Geheimdiensten reicht. Das wird Jahre dauern, es wird Rückschläge, Niederlagen, Risiken geben. Aber damit dieser Prozess in Gang kommen kann, muss die politische Elite sich einer Art Selbstaufklärung unterziehen. Nötig ist eine Tabula rasa, vergleichbar mit der Kritik der deutschen Russlandpolitik nach Putins Überfall auf die Ukraine. Auf den radikalen Bruch mit der Ostpolitik muss ein radikaler Bruch mit der Westpolitik und dem Transatlantischen folgen. Dafür allerdings scheint die westdeutsche Elite mental noch nicht in der Lage zu sein. Holger Starks Buch, kühl, sachkundig und ohne Eifer verfasst, ist ein Anfang.

Holger Stark: „Das ­erwachsene Land. ­Deutschland ohne ­Amerika – eine ­historische Chance“. Propyläen, Berlin 2026, 320 Seiten, 26 Euro

Oder ist Trump vielleicht doch ein Irrtum der Geschichte, ein bösartiger Clown, der bald vergessen sein wird? Daniel Marwecki entfaltet in dem Essay „Nach dem Westen“ einen historischen Prospekt, in dem für diese naheliegende, tröstliche Illusion wenig Raum bleibt. Denn derzeit entsteht eine neue post-westliche Weltordnung. Trump ist deren Ausdruck, nicht deren Autor. Die USA verfügen zwar noch immer global über 800 Militärbasen, China nur über zwei. Aber der steile wirtschaftliche Aufstieg Chinas und der Abschied der USA von der Rolle als einzige Supermacht sind direkt verkoppelte Phänomene. Vor 25 Jahren waren die USA für 80 Prozent der Staaten ein wichtigerer Handelspartner als China – heute ist es umgekehrt. Trump ist für Marwecki so gesehen „der Abstiegsmanager des amerikanischen Imperiums“, der die alte, zerfallende Ordnung endgültig zerstört.

Mit Trumps MAGA-Narzissmus geht die Phase der imperialen Überdehnung der USA zu Ende. Die USA streift die Rolle als Weltpolizist ab. Die Nato, das größte Militärbündnis aller Zeiten, hat tiefe Risse und wirkt nicht erst seit Trumps Grönland-Drohung wie eine Fassade. Die Ära, als USA und Europa als global dominante Macht die Regeln der internationaler Ordnung bestimmten, geht zu Ende. Die Nato und der alte Westen werden in diesem Prozess zu Relikten der alten Ordnung.

Marwecki, der in Hongkong Politikwissenschaft lehrt, analysiert diesen Prozess ähnlich kühl, wie es der kanadische Ministerpräsident Mark Carney kürzlich in Davos tat. Die vom Westen durchgesetzte und modellierte regelbasierte Weltordnung ist „zerbrochen und wird nicht zurückkommen“, lautete Carneys nüchterne Feststellung.

Daniel Marwecki: „Die Welt nach dem Westen: Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahr­hundert“. Ch. Links Verlag, Berlin 2025, 272 Seiten, 24 Euro

Für rosarote Nostalgie gibt es wenig Gründe. Der globale Aufstieg Europas in den letzten 200 Jahren fußte auf einem Steuerstaat, der Rüstung und Militär finanzierte – und „der hemmungslosen Anwendung von Gewalt im globalen Maßstab“ (Thomas Piketty). Es wäre falsch, in der neuen Großraumordnung die universalistische Moral aufzugeben – und ebenso falsch zu vergessen, dass diese Moral in der Vergangenheit auffällig oft den strategischen Interessen des Westens nutzte.

Und nun? Die hoch komplexen Prozesse, die Stark und Marwecki umreißen, gehören zusammen. Europa muss sich von den USA lösen. Dafür muss sich vor allem Deutschland aus seiner historischen Abhängigkeit befreien. Europa muss auf eigenen Beinen stehen – sollte bei der Selbsterfindung als strategischer Mitspieler im Konzern der Großmächte aber seine imperiale Geschichte nicht vergessen. Marwecki warnt vor „alten europäischen Überlegenheitsfantasien“ und rät pragmatisch zur „Anpassung des Tonfalls an die eigenen Kräfte“.

Der indische Außenminister ­Jaishankar hat vor ein paar Jahren zutreffend bemerkt, dass Europa nicht mehr das Zentrum der Welt ist. Auch wenn zerfallende Ordnungen immer mit explodierenden Ängsten einher gehen – im Kern ist das keine schlechte Nachricht.

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