: Trinken zur Ansicht
Für ihren Instagramkanal bewegen sich zwei junge Frauen gern zwischen Stammtisch und Spielautomaten und zeigen dabei ihren Followern die urigsten aller Münchner Kneipen: Boazn
Aus München Merle Zils Fotos Thomas Dashuber
Durch das schmale Fenster der Eingangstür blinkt es bunt aus der Münchner Kneipe. Am Tresen stehen drei Frauen, zwei davor, eine dahinter. Ein ungewöhnlicher Anblick. Eine Boazn voller Frauen. Leise dringen ihre lachenden Stimmen nach draußen.
Die zwei vor dem Tresen sind Lisa Lindhuber und Franzi Püschel. Die beiden Frauen Anfang 30 haben ein besonderes Hobby: Boazn besichtigen und sie einer jungen Zielgruppe zugänglich machen. Unter dem kitschig-schönen Titel „Boaznengel3000“ posten sie auf Instagram ihre Ausflüge in die bayerische Trinkkultur.
Eine Boazn: eine Spelunke, eine Absteige für Alkoholiker, sagen die einen – ein familiärer Treffpunkt außerhalb der eigenen Wohnung, die anderen. Sie ist das Äquivalent zur Berliner Eckkneipe und der österreichischen Beis(e)l, vereint durch die charakteristisch urige Gemütlichkeit. Heute treibt es die beiden Boaznengel ins L185. Im Titel der Kneipe steckt praktischerweise ihre Adresse in der Lindwurmstraße, die sich ebenfalls passend ihrem Namen wie ein Wurm durch den Stadtteil Sendling zieht.
Der schmale Raum ist ein Traum aus dunklem Holz, es riecht nach Bier, klebrigem Fußboden und längst aufgerauchten Zigaretten – zum Leidwesen vieler macht das allgemeine Rauchverbot durch das 2010 in Bayern erlassene Gesundheitsschutzgesetz auch vor den Boazn keinen Halt. Aus den Radiolautsprechern schallt Radio Nora „Best of 80s“. An der Wand hängt eine 3-Liter-Flasche Asbach Uralt, daneben Postkarten-Urlaubsgrüße, die von Borkum bis Athen stammen. An einer anderen ein Clownsporträt auf einem Emailleschild, dazu die Aufschrift: „Irrenhaus“, und natürlich unzählige Fotos von Gästen.
Weniger Kneipen
In der Soziologie beschreibt der Begriff „Dritter Ort“ Treffpunkte der Gemeinschaft, die einen Ausgleich zu Familie und Beruf bieten sollen. Das kann dann auch eine Kneipe sein. Dabei werden diese Treffpunkte immer weniger: Gab es 2016 – also lange vor Corona – laut Statistischem Bundesamt noch 30.725 als „Schankwirtschaften/Kneipen“ geführte Betriebe, waren das 2023 nur mehr 21.815.
Trockener Januar
Im Januar wird weniger getrunken. Was 2014 als „Dry January“ in Großbritannien erstmals offiziell als Kampagne lanciert wurde, erfreut sich mittlerweile auch anderswo Beliebtheit: einen Monat im „trockenen Januar“ auf Alkohol zu verzichten. Diese säkulare Entsprechung zu den sonst religiös grundierten Fastenzeiten wird schon auch Auswirkungen auf das Trinkverhalten in Gaststätten haben. Konkret beziffern lässt sich das nicht. Außerdem weist der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga auch darauf hin, dass „der Januar in vielen Betrieben regelmäßig zu den umsatzschwächeren Monaten“ zählt – „vor allem aufgrund insgesamt geringerer Besuchszahlen“, weil „viele Menschen angesichts höherer Ausgaben zum Jahresende zunächst zurückhaltender ins neue Jahr“ starten.
Es ist kein Ort, an dem zwei junge Frauen mit Strähnchen und modern gestylten Ponys erwartbar wären. Doch: „Man kann hier einfach man selbst sein“, sagt Franzi Püschel, ein Bier in der Hand. Es gebe keinen sozialen Druck, kein Schaulaufen wie an Münchens Szeneorten, an denen die urbane Boheme um Tische kämpft, um in coolen Outfits performativ überteuerte Drinks zu schlürfen. Stattdessen rustikale Wohnzimmeratmosphäre. „In einer Boazn kommt man immer mit jemandem ins Gespräch“, so Lisa Lindhuber. Allein deshalb, weil es im L185 außer dem Tresen nur einen Tisch gibt.
Franzi Püschel und Lisa Lindhuber sind als Kolleginnen auch außerhalb ihrer Boaznengel-Tätigkeit als Social-Media-Redakteurinnen beim Bayerischen Rundfunk tätig. Beide sind zugezogen, stammen aus kleinen Orten in Süddeutschland und leben seit vielen Jahren in München. Eine in Giesing, die andere in Sendling. Zwei Viertel der Münchener Innenstadt, die für ihre Boazn-Dichte bekannt sind. Aus den Geschichten, die sie dort erlebten, entstand Anfang 2024 die Idee zu einem Instagram-Kanal. Über 40 Videos rund um die Boazn-Kultur haben sie inzwischen veröffentlicht.
