Fahrradindustrie hat noch einiges auf Lager

Der Zweiradhandel boomte während der Coronapandemie. Danach ging es bergab. Die Branche geht verhalten in die Saison 2024 – und wünscht sich Rückenwind aus der Politik

Neue Radwege, wie hier in Berlin, sorgen für mehr Absatz bei Fahrrädern Foto: Paul Langrock

Von Nanja Boenisch

Der Frühling naht, die neue Radsaison steht bevor. Die Fahrradindustrie hofft deshalb auf Schwung für 2024, rechnet jedoch weiterhin mit schwierigen Zeiten. Zuletzt hätten Umsatzverluste, Pleiten oder Massenentlassungen bei Herstellern Schlagzeilen gemacht, sagten Ver­tre­te­r:in­nen der Branche am Mittwoch vor Journalist:innen. „Es kann durchaus passieren, dass wir noch die eine oder andere Insolvenz sehen werden in diesem Jahr“, sagte Anke Schäffner vom Zweirad-Industrieverband ZIV. „Ich würde aber nicht von einer Insolvenzwelle sprechen.“

Noch seien die Lager prall gefüllt, die Nachfrage nach neuen Rädern sei im vergangenen Jahr deutlich hinter den Lagerbeständen geblieben, sagte Schäffner. 2024 will die Industrie so viele Fahrräder verkaufen, dass die Lager wieder ein normales Niveau erreichen. „Rabatte sind da nicht immer der richtige Weg“, warnte Uwe Wöll, Geschäftsführer des Verbunds Service und Fahrrad (VSF). Allzu stark reduzierte Preise drohten Händler und Hersteller in finanzielle Nöte zu bringen – das habe die Zeit nach dem Coronaboom der Fahrradbranche gezeigt.

„Wenn das Wetter gut ist, zieht der Markt an“, sagte Wöll weiter. Im letzten Jahr sei der Frühling verregnet gewesen. Für dieses Jahr hofft Wöll auf besseres Wetter, auch wenn die Händler laut dem VSF-Leiter ihre Räder mit gutem Marketing selbst bei Nässe und Kälte verkaufen könnten. Darüber hinaus gebe es Alternativen zum Kauf: Wöll blickt zum Beispiel optimistisch auf Leasingmodelle, vor allem für E-Bikes, deren Kaufpreis oft die Budgets von Rad­fah­re­r:in­nen sprengt.

Wenn es der Radindustrie langfristig gutgehen soll, brauche es außerdem bessere politische Rahmenbedingungen. Gerade erst habe die Bundesregierung bei den Geldern für den Radwegeausbau massiv gekürzt, kritisierte Verbandsvertreterin Schäffner. „Dass es keine Kürzungen bei der Straße gab, ist umso schockierender“, sagte sie. Kommunen seien auf die Mittel aus dem Bundeshaushalt und finanzielle Sicherheit angewiesen, um vor Ort neue Radwege angehen zu können. Die Reform des Straßenverkehrsgesetzes, die im Herbst im Bundesrat scheiterte, hätte den Kommunen ebenfalls mehr Möglichkeiten für die lokale Verkehrswende gegeben. Die Radbranche hoffe seitdem darauf, dass Bund und Länder der Reform in einem Vermittlungsverfahren eine neue Chance geben, so Schäffner.

„Wenn das Wetter gut ist, zieht der Markt an“

Uwe Wöll, Verbund Service und Fahrrad

Und: Obwohl Deutschland der größte Fahrrad- und E-Bike-Markt in Europa ist, spiele die Branche in der deutschen Industriepolitik kaum eine Rolle. Die EU-Kommission hat kürzlich eine Strategie zur Transformation der Mobilitätswirtschaft in Europa veröffentlicht, den sogenannten Mobility Transition Pathway (MTP). „Darin wird die Radindustrie als eines von vier Standbeinen der Mobilität anerkannt, neben der Automobil-, der Schifffahrts- und der Bahnbranche“, sagte Schäffner. In der deutschen Strategie für die Mobilitätsindustrie, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) 2023 präsentierte, werde die Zweiradbranche nicht erwähnt.

„Wir haben keinen Rückenwind von der Bundesregierung. Aber wir bekommen Unterstützung in den Städten, die ihre Radinfrastruktur verbessern wollen“, wandte Uwe Wöll ein. Und auch Schäffner vom ZIV ergänzte: Der gesellschaftliche Druck sei so groß, die Klima­krise so dringlich, saubere Luft und Bewegung so wichtig für die Gesundheit der Menschen – „da kommt man am Fahrrad gar nicht vorbei“.