Schwarze Frauen in Nigeria und den USA: Der Nicht-Heirats-Plot
In „Dream Count“ erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von vier unterschiedlichen Frauenleben. Was repräsentieren diese Figuren?
Der „Marriage Plot“ ist ein in der englischsprachigen Literatur sehr gut eingeführter Begriff. Die realistischen Romane etwa Jane Austens wären ohne ihn undenkbar. Es ging darum, über die Verheiratungsrituale der Zeit, ihre Klippen, oft genug auch ihre Tragik, das Frauenleben im 19. Jahrhundert zu beschreiben. Das Drama ergab sich daraus, dass die Liebe und die gesellschaftlichen Konventionen unterschiedlichen Regeln folgten.
Nachdem Chimamanda Ngozi Adichie vor einem Dutzend Jahren mit ihrem Welterfolg „Americanah“ die Tür zur Möglichkeit eines post-postkolonialen Erzählens ein Stück weit aufgestoßen hat, hat sie sich für ihren aktuellen Roman „Dream Count“ offenbar die Frage gestellt, wie weit sie erzählerisch mit dem Gegenteil eines Marriage Plots kommt, einem Nicht-Heirats-Plot.
Die taz ist bei der Leipziger Buchmesse vom 27. bis 30. März mit einem eigenen Stand vor Ort in Halle 5, Stand G500. Dort werden auch wieder in zahlreichen Talks taz-Autor:innen lesen und diskutieren. Die taz Talks werden auf dem youtube-Kanal der taz live gestreamt. Zur Buchmesse erscheint am 27. März auch wieder die literataz, eine taz mit 12 Extraseiten. Die vergangenen Ausgaben können Sie hier downloaden.
Unser Programm
🐾 Donnerstag 27.03.25
11:00 Uhr: „Post-“ – Nachruf auf eine Vorsilbe – Dieter Thomä
11:45 Uhr: Lauf, Mama, Lauf! – Mareike Barmeyer
12:30 Uhr: Als wäre es vorbei – Katja Petrowskaja
13:15 Uhr: Macht im Umbruch – Herfried Münkler
14:00 Uhr: Zuhause ist das Wetter unzuverlässig – Carolin Würfel
14:45 Uhr: Das Deutsche Demokratische Reich – Volker Weiß
15:30 Uhr: Ginsterburg – Arno Frank
16:15 Uhr: Klapper – Kurt Prödel
19:00 Uhr @Galerie KUB: Was wäre, wenn wir mutig sind – Luisa Neubauer
🐾 Freitag 28.03.25
11:00 Uhr: Trotteln – Robert Seethaler, Rattelschneck
11:45 Uhr: Fischtage – Charlotte Brandi
12:30 Uhr: Russische Spezialitäten – Dmitrij Kapitelman
13:15 Uhr: Schwebende Lasten – Annett Gröschner
14:00 Uhr: Oh! Dalmatien – Doris Akrap
14:45 Uhr: Reise in die Mediengesellschaft USA – Julia Belzig
15:30 Uhr: Meine Sonnenallee – Jan Feddersen
16:15 Uhr: Digitale Diagnosen – Laura Wiesböck
17:00 Uhr: Traumaland – Asal Dardan
🐾 Samstag, 29.03.2025
10:15 Uhr: Edition Le Monde diplomatique: Indien – Modi und die Farbe der Macht – Sven Hansen, Jakob Farah
11:00 Uhr: Pazifismus, ein Irrweg? – Pascal Beucker
11:45 Uhr: Kipppunkte – Georg Diez
12:30 Uhr: Zuhören – Bernhard Pörksen
13:15 Uhr: Die dunkle Seite der Sprache – Tim Henning, Nikola Kompa, Christian Nimtz
14:00 Uhr: Norwegen, wir kommen auf Umwegen! – Wahrheitsklub mit Harriet Wolff, Andreas Rüttenauer, Rattelschneck aka Marcus Weimer, LAMINATOR
14:45 Uhr: Die Spree – Uwe Rada
15:30 Uhr: Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza – Muriel Asseburg
16:15 Uhr: Autoritäre Rebellion – Andreas Speit
17:00 Uhr: Frau Zilius legt ihr erstes Ei an einem Donnerstag –Friederike Gräff
🐾 Sonntag, 30.03.2025
10:00 – 13:00 Uhr: Hilfe in Sachen ePaper und Abo – taz Seitenwende
14:00 Uhr: Wruuum! Crash! Boom! – Comicworkshop mit Michel Esselbrügge
Das ist zunächst ziemlich weit. So kann Adichie ganz nebenbei ein Panoptikum von Männerfiguren entwerfen, mit denen es nicht klappt. Sie sind entweder zu selbstbezogen oder zu unentschlossen oder vergessen, interessanterweise beim einzigen Mal, als es um eine „Mixed raced“-Verbindung geht, beim Daten zu erwähnen, dass sie bereits verheiratet sind.