Im L185 arbeiten sie routiniert, aber nicht streng nach Plan. Sie nehmen Interviews mit der früheren Besitzerin Tina und dem jetzigen Dimi auf. Es ist eine Vornamenwelt und soll es, da sind sich alle einig, auch bleiben. Eine stellt die Fragen, die andere filmt, hochkant. Schließlich wird daraus später ein Instagram-Reel. Danach vergehen die Stunden, so wie es in einer Kneipe üblich ist. In besonderen Situationen ziehen die Engel ihre Handys wie Cowboys ihren Revolver. Sie halten drauf, als Tina am Spielautomaten zockt, ein Gast in den Alkoholtester pustet oder jemand in klassischer Kneipenmanier eine Runde Rüscherl (Asbach und Cola im Cognac-Schwenker) für den ganzen Tisch ausgibt. Nur ab und zu kommt die Bitte: „Kannst du das nochmal wiederholen?“, wenn das Handy nicht schnell genug gezückt wurde. Zwischendurch wird immer wieder Insta gecheckt: Nachrichten und Likes auf die Story, die sie zu Beginn des Abends gepostet haben.
Mit ihrem Content erreichen die Boaznengel3000 über 9.000 Follower, haben in München Lokalberühmtheit. Inzwischen werde sie auch mal auf der Straße erkannt, wenn junge 1860-Fußball-Fans durch Giesing ziehen, erzählt Lisa Lindhuber. Auch eine Kooperation mit einer der sechs großen Münchner Bierbrauereien, Hacker-Pschorr, gab es schon. Aber Influencerin sein wollen? Definitiv nicht – „Wir machen uns keinen Druck, was zu posten, wir wollen den Spaß daran nicht verlieren“, so Lindhuber.
Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung München zur Metropole gemacht, während die Stadt 1883 lediglich 250.000 Einwohner zählte, verdoppelte sich diese Zahl bis zur Jahrhundertwende, Tausende Menschen suchten Arbeit in den ansässigen Industrien von Lokomotivbau bis Brauerei. Für die Arbeiter ist die Boazn ein abendlicher Zufluchtsort. Auch heute noch finden sich die meisten Boazn in den früheren Arbeitervierteln, auch wenn von den Arbeitern längst nicht mehr so viele da sind. Die Mieten steigen, die Stammkundschaft zieht weg, junge Menschen ziehen hin. Auch in München trifft der bekannte Gegner „Gentrifizierung“ viele alteingesessene Stadtteile. „Sendling hat sich verändert“, erzählt die frühere Ladenbesitzerin Tina, „früher kannte ich die meisten Leute.“ Viele davon arbeiteten auf dem nahe gelegenen Großmarkt. Heute seien vielleicht noch zehn der früheren Stammgäste über.
Seit vielen Jahren diagnostizieren selbst ernannte Kneipenexperten vom traurigen ehemaligen Stammgast bis zur Feuilleton-Kolumne das Sterben der Boazn. Weniger Gäste, keine Nachfolger. Einer, der das auch beobachtet, ist Martin Emmerling. In seinem Boazn-Quartett bildet er in dem Kartenspiel Kneipen in verschiedenen Stadtteilen Münchens ab. 2018 brachte er die erste Version heraus, im Dezember vergangenen Jahres erschien nun die fünfte Auflage. „In manchen Stadtteilen musste ich echt suchen“, sagt er. „8 von 32 Boazn sind seit der letzten Ausgabe vor zwei Jahren verschwunden.“ Er blättert durch die Karten, stoppt bei einer, darauf das Bild einer älteren Dame. „Sie ist wohl die nächste, die aufhört … die Gesundheit.“
Offizielle Zahlen zur Anzahl der Boazn erhebt die Stadt München nicht, doch wer sich in den einschlägigen Stadtteilen umsieht, findet statt uriger Kneipen vermehrt hippe Cafés und Fitnessstudioketten. Auch das L185 ist leicht zu übersehen: Nebenan schallt Musik aus einem weit größeren Lokal, gegenüber leuchtet der blaue Schriftzug einer Pizzafiliale.
Dennoch: Das L185 hatte Glück. Bis 2024 war es das „Bei Tina“. 27 Jahre lang stand Tina von morgens um 9 bis spät in die Nacht hinter dem Tresen, auch weit über das Rentenalter hinaus. „Eine Legende“ nennen die beiden Boaznengel sie. In starkem griechischem Akzent erzählt sie ihnen unzählige Geschichten von betrunkenen Männern, die sie rauswerfen musste. Es war kein leichter Job, aber bis zum Schluss habe sie ihn gerne gemacht. Der Mann, der sie schließlich kürzer treten ließ, war ihr eigener, aus gesundheitlichen Gründen. Doch dreimal die Woche steht sie weiterhin hinterm Tresen. „Das ist immer noch dein Zuhause“, betont Dimi, der neue Besitzer, und drückt Tina einen Kuss auf die Stirn. Auch das nahegelegene Sonnenstüberl gehört ihm. Eigentlich wollte er es dabei belassen, doch diesen Ort sterben zu lassen, konnte er nicht über sich bringen.
