Gesellschaft: The Number of the Beast
Kontext Nummer 666! In der Zahlenmystik steht die 666 für den Teufel, und sowohl die Zahl als auch okkulte und endzeitliche Themen allgemein erfreuen sich in der Metal-Kultur großer Beliebtheit. Warum? Ein klärendes Gespräch mit dem Metal-Experten, -Musiker und Kunsthistoriker Jörg Scheller.
Von Oliver Stenzel (Interview)
Hol mich der Teufel: Zwar hat es die „Mano Cornuta“, die auch als „Teufelsgruß“ bekannte Geste mit abgespreiztem Zeige- und kleinem Finger, als Metal-Gruß schon in den Mainstream geschafft, doch es soll immer noch Menschen geben, die Heavy-Metal-Musikern:innen und -Fans eine gewisse Nähe zum Satanismus unterstellen. Schließlich wird der Leibhaftige und die für ihn stehende Zahl 666 immer wieder in Song-Texten beschworen, dazu Pentagramme und umgedrehte Kreuze aufgetragen. Für eine kulturhistorische Einordnung der Richtige ist Jörg Scheller, 1979 in Stuttgart geboren und in Korntal aufgewachsen, denn er ist nicht nur Kunstgeschichte-Professor an der Zürcher Hochschule der Künste, sondern auch seit früher Jugend Metal-Musiker und -Fan. Weil sich Interviewer und Interviewter schon lange kennen, wird geduzt.
Jörg, wenn du „666“ hörst – an was denkst du da als Metal-Fan als erstes?
Natürlich an das erste Metal-Album aller Zeiten – Johannes‘ „Offenbarung“! Für die Jüngeren unter uns, die das nicht mehr kennen: Das war ein obskures Ein-Mann-White-Metal-Projekt, eingespielt nach ein paar Tässchen Stechapfeltee in einem Heimstudio auf der Insel Patmos, irgendwann um das Jahr 70 n. Chr. herum. Und obwohl Johannes damals nur begrenzte Mittel zur Verfügung hatte und die Technik noch nicht so ausgereift war wie heute, hat das Album alles, was ein echtes Heavy-Metal-Album braucht: einerseits Drama, Fantasy, Horror, irre Monster und psychedelische Effekte, andererseits strenge Ordnung, die sich unter anderem in einem leicht zwanghaft anmutenden Hang zum Zählen ausdrückt. Es sind nicht einfach nur Monster, es sind immer genau soundsoviel Monster, es sind nicht einfach nur Qualen, es sind immer genau soundsoviel Qualen, und der Antichrist hat natürlich eine Hausnummer – sechshundertsechsundsechzig. Genau dieses Paradox zeichnet Heavy Metal aus: das virtuose Zusammenspiel von Ekstase und Ordnung. Im Metal wird nicht einfach nur herumhalluziniert, die Halluzination muss ordentlich arrangiert und geprobt und durchgetaktet werden.
Oha, da gelangen wir gleich in die Tiefen des christlich-abendländischen Gekröses! Ich hätte ja ganz banal erwartet, als Antwort kommt „The Number of the Beast“, einer der bekanntesten Songs der britischen Metal-Band Iron Maiden, mit der hübschen Textzeile „Six Six Six, the Number of the Beast“. Also „Sechs Sechs Sechs, die Zahl des Tiers“ – oder des „Teufels“, der hat ja bekanntlich viele Namen. Textlich gibt‘s im Heavy Metal einen gewissen Hang zu okkulten, apokalyptischen Themen, das war schon bei den Genre-Urvätern Black Sabbath in den späten 1960ern so. Woher kommt diese Faszination fürs Endzeitliche?
Ohne ein wenig endzeitlichen Schauer ist die Jetztzeit zäh und träge. Erst die Apokalypse sorgt dafür, dass wir aktiv werden und unsere Sachen gebacken kriegen. Das weiß ich als Sohn des Heiligen Korntals: Die Gründer der württembergischen Pietisten-Enklave glaubten, dass es im Jahre 1836 mit der Apokalypse losgehen würde – also gingen sie umso emsiger ihrer weltlichen Arbeit nach und brachten die chronisch klammen Gemeindefinanzen in Ordnung. Man kann dem Messias ja nicht verschuldet gegenübertreten! Und siehe, 1836 stand die Gemeinde gut da. Der Messias kam dann zwar nicht, aber immerhin kam …
… zumindest eineinhalb Jahrhunderte später und auf deinem Plattenteller in Korntal …
… der Heavy Metal. Er bewahrt in der Popkultur die Erinnerung an das Mystische und Apokalyptische, ohne das die Rationalität an sich selbst erstickt.