Karriereplanung, Selbstverwirklichung und Missverständnisse
Vor allem aber kann Adichie am Heiratsthema ihre vier sehr unterschiedlichen weiblichen Hauptfiguren auffächern. Zwei von ihnen, Chiamaka und Zikora, stecken in den für moderne Frauen ihrer Generation üblichen Mühlen aus Karriereplanung, Selbstverwirklichung, elterlichen Aufträgen und alltäglichen Missverständnissen fest, und zwar so lange, bis die Menopause zuschlägt.
Chimamanda Ngozi Adichie: „Dream Count“. Aus dem Englischen von Asal Dardan und Jan Schönherr. Fischer, Frankfurt a. M. 2025. 528 Seiten, 28 Euro
Sie müssen erkennen, dass Intelligenz, Selbstbewusstsein und gute Ausbildung nicht automatisch zum Familienglück führen. Chiamaka lernt den Schmerz kennen, „einen lieben Menschen lieben zu wollen, den man nicht liebt“. Zikora wird von ihrem Partner sitzen gelassen, nachdem sie schwanger wird. Und muss dann darüber nachgrübeln, ob ihm womöglich gar nicht klar gewesen ist, was es bedeutet, als sie ihm sagte, sie setze jetzt die Pille ab, okay?
Omelogor dagegen, die nach Nigeria zurückkehrt, durch Geldwäsche reich wird und ein mondänes Oberschichtleben führt, will gar nicht heiraten. Bei Kadiatou, der vierten Hauptfigur, liegt die Sachlage noch einmal anders. Sie kommt aus der Armut, kann auch nicht mal eben zwischen den USA und Westafrika hin und her jetten. In ihrer Heimat war sie traditionell verheiratet worden, doch ihr Ehemann ist dann gestorben. Ihr Verlobter in den USA landet wegen Drogenhandels im Gefängnis.
Der Fall Dominique Strauss-Kahn
Und sie wird, was dem Roman ein Gutteil seiner existenziellen Schwere gibt, vergewaltigt. Chimamanda Ngozi Adichie hat sich, wie sie im Nachwort erläutert, vom Fall Dominique Strauss-Kahn inspirieren lassen, des Direktors des Internationalen Währungsfonds, der 2011 durch die Weltpresse ging – ein Vorläuferfall der Me-too-Bewegung. Vier Frauenleben, jedes verläuft anders.
Kurze Dialoge und Szenenbeschreibungen, Vorgriffe, innere Monologe, in denen das Innenleben der Figuren deutlich zu Tage tritt, gelegentliche Wechsel der Erzählperspektive – der Roman ist in einem international Style geschrieben, der weltweit als Realismus verstanden wird. Das ist dem Buch in manchen Besprechungen auch schon vorgeworfen worden, doch dieser Vorwurf trifft nicht den Kern.
