Schaubühne: So fühlt sich Armut an
Obdachlose werden oft übersehen. Oder man geht ihnen aus dem Weg. Conny von der Stuttgarter Straßenzeitung Trott-war und das Citizen Kane Kollektiv laden zur performativen Stadtführung.
Von Dietrich Heißenbüttel
Es ist kalt und es regnet. Eigentlich nicht die besten Voraussetzungen für einen mehr als zweistündigen Stadtrundgang. Doch in diesem Fall passt es. Wer eine Vorstellung bekommen will, was es heißt, kein Dach über dem Kopf zu haben, muss sich damit auseinandersetzen, wie es sich anfühlt, nachts im kalten Regen auf der Straße zu sein.
„AR-Mut“ lautet der Titel des performativen Stadtrundgangs, den die Theatergruppe Citizen Kane Kollektiv zusammen mit der Straßenzeitung „Trott-war“ anbietet. AR steht für Augmented Reality, erweiterte Realität. Hier lässt sich der Begriff aber auch umgekehrt lesen: Der Stadtrundgang bietet erweiterte Erkenntnisse und Sinneseindrücke zu Armut und Obdachlosigkeit, die normalerweise aus der Wahrnehmung ausgeblendet bleiben.
Hauptperson ist Conny von „Trott-war“, die auch sonst alternative Stadtführungen zum Leben auf der Straße anbietet.
„Stellt euch vor, euer Freund hat euch aus der Wohnung geworfen“, beginnt Conny. „Alles, was ihr noch habt, befindet sich auf einem Wägelchen. Was macht ihr?“ Jeder Mensch braucht zu essen, zu trinken und einen Platz, wo er oder sie sich zum Schlafen hinlegen kann. „Wie kommt ihr dazu?“ Ein Tag ohne Flüssigkeit, ein Monat ohne Nahrung kann das Ende bedeuten. Wie gelangt man an einen Schluck Wasser? Immerhin gibt es neuerdings wieder viele Trinkwasserbrunnen in Stuttgart. Wie der Paulinenbrunnen bei der gleichnamigen Brücke, wo die Stadtführung beginnt. Nur: Er ist abgestellt.
Was also tun? Flaschen sammeln, schlägt einer vor. Das tun auch viele sportliche, gesunde Männer, wendet Conny ein. Und was, wenn man mit der Hand in die Mülltonne greift und sie dann nicht waschen kann? Toiletten, etwa im Einkaufszentrum Gerber, verlangen fast immer Gebühr. Betteln? Conny testet die Reaktion eines Passanten. Er drängt sich an ihr vorbei. Aktives Betteln gilt als Ordnungswidrigkeit und kann mit einer Geldbuße von 20 Euro geahndet werden.
Die Gruppe sucht also eine Stelle, wo man sich mit einem Hut hinsetzen kann. Bevor sich der Zug mit dem Wägelchen und einem Hund in Bewegung setzt, halten Simon und Maximilian vom Citizen Kane Kollektiv QR-Codes auf Papptafeln hoch. Wer sie einscannt, kann solange auf Kopfhörer den Bericht von Ina, Simon und Marvin vom Paule-Club anhören: Drogensubstituierte, die in der Coronazeit unter der Paulinenbrücke die Essensversorgung für alle, denen es ähnlich geht, in ihre eigenen Hände genommen haben.
Das gehört nun zur Augmented Reality.
Im September und Oktober hat das Citizen Kane Kollektiv an verschiedenen Orten – von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen KISS bis zur Akademie für gesprochenes Wort – insgesamt zwölf Workshops veranstaltet, in denen die Beiträge erarbeitet wurden: Ton- und Videoarbeiten, Zeichnungen, Gedichte, Informationen, Statistiken und Reflexionen zum Thema Armut und Obdachlosigkeit.
