Gefangennahme des Präsidenten Venezuelas: Maduro ist weg, die Unsicherheit nicht
Die USA holen in einer Spezialoperation mitten in der Nacht Präsident Maduro aus Venezuela heraus. Ein Großteil des Landes verschläft den historischen Moment – und erwacht in Ungewissheit.
Die meisten Venezolaner:innen haben den historischen Moment wohl verschlafen. Als die Flugzeuge über Caracas flogen und die ersten Explosionen zu hören waren, war es mitten in der Nacht. Dass US-Elitesoldaten danach den venezolanischen autoritären Präsidenten Nicolás Maduro samt Ehefrau aus seinem Haus in einem Militärkomplex holten, wohl hochrangige venezolanische Militärs dabei starben – das bekamen sie dann aus dem Internet mit.
Selbst am Stadtrand von Caracas erfuhren viele es erst durch Anrufe von Verwandten, Bekannten und Freunden im Ausland, die sie wach klingelten. Teils fielen Internet und Strom aus. Die gesicherten Informationen sind auch Stunden und eine Pressekonferenz von Präsident Donald Trump in Palm Beach später spärlich – wie bei allem, was die USA in den vergangenen Monaten in der Karibik vor Venezuela unternommen haben.
„Es ist alles ruhig, die Menschen bleiben zu Hause“, sagt ein Kontakt im Bundesstaat Lara der taz, der anonym bleiben möchte. „Der Chavismo ruft seine Unterstützer auf, auf die Straßen zu gehen.“ Aber dem folge niemand. Seine Frau sei auf die Straße zum Einkaufen gegangen und habe lange Schlangen an Tankstellen und Supermärkten gesehen. „Alles ist kollabiert.“
Ähnliche Szenen berichten Menschen der taz aus der Hauptstadt telefonisch: Während es an manchen Orten geradezu totenstill ist und sich nichts regt, alle daheimbleiben, bilden sich an anderen vor Supermärkten und Tankstellen lange Schlangen. Venezolaner:innen versuchen, zumindest noch Trinkwasser zu kaufen. Denn es ist ungewiss, was kommt.
Militärbewegungen soll es nur im Hauptstadtdistrikt Caracas, im Bundesstaat La Guaira (wo sich der Flughafen von Caracas befindet) und Nachbarbundesstaat Miranda geben. Auf den Straßen in der Hauptstadt patrouillieren Colectivos mit ihren Motorrädern, paramilitärische regierungstreue Gruppen.
Stundenlang lief im Staatsfernsehen überhaupt nichts dazu – bis es eine Audiobotschaft von Vizepräsidentin Delcy Rodríguez sendete, die klarmachte: Sie wusste nicht, wo Maduro und seine Frau waren, geschweige denn, ob am Leben. Denn sie forderte ein Lebenszeichen. Und bis jetzt ist unklar, ob sich Rodríguez wirklich in Moskau befindet, wie manche Medien schreiben. Und wenn ja: Wann sie das Land verließ. Wusste sie von dem US-Plan?
Nach allem, was aktuell bekannt ist, wurden in der Nacht nur militärische Ziele angegriffen – wobei sich im Militärkomplex Fuerte Tiuna neben Ministerien und Einrichtungen der Armee auch mehrere zivile Wohnbauten befinden.
Ein Diktator, gefesselt und vorgeführt
Es kursierten gesichert von KI generierte Bilder am Samstag, wie Factchecking-Portale belegten, die erst einmal wie Lauffeuer die sozialen Medien und Chats fluteten.
Das, was US-Präsident Donald Trump dann teilte, wirkte ebenfalls wie aus einem schlechten Film: Diktator Nicolás Maduro, in einem dicken hellgrauen Jogginganzug, mit einer undurchsichtigen Brille oder Augenbinde, die Arme vor der Brust, womöglich gefesselt, mit einer Hand eine Plastikflasche zerquetschend. Es soll ihn an Bord der USS Iwo Jima zeigen. Kein Bild von seiner Ehefrau Cilia Flores, der blonden Strippenzieherin im Regime, die die Spezialkräfte auch mitgenommen haben.
Dafür von dem Mann, der die Menschen im Land seit Jahren bis in die letzte Institution hinein kontrollieren, festnehmen, foltern und töten ließ – womöglich blind und gefesselt. Am Samstag ließen einige Venezolaner:innen ihrer Freude im Internet freien Lauf. Aber mit Vorsicht.
In Miami feierte die venezolanische Community auf der Straße, in Venezuela herrschte Ruhe.
