Wirtschaft: Große Worte, leere Baustellen
Christoph Gröner spricht gerne von großen Bauprojekten, doch die Realität sieht anders aus: Pleiten, verpasste Fristen und Stillstand auf den Baustellen. Während Investor:innen und Kommunen auf Ergebnisse warten, kündigt der Immobilienunternehmer unbeirrt neue Vorhaben an – auch in Karlsruhe.
Von Florian Kaufmann
Um Ankündigungen ist der Immobilieninvestor Christoph Gröner nie verlegen. Allzu oft kann die Realität mit den Versprechen nicht mithalten. In Karlsruhe versprach Gröner „das blühende Leben“ mit „1.000 Möglichkeiten für die unterschiedlichsten Lebenskonzepte und kreativen Wohnstile“ auf einem ehemaligen Militärgelände in der Nordstadt, genannt C-Areal. In der profanen Gegenwart ist kein Wohnungsbau, sondern nur Stillstand zu sehen. Gräser sprießen, Büsche überwuchern die Wege. Seit Jahren ruht das Projekt, Baukräne und Bauarbeiter:innen sind ausgeblieben. Die großformatigen Plakate, die das blühende Leben ankündigen – verschwunden.
Anfang des Jahres kündigte Gröner erneut an, den Wohnungsbau auf dem C-Areal jetzt tatsächlich zu starten. Spätestens im 1. Quartal sollten entsprechende Schritte eingeleitet werden. Doch Gröner riss die Frist erneut. Die Krise ist längst kein Ausnahmezustand mehr – im Gröner-Konzern ist sie Alltag geworden.
Seit Monaten versuchen Gläubiger:innen bei Gröners Firmen offene Forderungen einzutreiben. Einige verloren dabei die Geduld mit Gröner und schalteten Gerichte ein, um ihr Geld über ein Insolvenzverfahren einzutreiben. Etwa ein Dutzend von Gröners Firmen wurden in den vergangenen Monaten von Gerichten unter die vorläufige Aufsicht eines Insolvenzverwalters gestellt, darunter auch das einstige Flaggschiff des Konzerns, die Gröner Group. Das Amtsgericht Leipzig erklärte in den vergangenen drei Wochen neun Firmen aus dem Gröner-Reich für insolvent. Binnen eines Monats müssen die Gläubiger:innen ihre Forderungen geltend machen. Um sie zu begleichen, kann der Insolvenzverwalter eigenständig die betroffenen Bauprojekte in Leipzig, Köln und Mannheim zum Verkauf anbieten.
Klagewelle gegen Medien und Justiz
Auch Christoph Gröner selbst ist seit Mitte März mit einem weiteren Privatinsolvenzverfahren konfrontiert, das bislang nicht aufgehoben wurde. Seinen Angaben zufolge will ein Gläubiger auf diesem Weg eine Forderung gegen eine seiner Projektgesellschaften geltend machen, für die Gröner persönlich gebürgt haben soll. Gröner hält sowohl die Forderung wie auch die Bürgschaft für strittig.
Ohnehin tragen in seinen Augen die Schuld immer die anderen. Seinem Ärger macht er in den letzten Wochen in mehreren Beiträgen auf der Online-Plattform Linkedin Luft. „Die Insolvenzgerichtsbarkeit“ werde „instrumentalisiert“. Nicht nur seine Konkurrenz, auch „diejenigen, die diese Insolvenz betreiben“, hätten daraus Vorteile. Besonders ins Visier von Gröners Beiträgen kommt der eingesetzte Insolvenzverwalter. Er würde die „Zerschlagung dieses funktionalen Konstrukts“ seines Firmengeflechts anstreben. Dazu würden Gerichte „offensichtlich potentielle Interessenkonflikte“ bei dessen Einsetzung verkennen. In diesem Geraune stellt Gröner gleichzeitig fest, dass „Behörden und Gerichte unabhängig und unvoreingenommen“ seien.
Gegen die Insolvenzwelle fährt er mit seinen Anwält:innen die gesamte Klaviatur des juristischen Instrumentenkastens auf. Er beantragt, den Insolvenzverwalter wegen Voreingenommenheit zu entlassen, für eine der größten offenen Forderungen sei kein deutsches Gericht zuständig, sondern der High Court of Justice in London. Und die Forderungsgrundlagen seien nicht ausreichend gerichtlich testiert. Vor allem mit formalen Klagen versucht Gröner, die Insolvenzanträge gegen ihn zu ersticken. In einigen Fällen gelang es ihm, irgendwo Geld aufzutreiben, um Darlehen, offene Rechnungen oder Steuerschulden doch noch zu bezahlen.
Die Klagewelle Gröners erreichte auch mehrere Medien. Wegen vermeintlicher Falschbehauptungen ging er in den vergangenen Wochen gegen Medien des Axel-Springer-Verlags, RTL, den NDR und andere vor und erreichte auf diesem Weg teilweise Gegendarstellungen, in denen es darum ging, wer Gröners Privatinsolvenzen angemeldet hatte.