Inzwischen ist der Tross am oberen Ende der Königstraße angekommen. Wie viele arme Menschen gibt es in Deutschland? Über 17 Millionen. Ungefähr jede:r fünfte ist arm. Wenn sich alle armen Menschen in der Königsstraße versammeln würden, müssten 369 Menschen auf jedem Quadratmeter stehen. Wie viele Menschen passen auf einen Quadratmeter? Ein Experiment mit einem Pappdeckel ergibt: Bis zu zehn können darauf stehen, aber nur wenn sie sich gegenseitig festhalten, sonst fallen sie auseinander. Die Veranstaltungsbranche weiß: Schon bei fünf Personen pro Quadratmeter kann Panik ausbrechen.
Schlafen im Hauseingang oder unterm Vordach
Berittene Polizei taucht auf. Besser aus dem Weg gehen, sonst könnten sie einen Platzverweis aussprechen. Es fängt wieder an zu regnen. Wohin, wenn man kein Dach über dem Kopf hat? In die U-Bahn. Das geht so lange gut, bis der Verkehrsbetrieb, der das Hausrecht hat, einen der Unterführung verweist. Bei Zuwiderhandlungen droht Strafe. Wohin dann?
Ein dunkler Hauseingang: Aber nur solange der Hausbesitzer nicht einschreitet, wendet Conny ein. Da, das Vordach eines Ladens, der umgebaut wird. Aber da sitzt schon jemand. „Frag mal, ob du dich ein Stück weiter dazu setzen kannst“, spricht Conny eine Teilnehmerin an. Die hat Hemmungen. Sie will sich auch nicht hinsetzen. Dabei säße sie doch im Trockenen, während der Rest der Mannschaft im Regen steht. Eine andere erklärt sich bereit.
Wozu braucht ein:e Wohnungslose:r eigentlich einen Hund, zumal Tiere nicht in Obdachlosenunterkünfte dürfen? Ein Hund gibt Wärme, Zuneigung, aber auch Sicherheit vor Angriffen. Conny erzählt von einem Obdachlosen, der zusammengeschlagen wurde und trotz Kieferbruch nach einem Tag wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde.
Wenn jemand um Geld bittet, um sich etwas zu essen zu kaufen, will ein Teilnehmer wissen, fördere man damit nicht den Alkoholismus? „Sprich die Menschen an“, erwidert Conny, „frag sie, was sie brauchen.“ Wenn einer friert und nicht genug zu essen hat, ist es ganz normal, dass er sich mit einem Schluck Schnaps oder Wein das Leben erleichtert. „Und wenn du nichts hast, rede wenigstens mit ihnen. Oder schenk ihnen ein Lächeln!“
Da stimmt doch was nicht mit der Verteilung
Ein Juwelierladen verkauft Armbanduhren bis zu 108.000 Euro. Wie viele Menschen finden, dass der Reichtum in Deutschland gerecht verteilt ist? Nicht mehr als 13 Prozent, erfährt man aus den digitalen Informationen der Führung.
Als sich die Gruppe dem Schlossplatz nähert, wird es zunehmend schwieriger zusammenzubleiben: eingekeilt zwischen Menschen, die offenbar genug Geld haben, um auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein zu trinken und einzukaufen. Würden sie auch eine Straßenzeitung kaufen? Zwei Teilnehmer probieren es aus. Es dauert lange, bis einer von ihnen ein Exemplar losgeworden ist.
Wo sind denn aber nun die Armen und Obdachlosen? Es hat fast den Anschein, als ob es sie in der Königstraße gar nicht gäbe. Conny zeigt auf einen dunklen Hauseingang gegenüber. Sie hat schon einige entdeckt. Auch wenn sie kaum auffallen.
Vor der LBBW steht ein Geldautomat. Er besteht nur aus Pappe. Und er spuckt laufend Fünf-Euro-Banknoten aus. Bis er – beziehungsweise derjenige, der die Scheine durchschiebt – keine mehr hat. Was ihn noch von anderen Bankautomaten unterscheidet, ist, dass er zwei Schlitze hat. Über einem steht „Geben“, über dem anderen „Nehmen“. Das ist es, was die Welt braucht: ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen.
Einen weiteren Stadtspaziergang gibt es am 19. Dezember ab 17 Uhr, gefolgt von einem Abend zum Thema Armut im Theater Rampe am 20. Dezember um 19 Uhr.
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