Lissette Gonzalez von der Menschenrechtsorganisation Provea betont am Telefon, wie wenig bislang bekannt ist. „Dass Maduro außer Landes ist, bedeutet, dass jetzt ein neuer Präsident ernannt werden muss. Wir hoffen, dass diese Nachfolge im Sinne der Gesetze und Verfassung erfolgt – und dass ein Dialog mit allen Sektoren beginnt, um nach und nach alle öffentlichen Kräfte wiederherzustellen.“ Damit die Rechte der Venezolaner:innen wieder respektiert würden. „Doch wir wissen nicht, ob das jetzt passieren wird.“
Für die politischen Gefangenen habe sich bislang nichts geändert. Niemand sei freigelassen worden. Die Gefängnisse würden weiter bewacht. „Wir warten ab, ob jetzt mehr Repression gegenüber vermeintlichen Dissidenten nach dieser Attacke erfolgt.“ Das Militär scheine sich stillzuhalten. „Meine größte Sorge ist, dass heute kein geordneter Übergang zu einer neuen Regierung erfolgt – und dass wir in Anarchie und Ungewissheit fallen, was die Bevölkerung weiter gefährden könnte.“
„Die Ankunft der Stunde der Freiheit“
Nach der Pressekonferenz von US-Präsident Donald Trump sagt sie: „Alles ist sehr verwirrend, es sieht nicht so aus, als würde es einen Übergang zu den demokratischen Kräften des Landes geben.“
Tatsächlich hat US-Präsident Donald Trump spätestens auf Rückfrage von Reporter:innen klargemacht: „Wir werden das Land regieren.“ Bis es zu einem „sicheren, richtigen und besonnenen Übergang“ käme – zu einem auch auf Rückfragen ungenannten Zeitpunkt. „Wir werden damit beginnen, (mit Erdöl) Geld zu verdienen fürs Land (…) wir werden es an andere Länder verkaufen.“ Die venezolanische Opposition will er explizit nicht an der Macht sehen. Mit Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado sei er nicht in Kontakt. Sie sei eine nette Frau, „aber in Venezuela unterstützt und respektiert man sie nicht“.
Diese hatte vor der Pressekonferenz in einer Erklärung den Angriff begrüßt als „die Ankunft der Stunde der Freiheit“ und Trump zuvor einen Alliierten genannt. Der im Juli 2024 gewählte Präsident Edmundo Gonzalez müsse jetzt die Macht übernehmen.
Auch im Nachbarland Kolumbien blieb es erst einmal ruhig. In der Hauptstadt Bogotá riefen Gruppen kurzfristig zu Protesten vor der US-Botschaft und einer Solidaritätsdemo vor dem venezolanischen Konsulat auf. Sie waren spärlich besucht, wenn man sich die Bilder im Netz anschaut. Das mag am Schockzustand liegen – oder einfach daran, dass die Hauptstadt bis Mitte Januar wie ausgestorben ist. Es ist Haupturlaubszeit in Kolumbien. Nachmittags sammelten sich Menschen auf der Plaza Bolívar im Zentrum.
„Das Volk ist wieder frei“, was Trump sagte – das will Felipe nicht glauben. „Aber ich bin unglaublich glücklich heute. Sie haben diesen Typen rausgeholt, das ist ein Anfang.“ Er klingt euphorisch. Seit 12 Jahren lebt der Venezolaner in Bogotá. Seine Eltern wurden noch unter Chavez aus der Ölfirma entlassen, weil sie die Opposition unterstützten – und migrierten nach Kolumbien. Der Sohn folgte später. „Chávez war nie so schlimm wie Maduro – das Schlimmste habe ich selbst nicht mehr erlebt“, sagt Felipe (42). Doch er weiß es von Freunden und Familie, die noch dort sind. Repressionen, Gefangene, Morde, stundenlange Stromausfälle, 2017 der Hunger, der die Massenemigration auslöste.
„Die Amis sind keine Engel, das weiß ich. Die Situation könnte sich verschlechtern, weil jetzt die Colectivos und andere bewaffnete Gruppen, die zur Regierung halten, übernehmen könnten“, sagt Felipe. „Wenn kein schneller Übergang kommt, könnten wir wie der Nahe Osten enden, noch schlimmer als vorher.“ Wenn Innenminister Diosdado Cabello nachrückt, könnte das noch mehr Schaden verursachen. „Alle wissen, dass er ein Psychopath ist.“
Trump droht Kolumbiens Präsidenten Petro
Kolumbiens Präsident Gustavo Petro hat die Attacken scharf verurteilt. „Die Sicherheitskräfte werden an der Grenze stationiert, alle verfügbaren Hilfskräfte werden für den Fall eines massiven Zustroms von Flüchtlingen bereitgestellt.“ Er verurteilte die Angriffe: „Die kolumbianische Regierung lehnt die Verletzung der Souveränität Venezuelas und Lateinamerikas ab. Interne Konflikte zwischen Völkern werden von den Völkern selbst friedlich gelöst. Das ist das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker, das die Grundlage des Systems der Vereinten Nationen bildet.“
Empfohlener externer Inhalt
Am wichtigsten Grenzübergang in Cucutá blieb es vorerst ruhig. Die Grenze zu sichern – das ist bei mehr als 2000 Kilometern, die großteils von grenzüberschreitenden kriminellen Gruppen kontrolliert werden, eine unmögliche Aufgabe. In der Grenzregion Catatumbo ist der bewaffnete Konflikt zwischen ELN-Guerilla und Farc-Dissidenten aktuell wieder hochgekocht. Die ELN-Guerilla ist mittlerweile in beiden Ländern aktiv. Vor den Kämpfen um die Vorherrschaft um Drogen- und Schmuggelkorridore sind seit den Weihnachtstagen Hunderte Menschen geflohen. Im Jahr 2025 wurden über 87.000 Menschen dort vertrieben.
Petro und Trump sind sich spinnefeind. In der Pressekonferenz wiederholte Trump auf eine Reporterfrage seine Drohung gegenüber dem Präsidenten des Nachbarlands: „Er muss auf seinen Arsch aufpassen.“
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