Steile These: Metal als Quasi-Religions-Substitut?
Ich glaube wirklich, dass Heavy Metal da eine Leerstelle füllt, die die Religion hinterlassen hat. In den kapitalistischen Komfortdemokratien, in denen er ja entstanden ist, sorgt er als dröhnendes „Memento“ dafür, dass wir nicht gänzlich im posthistorischen Schlummer versinken. Ein paar Jahrtausende organisierter Religion verpuffen ja nicht einfach. Metal-Musiker hätten sich dafür entscheiden können, die ganze religiöse Symbolik einfach aufzugeben. Haben sie aber nicht. Metal hält Religion selbst noch in der Kritik am Leben – die Kreuze werden zwar umgedreht, aber es sind immer noch Kreuze. Eigentlich müsste die Religion dem Metal ja dankbar sein, er hat sie gewissermaßen durchs 20. Jahrhundert gerettet. Die Kirchen wurden immer leerer, die Metal-Konzerte immer voller. Und was sah, was hörte man da? Genau – Judas Priest. Exodus. Black Sabbath. Lamb of God. Avenged Sevenfold. Eine einzige Bibelstunde!
Halleluja. Gehen wir noch mal in die Historie: Die Genre-Ursuppe brodelte in der zweiten Hälfte der 1960er. Sehr laut, hart und brachial waren da auf einmal viele Rockbands, die dann allerdings sehr unterschiedliche Wege gingen und unterschiedlichen Genres den Weg ebneten. Um es zuzuspitzen: Während einige Bands mit (selbst-)zerstörerischem Gestus und/oder politischer Protesthaltung zu den Vorläufern des Punk wurden, grundierten andere mit weiterhin klassischen Rock‘n‘Roll-Themen wie Sex und Liebestrubel einen eher hedonistisch geprägten Hardrock, und ausgerechnet die Birminghamer Stahlarbeiter-Kids von Black Sabbath waren auf einmal fasziniert von Schwarzen Messen, dem Satan oder dergleichen okkulten Gedöns. Und ließen das auch musikalisch düsterer klingen. Wie kam‘s, dass sich daraus ein eigenes Genre, eine Szene entwickelte?
Dafür gab es natürlich auch ganz profane Gründe. Zum einen muss die Popkultur, zu der Metal entgegen der Beteuerungen vieler Fans gehört, nun mal alle paar Jahre einen neuen Trend durchs Dorf jagen. Metal radikalisierte bestehende Pop-Trends, bot intensive körperliche Resonanzerfahrungen und war ideologisch weitestgehend unspezifisch, also trotz ästhetischer Radikalität an breite Schichten vermittelbar. Zum anderen fand im Metal die Ära des Kalten Krieges eine angemessene ästhetische Form, vor allem die Angst vor der nuklearen Katastrophe, etwa in Iron Maidens „2 Minutes to Midnight“. Ein Grauen, das die Vorstellungskraft übersteigt, verlangt nach umso stärkeren Metaphern und Narrativen, so ist das ja auch in der Apokalyptik.
Du hast in einem früheren Gespräch einmal gesagt, dass Metal-Fans oft eher bürgerlich und konservativ seien; während es beim etwa zeitgleich entstandenen Punk sehr darum gegangen sei, raus auf die Straße zu gehen, agitatorisch und politisch, gegen das Establishment zu sein, sei Metal nie mit einer aktivistischen Bewegung verbunden und eher eskapistisch gewesen. Spiegelt sich das auch in der sozialen Struktur der Szene wider?
Ich bezog mich auf den klassischen, ideologisch unspezifischen Heavy Metal der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre, später vermischte er sich ja stark mit Punk und Hardcore und damit auch mit Aktivismus. Der Metalforscher Marco Swiniartzki sieht in Teilen des frühen Metal eine Musikszene „städtischer Randlagen“. Diese suburbane Szene bezieht sich zwar auf urbane Zentren, entsteht aber meist nicht in diesen – man träumt davon, im zentral gelegenen Londoner Hammersmith Odeon aufzutreten, gerade weil man nicht dort lebt. Das Urbane ist Attraktor. Soziologisch betrachtet, ist der frühe Metal mehr Mittelschicht, als die geläufige Rede von der einstigen „Arbeitermusik“ insinuiert. Und wer in rational organisierten westlichen Demokratien weitestgehend in Sicherheit lebt, findet seine Auszeit vielleicht im Mystischen und Fantastischen. Swiniartzki erwähnt in seinem Buch „Heavy Metal und gesellschaftlicher Wandel“ von 2023 übrigens auch, dass so manche der frühen Metalbands in, Überraschung, von Kirchen zur Verfügung gestellten Räumen probten.