Man macht sich den Roman interessanter, wenn man wahrnimmt, dass es Schwarze Frauen sind, die teilweise durch die „Sex and the city“-Kontroversen gehen müssen (und kein Mister Big weit und breit in Sicht ist), die in der Serie weißen Upperclass-Frauen vorbehalten sind. Dieses Moment von Aneignung liest man mit. Das ist kein literarisches Kriterium? Doch, das ist es. Es gehört zu dem Kontext und dem Literaturbegriff, den der Text setzt.
Spezifische Geschichten einzelner Frauenfiguren
Dies ist ein Roman, der in den USA und in Europa und zum Beispiel auch in Nigeria gelesen werden will. Und es ist schlicht interessant, dass er dazu aus den üblichen Narrativen um Migration und den globalen Süden ausbricht und spezifische Geschichten einzelner Frauenfiguren anbietet.
Das sind alles andere als Heldinnengeschichten. Ganz großartig ist etwa die Episode, in der Zikora ihr Kind bekommt, in den USA, dann eben ohne Beteiligung des Kindesvaters, dafür reist ihre Mutter aus Nigeria zur Unterstützung an. Was zum Ergebnis hat, dass Zikora inmitten des Geburtsstresses sich auch noch mit traditionellen nigerianischen Vorstellungen von Mutterschaft und Kinderkriegen auseinandersetzen muss.
Die Solidarität unter Frauen, auf die die Handlung zielen wird, ist eben nichts, was einfach vorausgesetzt werden kann; sie muss in diesem Roman erkämpft werden, und zwar teilweise gegen überkommene familiäre Muster von Weiblichkeit.
Und mittendrin gibt es eine lange erzählerische Strecke über das Heranwachsen von Kadiatou in Guinea, bevor sie in den USA als Zimmermädchen arbeitet. Eingebunden in dörfliche, lebensweltlich reaktionäre Strukturen, träumt sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Binta von anderen Welten, in denen Mädchen in die Schule gehen: „Bintas Träume funkelten.“
Rituelle Beschneidung, Kadiatou und Binta
Wie Adichie hier ohne Eifer und ohne Zorn ein Frauenleben erzählt, in dem Emanzipation noch ein ferner Traum ist, hat Größe. Man spürt beim Lesen ihren Willen, all ihre Bekanntheit und ihren Status als Literaturstar (Treffen mit Angela Merkel, in Minuten ausverkaufte Romanpremiere in Berlin etc.) für diese eine Frauenfigur einzusetzen – bis hin zur Beschreibung der rituellen Beschneidung, der Kadiatou und Binta unterworfen werden, von ihrer eigenen Mutter.
Es stimmt schon, die Männer kommen in diesem Roman nicht gut weg, eine Hochzeit bietet eben keinen Ausweg, aber mindestens ebenso krass sind die Generationskonflikte unter Frauen.
Das führt zu Verschiebungen. Im 20. Jahrhundert waren es die spezifischen Geschichten von Emanzipationsdramen in US-Vororten und Identitätsdramen jüdischer Intellektueller – John Updike und Philip Roth –, die erzählerisch um die Welt gingen (als sich der Westen noch mit der Welt in eins setzen konnte).
Selbstfindungsdramen Schwarzer Frauen
Bei Adichie sind es die Selbstfindungsdramen und Solidarisierungsversuche Schwarzer Frauen zwischen Nigeria und den USA. Was repräsentieren sie? Vielleicht schlicht die Einsicht, dass es in diesem Erzählen nicht um universale, abstrakte Geschichten geht, sondern um konkrete Personen mit ihren jeweiligen spezifischen Hintergründen und identitären Mischungsverhältnissen.
Es ist sehr schade, dass man diesen Roman – in der gegenwärtigen politischen Situation scheint die Zeit für Öffnungen vorbei – nicht als Beginn von etwas lesen kann, sondern womöglich sogar als Schlusspunkt einer abgewürgten Entwicklung hin zu den konkreten Geschichten, die Menschen in dieser komplexen Welt erleben, lesen muss.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!