berliner szenen: Richard-Wagner-Platz, echt weit
Leerer M45er Richtung Zoo. Eine lässt sich neben mich fallen und fragt: „Und wo müsset Sie aussteige?“ Ich murmele „Richard-Wagner-Platz“ und versuche, mich weiter auf mein Buch zu konzentrieren.
Sie schert sich nicht darum, dass ich lesen möchte. „I au!“, ruft sie erfreut. Und erklärt dann: „Des isch echt weit, oda?“ Ehe ich mich versehe, kenne ich ihre halbe Lebensgeschichte: Sie kommt aus Baden-Baden – „net aus Schwabe, wie die Leit immer meine wegen em Dialekt“, lebt seit fünf Jahren in Berlin und nach zwei Jahren Untermiete in einer möblierten Wohnung seit drei Jahren in einer Neubauwohnung am Richard-Wagner-Platz.
In Spandau war sie bei Ikea, In Berlin lebt sie wegen ihrem jüngsten Sohn – „der isch dreißig und reist um d’Welt – Weihnachten simma imma woanders“. Ihr Jüngster sei ihr größtes Glück: „Der isch a Nachzügler. Mit em erste war i alleinerziehend. Des war net leicht in de 70er.“
Dann habe sie noch einmal geheiratet: „Un do wollte mer halt au e Kind zämme.“
Dieses Jahr flögen sie für Weihnachten nach New York. Sie beugt sich mit weit aufgerissenen Augen zu mir: „Wenn mer des denn schaffe. Was die alles wisse welle, um zu gucke, ob se eine reinlassa.“
Sie zieht einen Zettel aus der Tasche: „Ware Se scho emol in Kuba?“ Ich schüttle den Kopf. Sie nickt: „Guet für Sie, sonsch hätt der Trump Se net welle.“ Ohne Luft zu holen fragt sie weiter: „Was halte Sie denn von dem Trump do?“ Ich schneide eine Grimasse. Sie wartet meine Reaktion nicht ab: „Also dass die Leit den nomol gewählt habe – der war doch letzts Johr scho mol do und dann …“
Als der Bus am Richard-Wagner-Platz hält, beeile ich mich sehr, zur U-Bahn zu kommen. Sie ruft mir hinterher: „Schön wars! Vielleicht treffet mer uns jo bald wieder! Würd mi freue!“
Eva-Lena Lörzer
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