: Wer kann die vakante Stelle des Machtzentrums füllen?
Herfried Münkler analysiert in „Macht im Umbruch“ die geopolitische Lage. In Europa gilt es die Kooperation von Paris, Berlin, London, Warschau zu organisieren. Deutschland muss seinen Job machen

Von Stefan Reinecke
Der Boden, auf dem die Bundesrepublik solide stand, wackelt. Der Westen zerfällt. Im Osten formiert sich Russland zu einer aggressiven neoimperialen Macht. All das ist der Vorschein einer neuen Weltordnung, die rauer und machtgestützter, diffuser und regelloser sein wird als das, was wir kannten. Die EU wird da eher aus Not zum neuen Flucht- und Hoffnungspunkt erklärt. War nicht gerade noch allgemein abgenickter Common Sense, dass von der politisch erstarrten EU, die auch noch massiv von Rechtspopulisten unter Beschuss steht, nicht viel zu erwarten ist?
Angesichts dieser Mixtur aus Furcht und Ratlosigkeit kommt Herfried Münklers Studie gerade recht. Selten hat ein Sachbuch so perfekt eine Stimmungslage erfasst, gespiegelt, analysiert wie „Macht im Umbruch“.
Münkler beschreibt, geschult an Machiavelli und unbeeindruckt von Moden, seit Jahrzehnten politische Prozesse als Machtkampf. Der Schlüsselbegriff, der hier die Dynamik der neuen Weltordnung erfasst, ist Geopolitik. Es zeichnen sich fünf konkurrierende Machtblöcke mit regionalen Einflusszonen ab: die USA, China, Russland, Indien und Europa.
Geopolitik wendet militärische Begriffe wie „Flügel“ und „Mitte“ an, um Machtkonstellationen zu analysieren. Nach 1945 galt sie in der Bundesrepublik als ideologischer Begleitschutz des NS-Krieges und moralisch kontaminiert. Geopolitik passte nicht in das pazifistische Selbstbild der Republik – und war auch überflüssig. Die geopolitisch prekäre Mittellage Deutschlands war bis 1990 im Ost-West-Konflikt kaltgestellt. Somit gab sich die bundesdeutsche Kompromissdemokratie der Illusion „einer generellen Verfriedlichung der Politik“ hin, in der es „keine Feinde, sondern nur noch wirtschaftliche Konkurrenten“ gibt, schreibt Münkler. Aus diesem Traum haben uns Trump und Putin endgültig geweckt. In der künftigen Welt wird Moral klein- und Macht großgeschrieben.
Die EU muss, folgt man Münkler, von einer föderalen Konsens- zu einer Entscheidungsmaschine werden. Mehr Macht im Zentrum, weniger Vetomöglichkeiten für die Ränder. „Den Erfordernissen eines Akteurs mit Anspruch auf weltpolitische Relevanz genügt das Verfahren der verschachtelten Kompromisse nicht.“ Die „Führung von hinten“, auf die sich vor allem Deutschland versteht, muss in einer handlungsfähigen EU durch Führung von vorne ergänzt werden. Diesen Job kann, Münkler zufolge, nur das große, wirtschaftlich starke und geopolitisch durch die Mittellage prädestinierte Deutschland übernehmen. Führung heißt dabei gerade nicht, nationale Interesse durchzuboxen, sondern den EU-Laden als Ganzes zusammen zuhalten. Dieser Führungsbegriff ist keine moralische Selbstbegrenzung, sondern funktional, um imperienartige Gebilde ohne starke Zentrale wie die Europäische Union zu stabilisieren.
Militärisch gilt es angesichts des möglichen Ausstiegs der USA aus der Nato eine Kooperation von Paris, Berlin, London, Warschau zu organisieren. Scharfsinnig ist Münklers Hinweis, dass es mit Geld für Militär nicht getan ist. Mit den USA verschwindet nicht nur der atomare Schutzschirm – es kehrt auch die kniffelige Machtfrage zurück, wie die Hierarchie in einer Post-USA-Nato aussehen kann. Wer kann die vakante Stelle des verlassenen Machtzentrums ausfüllen? Hellsichtig ist auch der knappe Hinweis, was drohen kann, wenn die Reform Europas misslingt. Das Modell, dass die EU von Krise zu Krise stärker wird, gilt nicht mehr. Am Horizont taucht die Schreckensvorstellung auf, dass angesichts des grassierenden Neonationalismus vergessene, vorübergehend stillgelegte ethnische Konflikte von außen angefacht werden und wieder auflodern können. Die von der EU einst ratlos beobachteten postjugoslawischen Kriege haben gezeigt, wie abrupt solche Verläufe sind. Viktor Orbáns Anlehnung an Putin könnte verbunden mit möglichen Revolten ungarischer Minderheiten in Rumänien, Serbien und der Slowakei ein fatales Szenario ergeben.