Auch in Karlsruhe streitet sich der Mann vor Gericht. Ende vergangenen Jahres waren dessen Firmen nach Angaben des Landgerichts an mindestens sieben Verfahren beteiligt. Zuletzt verurteilte das Landgericht Karlsruhe Gröner zur Zahlung der ausstehenden Miete für die Majolika-Manufaktur in Höhe von 71.364,97 Euro, hinzu kommen Zinsen und Gerichtskosten. Gröner war der Stadt die Miete mehrere Monate lang schuldig geblieben. Gegen das Urteil kann er noch Rechtsmittel einlegen. Auch mit dem Karlsruher SC streitet er sich. Dabei geht es aus Sicht des Vereins um ausstehende Zahlungen aus einem Sponsoring-Vertrag. Das Gerichtsverfahren wurde immer wieder vertagt, der Karlsruher SC wollte sich nicht zum laufenden Verfahren äußern. Gröners Unternehmen teilte auf Anfrage mit, man arbeite in allen Verfahren an einem Vergleich.
Währenddessen könnte die Insolvenzwelle auch strafrechtliche Konsequenzen haben. Im Dezember ließ die Staatsanwaltschaft Firmenräume in Berlin und Leipzig durchsuchen. Der Verdacht: Insolvenzverschleppung. Zum Stand der Ermittlungen äußert sich die Staatsanwaltschaft nicht.
Neue Ankündigungen
Doch während sich um ihn herum die Probleme türmen, gibt sich Gröner optimistisch. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern und unsere Unternehmensstruktur weiter zu stärken“, erklärt sein Anwaltsbüro auf Linkedin. Nach der Insolvenz der Gröner Group setzt er dabei auf eine neue aktiennotierte Unternehmung: die CG RE AG, deren Hauptaktionär er über eine luxemburgische Beteiligungsgesellschaft ist. Neben Berlin und Leipzig sind auch in Stuttgart, Köln und Karlsruhe neue Bauprojekte angekündigt. Auf dem C-Areal soll die CG RE drei Baufelder übernehmen.
Ob mit der neuen Gesellschaft die vielen Löcher im Grönerschen Firmengeflecht gestopft werden können, bleibt auch beim Blick in offizielle Dokumente fraglich. Drei Unternehmenstöchter der CG RE stehen auf der Insolvenzliste. Sogar für die Aktiengesellschaft bleibt Gröner aktuelle Geschäftszahlen schuldig. Für die einst zentrale Unternehmung CG Elementum ist der letzte veröffentlichte Jahresabschluss aus dem Jahr 2021, bei anderen Firmen seines Konzerns ist es kaum aktueller. Für die Recherche müssen daher amtliche Dokumente herhalten. Im Grundbuch wurde im vergangenen Jahr zugunsten einer schwedischen Bank eine Zwangssicherungshypothek über mehr als sechs Millionen Euro eingetragen – im Zuge der Zwangsvollstreckung. Das deutet in der Regel darauf hin, dass der Immobilieneigentümer offene Schulden nicht begleichen konnte. Gröner hat der Bank das Recht aufs Grundstück nicht freiwillig eingeräumt – die Bank hat es per Gericht durchgesetzt.
Strafzahlungen vorerst ausgesetzt
Die jahrelangen Verzögerungen beim Bau können Gröner zumindest in Karlsruhe teuer zu stehen kommen und das wacklige Finanzkonstrukt weiter erschüttern. Seit Dezember drohen Strafzahlungen an die Stadt. Durch den jahrelangen Stillstand auf dem Areal hielt der Investor die Frist für vereinbarte Bauverpflichtung auf dem C-Areal nicht ein. Nach Angaben der Stadtverwaltung ist von Gröner noch kein Bauantrag eingegangen. Zuletzt hatte er gegenüber der Stadt eine Einreichung bis Ende März angekündigt. Entsprechend der Verträge könnte die Stadt von Gröner seit Ende 2024 eine monatliche Strafe von über 20.000 Euro einziehen. Die Verwaltung verzichtet darauf jedoch und räumte Gröner eine weitere Fristverlängerung ein. Laut Stadt soll sich die Fertigstellung der Wohnungen dadurch nicht verzögern, die Frist zum Abschluss der Bauarbeiten bleibe unverändert. Sollte der Wohnungsbau weiter stocken, droht Gröner eine Vertragsstrafe von bis zu zehn Millionen Euro.
Die geplante Übertragung mehrerer Baufelder an eine andere Firma hat Gröner der Stadt noch nicht mitgeteilt. Dafür kündigte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage einen neuen Termin für einen ersten Bauantrag an. Bis spätestens Juni solle es soweit sein, am geplanten Baubeginn im 3. Quartal halte man trotz der Verzögerungen fest, weitere Flächen auf dem C-Areal sollen nicht abgegeben werden. Noch im Januar hatte die Unternehmenssprecherin gegenüber den „Badischen Neusten Nachrichten“ angegeben, für 70 Prozent der verbliebenen Flächen nach anderen Käufern zu suchen. Nun sagt sie das Gegenteil.
Von ihren Zielen beim Wohnungsbau hat sich die Stadt Karlsruhe derweil verabschiedet, teilt die Verwaltung auf Anfrage mit. Bis 2035 sollten eigentlich 10.300 neue Wohnungen in der Stadt gebaut werden. Dies sei im aktuellen Marktumfeld nicht mehr machbar, heißt es. Wie viele Wohnungen es denn nun werden sollen? Antwort: Dafür brauche es eine andere Strategie.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen