Kurzgeschichten von Serhij Zhadan: Den Siegern verzeiht man
Die Sprache durchdringend: Wie sich der Krieg in alle Bereiche des Lebens einschreibt, davon erzählt der ukrainische Autor Serhij Zhadan in zwölf Short Storys.
Der Krieg spielt nicht nur dort, wo die Bomben fallen, wo die Soldaten in Schützengräben verharren, wo das Rattern der Artilleriegeschosse zu hören ist. Er schreibt sich vielmehr in den Organismus einer ganzen Gesellschaft ein, ist subkutan immer da. Diesen Eindruck gewinnt man in zwölf neuen Short Storys von Serhij Zhadan, die nun auf Deutsch unter dem Titel „Keiner wird um etwas bitten“ erschienen sind.
Der wohl berühmteste ukrainische Gegenwartsautor erzählt darin von allzu alltäglich gewordenen Beerdigungen, von der Atmosphäre auf den verlassenen Straßen von Charkiw, von zerstörten Schulen und von Leichentransporten, von Beruhigungs- und Schlafmitteln, mit denen die Menschen ihr Leben meistern. Er erzählt von einem Land im Überlebensmodus.
Serhij Zhadan leistet gerade selbst Kriegsdienst bei den ukrainischen Streitkräften. An der Front kämpfen muss er nicht, er ist in seiner Brigade für Kommunikation zuständig und hat ein Frontradio mit aufgebaut (Radio Khartia).
Für den Schriftsteller, der für sein Werk vielfach ausgezeichnet wurde, haben sich die Prioritäten seit Beginn des russischen Angriffskriegs verschoben, auch sein Schreiben hat sich verändert. Die Geschichten sind mosaik- und momenthafter, oft stellt der 50-jährige Autor das Dasein im Krieg nüchtern, sachlich, in kurzen Dialogen dar.
Serhij Zhadan: „Keiner wird um etwas bitten. Neue Geschichten“. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 165 Seiten, 24 Euro
Leere Fußballplätze
Die taz ist bei der Leipziger Buchmesse vom 27. bis 30. März mit einem eigenen Stand vor Ort in Halle 5, Stand G500. Dort werden auch wieder in zahlreichen Talks taz-Autor:innen lesen und diskutieren. Die taz Talks werden auf dem youtube-Kanal der taz live gestreamt. Zur Buchmesse erscheint am 27. März auch wieder die literataz, eine taz mit 12 Extraseiten. Die vergangenen Ausgaben können Sie hier downloaden.
Unser Programm
🐾 Donnerstag 27.03.25
11:00 Uhr: „Post-“ – Nachruf auf eine Vorsilbe – Dieter Thomä
11:45 Uhr: Lauf, Mama, Lauf! – Mareike Barmeyer
12:30 Uhr: Als wäre es vorbei – Katja Petrowskaja
13:15 Uhr: Macht im Umbruch – Herfried Münkler
14:00 Uhr: Zuhause ist das Wetter unzuverlässig – Carolin Würfel
14:45 Uhr: Das Deutsche Demokratische Reich – Volker Weiß
15:30 Uhr: Ginsterburg – Arno Frank
16:15 Uhr: Klapper – Kurt Prödel
19:00 Uhr @Galerie KUB: Was wäre, wenn wir mutig sind – Luisa Neubauer
🐾 Freitag 28.03.25
11:00 Uhr: Trotteln – Robert Seethaler, Rattelschneck
11:45 Uhr: Fischtage – Charlotte Brandi
12:30 Uhr: Russische Spezialitäten – Dmitrij Kapitelman
13:15 Uhr: Schwebende Lasten – Annett Gröschner
14:00 Uhr: Oh! Dalmatien – Doris Akrap
14:45 Uhr: Reise in die Mediengesellschaft USA – Julia Belzig
15:30 Uhr: Meine Sonnenallee – Jan Feddersen
16:15 Uhr: Digitale Diagnosen – Laura Wiesböck
17:00 Uhr: Traumaland – Asal Dardan
🐾 Samstag, 29.03.2025
10:15 Uhr: Edition Le Monde diplomatique: Indien – Modi und die Farbe der Macht – Sven Hansen, Jakob Farah
11:00 Uhr: Pazifismus, ein Irrweg? – Pascal Beucker
11:45 Uhr: Kipppunkte – Georg Diez
12:30 Uhr: Zuhören – Bernhard Pörksen
13:15 Uhr: Die dunkle Seite der Sprache – Tim Henning, Nikola Kompa, Christian Nimtz
14:00 Uhr: Norwegen, wir kommen auf Umwegen! – Wahrheitsklub mit Harriet Wolff, Andreas Rüttenauer, Rattelschneck aka Marcus Weimer, LAMINATOR
14:45 Uhr: Die Spree – Uwe Rada
15:30 Uhr: Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza – Muriel Asseburg
16:15 Uhr: Autoritäre Rebellion – Andreas Speit
17:00 Uhr: Frau Zilius legt ihr erstes Ei an einem Donnerstag –Friederike Gräff
🐾 Sonntag, 30.03.2025
10:00 – 13:00 Uhr: Hilfe in Sachen ePaper und Abo – taz Seitenwende
14:00 Uhr: Wruuum! Crash! Boom! – Comicworkshop mit Michel Esselbrügge
Eine Parabel auf die gegenwärtige Situation der Ukraine ist am ehesten die Geschichte von Bohdan und seinem Sohn Tocha, die durch das kaputte und verwaiste Charkiw ziehen. Der Vater ist ein großer Fußballfan, der Sohn ein Fußballspieler, doch die Stadien und Plätze sind leergefegt, die meisten Mitspieler von Tocha haben das Land verlassen, an Kicken ist nicht zu denken. Sie schauen schließlich zu Hause die Aufzeichnung jenes Matchs der WM 1986 an, bei dem Maradona mit der Hand das Tor erzielte.
Als Bohdan dem Sohn erklärt, warum Maradona in diesem Moment so ein Großer war, scheint es für einen Augenblick, als würde er über den Krieg sprechen: „Weil er gewonnen hat. Er hat gewonnen, verstehst du? Den Siegern verzeiht man viel. Nicht alles natürlich, aber viel. Der Sieg entwaffnet. Denn man schaut auf den Sieger und versteht, wozu er bereit war. Wozu war er bereit? Zu allem. Auf den Platz gehen und diesen verdammten Sieg an sich reißen, wie ein Herz aus einer fremden Brust.“
Auch das, was nicht gesagt wird, tönt sehr laut in den Gesprächen seiner Protagonist:innen. In einer Geschichte besucht eine junge Frau einen ehemaligen Schulfreund, der im Krankenhaus ist und im Rollstuhl sitzt; er ist offenbar im Krieg verletzt worden. Beide unterhalten sich recht einsilbig miteinander: „,Hast du mich wenigstens erkannt?', fragte sie. – ‚Erst nicht.‘ – ‚Hab ich mich verändert?‘ – ‚Alle haben sich verändert. Wie du siehst.‘ – ‚Verstehe.‘“
In diesem Stil schleichen die beiden umeinander herum, sie flirten miteinander, bleiben zugleich auf Distanz. Der Krieg schreibt sich in die Kommunikation der beiden ein, er ist latent immer da, insofern steht diese Story Pars pro Toto für den gesamten Band.
Der Krieg durchdringt die Sprache
Zhadans Geschichten lassen Bilder im Kopf entstehen. Es ist, als sähe man vor sich, wie der alte einsame Lehrer Pal Iwanytsch an seiner zerstörten Schule Wache schiebt, als blicke man in das Hotelzimmer, in dem ein Soldat ein Rendezvous mit einer Soldatin hat und bei dem beide nichts wollen, als einfach nur zu ruhen und zu schlafen, als sei man in der Kirche, in der die Trauerfeier für den Kommandeur stattfindet und die Blicke der Soldaten auf die Blicke der Witwe treffen und die Rede des Priesters an allen vorbeigeht. In der letzten Geschichte kehrt Zhadan zu den Protagonist:innen seiner ersten Geschichte zurück, ein Kreis schließt sich.
Wie sehr der Krieg auch die Sprache Zhadans durchdringt, zeigt sich am deutlichsten in den poetischen Beschreibungen, die er einfließen lässt. Er reflektiert den Beginn des russischen Angriffskrieges, „diese ersten Tage vor einem Jahr, die Panik, die in die Lungen floss und einen nicht atmen ließ, die Schwärze, durch die hindurch man nichts erkennen konnte“, er beschreibt eine Aufteilung in ein Davor und ein Danach:
„Es war noch nicht lange her, da war das Leben zerbrochen, war die Zeit zerbrochen, hatte sich das Gefühl des Atmens verändert, sein Rhythmus und seine Regelmäßigkeit.“ Den Krieg fängt Zhadan in Begegnungen und Unterhaltungen ein. Die Front ist weit weg und doch irgendwie da in seinen Storys. Gerade deshalb meint man, hier so viel davon zu verstehen, was es bedeutet, im Kriegszustand zu sein.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!