So luzide sich vieles in Münklers Analyse liest – es gibt blinde Flecken und Kurzschlüsse. Ausgeblendet wird die Frage, ob die Akkumulation von Kompetenzen im Zentrum – schnelle Entscheidungen sind Macht – den rechtsnationalen Widerstand gegen die EU nicht beflügeln. Münkler zieht es vor, von Deutschland „entschiedenes Auftreten“ zu verlangen und „Verstöße gegen die Einhaltung der Verschuldungsgrenzen“ nicht zu dulden. Mag sein, dass die politische Klasse der Bundesrepublik robustere Machtausübung üben sollte – aber nicht so.
EZB-Chef Mario Draghi musste den Euro retten, weil Deutschland lieber den Sparkommissar spielte, als mit gemeinsamen Bonds den Euro zu schützen. Und jetzt soll ein noch mächtigeres Deutschland Südeuropa zum Sparen verdonnern? Das dürfte das erstrebenswerte Ziel einer handlungsfähigeren EU nicht befördern, sondern in die Luft jagen. Das deutsche Verhalten in der Schuldenkrise war ja ein Gegenbeispiel zu Münklers Begriff kluger Führung einer halbhegemonialen Macht. Damals stellte Deutschland das nationale Interesse über das der EU, für deren Zusammenhalt es als „primus inter pares“ zu sorgen hatte.
Herfried Münkler: „Macht im Umbruch- Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“, Rowohlt Berlin, Berlin 2025, 432 Seiten, 30 Euro
Verwunderlich ist, dass der Globale Süden in Münklers Analyse keine Rolle spielt. Denn in der neuen Weltordnung muss sich Europa mit wechselnden Partnern verbünden. Olaf Scholz hat dafür mit der anfänglichen Ukraine-Diplomatie in Richtung Indien, Südafrika und Indonesien eine Spur gelegt. Doch „Macht im Umbruch“ ist auf USA, Russland, China, Europa fokussiert – und damit, was globale Machtverhältnisse angeht, nicht ganz up to date.
Die wesentliche Kritik an Münklers Buch betrifft die Engführung von Macht und Geopolitik. Es ist zweifelhaft, ob der Raumbegriff des 19. Jahrhunderts noch taugt, um die neuen Machtfiguren zu erfassen. Kann man im 21. Jahrhundert, in dem Satelliten, digitale Ströme und KI regieren, noch mit Clausewitz und der See- und Landmacht-Unterscheidung operieren? Geopolitik ist ein nützlicher, intellektuell eher übersichtlicher Werkzeugkasten, aber nicht der Universalschlüssel, mit dem sich eine abrupt rätselhaft gewordene Welt entziffern lässt.
Am Ende dieser kühlen Konstellationen betrachtenden Analyse taucht wie ein Komet aus dem Nichts ein leuchtender Begriff auf, der die Widersprüche Europas heilen soll: „Die große Erzählung“. Das ist erstaunlich. Die pragmatischen Demokratien haben die historischen großen Erzählungen unter Ideologieverdacht gestellt. Woher diese große, Sinn stiftende Erzählung kommen soll, bleibt in diesem sonst klar argumentierenden Text schleierhaft. Macht alleine jedenfalls gebiert keine Erzählung. Und Politik ist eben doch mehr als die Sprache der Macht.
Auch ob Münklers immer wiederkehrender Vergleich von Putin mit Hitler erkenntnisfördernd ist, kann man bezweifeln. Der russische Versuch, mit Gewalt einen „cordon sanitaire“ in Osteuropa zu rekonstruieren, ist äußerst bedrohlich und brutal. Aber er bewegt sich, anders als der Griff des NS-Systems nach der Weltherrschaft, in den Bahnen imperialer Geopolitik.
Der nüchterne, moralferne Blick schützt keineswegs vor Fehlurteilen. Beim Ukrainekrieg 2014 lag Münkler so falsch wie viele Analytiker in der Bundesrepublik und hielt die Existenz einer multiethnischen Ukraine für unhaltbar. Darauf hat der Historiker Bert Hoppe in der FAZ hingewiesen. Eine selbstkritische Einordnung dieser Irrtümer fehlt. Das ist schade. Selbstkritik ist für Politiker karriereschädlicher Luxus, für Intellektuelle nicht. Sie können mit Selbstreflexion ihre Glaubwürdigkeit vermehren.
Aber noch wo Münkler zu kurz greift, ist er anregend, kreativ, herausfordernd. „Macht im Umbruch“ markiert den Punkt, von dem aus Weiterdenken möglich, an dem Widerrede nötig ist.
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