Von außerhalb der Szene stehenden und popkulturell weniger bewanderten Menschen wird Metal, was die Inhalte angeht, allerdings oft gleichgesetzt mit dem Hang zum Satanismus, der auch mal gewaltsam ausgelebt wird. Was innerhalb des Subgenres Black Metal ja tatsächlich gelegentlich der Fall war – die norwegische Szene sorgte in den 1990ern mit angezündeten Kirchen, einigen Morden und Selbstmorden für mediale Aufmerksamkeit. Und im Falle des Sub-Subgenres „National Socialist Black Metal“ (NSBM) kann das Ganze dann auch noch rechtsextremistische Züge tragen. Wie beurteilst du diese Szenen im Kontext des Metal-Universums?
Der Theologe Sebastian Berndt hat in seiner Dissertation über Metal treffend festgehalten, dass sich im klassischen Metal „überhaupt keine klar als satanistisch zu bezeichnenden Elemente“ aufweisen lassen: „Weder im populären noch im theologischen Sinn ist von Satanismus zu sprechen.“ Ideologisch überzeugte, praktizierende Satanisten sind im Metal eine medial aufgebauschte Rarität, die nur zu gerne von strenggläubigen Verbreitern der „Satanic Panic“ aufgegriffen wird. Die aktivistischen Eskapaden mit Kirchenbrandstiftungen in den 1990er Jahren bilden bislang eine Ausnahme in der Metal-Geschichte.
Und NSBM?
Was NS betrifft, so bin ich mir nicht sicher, ob wir es hier mit einem Metal-spezifischen oder nicht doch eher mit einem allgemeinen Pop-Phänomen zu tun haben. Denn Rechtsextremismus finden wir auch im Folk (z.B. Frank Rennicke) oder im Hip-Hop (z.B. MaKss Damage). Hier bräuchte es mehr empirische Forschung, die harte, belastbare Zahlen liefert. Im Metal wird diese dadurch erschwert, dass sich das Genre durch Ambivalenzen und Grauzonen auszeichnet. Viele Bands belassen ihre Haltung bewusst in der Schwebe, verwenden kontroverse Symbole, provozieren mit kontaminierten Begriffen, ohne sich zu positionieren. Man mag das kritisieren, doch in einer Zeit billiger Lippenbekenntnisse und medialer Wertehuberei ist Kunst, die etwas exegetischen Einsatz und Mut zum Mehrdeutigen erfordert, vielleicht nicht das Schlechteste.
Um noch einmal auf deinen Herkunftsort Korntal zurückzukommen: Du gehörtest nie zur Brüdergemeinde, aber hatten die pietistischen Apokalyptiker trotzdem einen Einfluss auf dich und deine Begeisterung für Metal?
Ja, die Brüdergemeinde bot uns Jugendlichen eine Negativfolie, vor der man die eigene Identität rebellisch konturieren konnte. Metal war Mittel maximaler Kontrastbildung. Wir sahen in den Pietisten unzeitgemäße Frömmler und dogmatische Moralapostel, ohne groß darüber nachzudenken, ob nicht auch wir selbst engen Identitäts- und Moralvorstellungen anhingen. Später begriff ich, dass auch die Pietisten einst rebellische Züge hatten und nach Autonomie strebten, was ich ja eigentlich befürworte. Als ich vor Kurzem in Korntal war und mir ein Brüdergemeinde-Update geben ließ, dachte ich: Verdammt noch mal, ausgerechnet die kultivieren in ihrem Gemeindeleben trotz hartem Gruppenzwang das, was meine nicht-etatistisch linken und anarcho-liberalen Seelenteile an der heutigen Zeit so vermissen: gegenseitige Hilfe, Selbstorganisation, Subsidiarität, ohne Vergötzung des Staates. Aber natürlich ist all das überwölbt von metaphysischen Phantasmen. Und die gehören für mich einzig in die Kunst.
Mit der Geschichte des Metal befasst hat sich Jörg Scheller in dem Buch „Metalmorphosen. Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal“ (Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2020, 286 Seiten, 27 Euro). Die Geschichte seiner eigenen Band Malmzeit lässt er Revue passieren in „Make Metal Small Again. 20 Jahre Malmzeit“ (mit Jochen Neuffer, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2023, 193 Seiten, 20 Euro).
Das Interview wurde für die Print-Ausgabe stark gekürzt. In voller Länge auf: kontextwochenzeitung.de
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