Gesellschaft: Hoch zu Ross
Der Kanzler, der Bundespräsident, der Ministerpräsident – alle riefen Martin Walser ehrende Worte hinterher. Bildhauer Peter Lenk hat noch gefehlt. Dabei hat er dem Großdichter schon früh ein Denkmal gesetzt. Kontext bat ihn um einen Wortbeitrag.
Von Peter Lenk↓
Martin Walser, unsterblichkeitsberechtigt und promenadentauglich, ist tot. 24 Jahre war er ein treuer Begleiter meiner Kunst. An allen runden Geburtstagen und auf Anfrage von Medien zwischendurch schimpfte er leidenschaftlich gegen das von mir errichtete Walser-Denkmal auf dem Landungsplatz in Überlingen und machte es damit überregional bekannt. Beleidigt ließ er sich im ersten Jahr von der Stadt nicht zum Geburtstag gratulieren und klärte die „Badische Zeitung“ darüber auf, dass die Hofbildhauer Friedrichs des Großen und Kaiser Wilhelms ihre Objekte billigenswerter dargestellt haben.
Mit einem Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen Deutscher Geschichte wollte er sich jedenfalls nicht identifizieren. Eine bleibende Erinnerung an seine Dankesrede für die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche war ihm suspekt. „Dieses Denkmal ist unverzeihlich.“
Walser hatte mit erhobenem Zeigefinger die „Dauerpräsentation der Schande“, also den Massenmord an den Juden, kritisiert. Da bekam sein Hut ein braunes Rändchen und damit verbunden vermutlich die Nicht-Verleihung des Literatur-Nobelpreises.
Besonders geärgert haben dürfte ihn auch der Text des Literaturprofessors Detlev Schöttker in der Zeitschrift „Text + Kritik“, dem ein Foto des Eiskunstläufers beigefügt war. Auszug Seite 129: „Das Reiterstandbild hingegen, wie es zwei Jahre nach seinem (Walsers) 70. Geburtstag errichtet wurde, war seit der Antike ausschließlich der Verewigung von Herrschern und Feldherren vorbehalten. Lenk begeht damit jedoch nur scheinbar einen Traditionsbruch. Er setzt vielmehr die populäre Transformation der Denkmal-Kultur fort, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Ausbreitung der Massenkultur einsetzte und dazu führte, dass nach den politischen und den intellektuellen Eliten auch populäre Unterhaltungskünstler denkmalwürdig wurden.“ Das vierseitige Essay schließt mit der Frage: „Weiß der Reiter hier, was er tut? Und hat er nicht eher Angst als Eile, so dass seine Haltung der des reitenden Don Quijote ähnlich wird?“
Ungeachtet immer heftigerer Ausfälle gegen den Reiter im Brunnen schätze ich Walser als Dichter, obwohl er an seinem 90. Geburtstag sogar den Witz bei Skulpturen ausschließen will. Er halte es für einen „ästhetischen Reinfall“, sprach der „Goethe vom Bodensee“ („Südwestpresse“), weil er nicht glaube, „dass man sich in Plastik witzig ausdrücken kann“.
Meine Frau hätte ihn gerne als Pottwal gehabt
Souverän entschwebt er zum Beispiel in seinem „Heimatlob“ den üblichen Heimatduseleien der Reiseführer. Sein „Hölderlin zu entsprechen“ inspirierte mich zu meinem Hölderlin-Denkmal in Lauffen am Neckar. Solche Verdienste würdigend habe ich ihn auch nicht verkehrt herum aufs Pferd gesetzt oder ihn gar als Pottwal der Deutschen Nachkriegsliteratur über den Brunnenrand ragen lassen, wie meine Frau empfahl.
Herzzerreißend nun die öffentlich bekundete Trauer des Überlinger Oberbürgermeisters Jens Zeitler zum Tod des politisch engagierten Moralkeulen-Schwingers vom Bodensee. Es ist übrigens der gleiche OB, der in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Landesregierung die Plakate einer politisch orientierten Kunstausstellung in der Städtischen Galerie zum S-21-Skandal verbietet.
Der für seine Schneidekunst berüchtigte SWR tut dem toten Dichter posthum noch einen allerletzten Gefallen. Walser mäkelte einmal: „Da wohnt man 30 Jahre in einer Stadt, und dann stellen sie einfach so etwas auf“ – und prompt schneidet die Anstalt den Reiter vom Pferd herunter.
Solche Nachrufe erinnern an die Ballade „Lenore“ von Gottfried August Bürger:Und das Gesindel! husch husch husch!Kam hinten nachgeprasseltWie Wirbelwind am HaselbuschDurch dürre Blätter rasselt.
„Macht doch mal was Leichtes“, hören wir immer wieder in unserer Wochenkonferenz. Was Schönes, Nettes, was zum Schmunzeln! Die Welt, sie sei doch schon übel genug. Also haben wir die Kontext-Sommerserie ins Leben gerufen. Über die großen Ferien schreiben unserer Autor:innen Geschichten, die sie schon immer mal schreiben wollten. Absurdes, Herzerwärmendes oder Nachdenkliches über zarten Blütenstaub, fremde Planeten und seltenes Federvieh. Die einzige Vorgabe der Redaktion: Das Thema muss leicht und fluffig daherkommen, wie Capri-Eis in einer lauen Sommerbrise. (red)
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