An diesem Samstagabend ist der einzige Tisch mit der geselligen Runde aus zwei Stammgästen, Engeln und (ehemaligen) Besitzern bereits voll besetzt, an anderen Tagen, besonders unter der Woche, verirren sich nur wenige Gäste ins L185. Die Gespräche am Kiefernholztisch wandern zum Alkohol – „Wir wollen das nicht verherrlichen, aber er gehört natürlich dazu“ –, das Konzept des aktuellen Dry January wird in der Boazn wohl wenig Anklang finden. Es folgen Diskussionen über die echte Boazn: „Bier und Rüscherl, Spielautomaten, keine Cocktails, keine Mahlzeiten, höchstens Fleischpflanzerl und andere Kleinigkeiten, kitschiges Dekor und halt so ein Gefühl.“ Dann lässt plötzlich jemand das N-Wort fallen: „Ouzo oder wie ich sage: N-Sperma“. Stille. Unangenehmes Lachen, die Engel wechseln das Thema. In diesem einen Wort wird etwas spürbar. Es gibt Unterschiede in dieser Runde: politisch, sozial, akademisch. Sie diskutieren sie nicht. „Es ist ein wenig wie mit der Familie am Weihnachtstisch“, sagt Franzi Püschel später. Sie wollen keinen Streit vom Zaun brechen.
Es ist ein Zaun, der die Gruppe, möge sie noch so eng zusammengekuschelt am Tisch sitzen, in zwei Welten trennt. Die einen sind hier zu Hause, die anderen Zaungäste. Sie unternehmen einen Ausflug aus ihrer woken Bubble. Der soziale Status erlaubt den einen – mit Studium und Medienjob – in eine andere Welt zurückzukehren, und den anderen – aus der Arbeiterklasse, in schlecht bezahlten Jobs arbeitend und häufig mit Alkoholismus kämpfend – eben nicht.
Dennoch wird das Bild der Kneipe auch von Zwischentönen bestimmt: Durch den kleinen Raum unterhält sich der Koch am Spielautomat mit der Marketingmanagerin am Tresen. Es ist ein doch diverser Ort, an dem Politikwissenschaftler und Lkw-Fahrer aufeinandertreffen können.
Die Boaznengel3000 wollen für diesen Austausch stehen, Vorurteile abbauen, junge Menschen an diese Welt heranführen, „coole Orte der Begegnung zeigen“. Es kam bereits der Vorwurf, sie würden dadurch aus der Boazn und ihren Besuchern eine „Attraktion“ machen. „Augenhöhe“ ist ein Wort, das die Boaznengel3000 dazu erwidern. Auf dieser Basis entstehe jedes Video. Sie sind sich ihrer Rolle bewusst. Sie sind sich bewusst, dass sie auch selbst Teil der Gentrifizierung sind, die die Boazn vielfach dahinrafft. Besitzer Dimi jedenfalls freut sich über die jungen Besucherinnen: „Es ist sehr toll, dass die das Alte wieder lieben. So kommt hier Leben rein.“
Auch Barkraft Sandra genießt die Abwechslung: „Wenn’s nette Leute hast, geht’s dir als Bedienung auch gut. Wenn’s nur Grantler hast, kriegst irgendwann schlechte Laune.“ Nur wenige Jahre älter als Lisa Lindhuber und Franzi Püschel hat sie einen ganz anderen Weg: eine abgebrochene Ausbildung zur Arzthelferin, danach Jobs in Bars und Restaurants. Seit 20 Jahren wohnt sie im Viertel. Das L185 ist für sie mehr als ein Arbeitsplatz. Die bunten Lichterketten im Laden hat sie aufgehängt. „Nächste Woche hole ich noch eine für den Flur“, plant sie stolz. Sie legt den Gästen das Geld für den Dartsautomaten aus, sie bringt Kuchen für die Gäste mit, kauft das Klopapier – als wäre das ihr eigenes Wohnzimmer.
Irgendwann fallen Fußballfans, Freunde der beiden Boaznengel, bereits gut angetrunken in die Kneipe ein. Gewonnen: 3:1, ein Grund zu feiern. „Auf die Löwen“, schallt es aus lallenden Männerstimmen durch die Boazn. Wie so häufig werden sie noch gemeinsam viele Stunden im L185 verbringen und am Ende der Nacht räumt Sandra auf, macht das Licht aus, schließt ab und verlässt als Letzte den Laden. Morgen hat sie frei, aber „wenn ich nicht arbeite, bin ich privat hier“.
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