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„Jugos, kickt mal hübsch unter euch!“

Vor 50 Jahren geht in Württemberg eine separate ­Gastarbeiterliga an den Start. Der Württembergische Fußballverband trägt seinen Teil dazu bei. Er verhindert damit aktiv, dass Gastarbeiter hierzulande sportlich heimisch werden.

Metalac Stuttgart. Stehend 2. von links: Gojko Čizmić, der heute die Facebook-Seite „Jugoliga u Baden Württembergu“ betreibt. Foto: Gojko Čizmić

Von Bernd Sautter↓

Das gibt’s nur in Württemberg: Gastarbeiterklubs dürfen nicht mitspielen im regulären Spielbetrieb. Sie sollen gefälligst unter sich bleiben, diese Jugos, wie man sie damals umgangssprachlich nannte. In den übrigen westdeutschen Regionalverbänden dürfen jugoslawischen Vereine wie selbstverständlich im den normalen Spielklassen antreten. Nur dort, wo die meisten Gastarbeiter vom Balkan ankommen, geht das nicht. Der WFV weigert sich, ihre Teams in den Spielbetrieb aufzunehmen. Als die daraufhin eine eigene Liga formieren, unter­stützt er den merkwürdigen Sonderweg tatkräftig.

So geht Gastfreundschaft auf schwäbisch: mit Abstand am besten. Die separate Jugoliga startet genau zu dem Zeitpunkt, als im übrigen Fußballdeutschland Gastarbeitervereine aus Italien, Griechenland oder Portugal in die normalen Spielklassen aufgenommen werden.

Von den Bahnhöfen auf die Spielfelder

Neuankömmlinge herzlich willkommen zu heißen, geht unter Sportskameraden anders. Die Jugos sollen gefälligst unter sich spielen: Radnik (Arbeiter) Sindelfingen gegen Mladost (Jugend) Wangen im Allgäu. Polet (Aufschwung) Ravens­burg gegen Bratstvo (Brüderlichkeit) Schwenningen. Das fußballerische Paral­lel­uni­ver­sum namens Jugoliga überlebt zwei Jahr­zehnte. 1992 löst sie sich auf. Zu diesem Zeitpunkt weiß der WFV längst, dass er die fußballerische Ausgrenzung nicht schönreden kann. Auch den Spielern und Vereinen passt die Erinnerung ans gemeinsame Kicken gerade überhaupt nicht ins Weltbild. Sie sind jetzt Kroaten, Serben, Mazedonier und Slowenen. Teilweise gehen sie in ihrer Heimat mit Gewehren aufeinander los.

Jahrzehntelang schlummert die Erinnerung in Fotoalben und Familienerzählungen. Gojko Čizmić und Luka Babić ist es zu verdanken, dass die Gastarbeiterliga nicht völlig in Vergessenheit gerät. Die beiden nähern sich aus unterschiedlichen Richtungen. Čizmić sammelt alles, was er über die Jugoliga findet. Babić arbeitet sich wissenschaftlich heran. Der Historiker hat kürzlich eine Masterarbeit zum Thema vorgelegt. Maßgeblich unterstützt wurde er von Ansbert Baumann, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Semi­nar für Zeitgeschichte der Uni Tübingen.

Zeitzeuge Čizmić erlebt die Jugoliga von Anfang an als Spieler bei Metalac (Metallarbeiter) Stuttgart. Bis heute ist die Liga seine Leidenschaft. Auf Facebook kann man ihm via „Jugoliga u Baden Württembergu“ folgen. Vor einigen Monaten hat er einen 400 Seiten starken Wälzer herausgegeben, in dem er alle Ergebnisse, Spieler und Saisonbilanzen verzeichnet hat. Čizmić listet insgesamt 140 Teams auf. Auf dem Höhepunkt der Popularität spielen 87 Vereine in einer ­Saison. Sie treten in einem dreistufigen Liga­system mit geregelten Auf- und Abstiegen gegeneinander an. Čizmić sprudelt, wenn er von damals erzählt: „Wir hatten ja nichts. Außerhalb der Arbeit trafen wir uns am Bahnhof oder in Gaststätten.“ Fußball als Medizin gegen die Tristesse von Gast­arbeitern. Von diesen Treffpunkten gehen am Ende der Sechzigerjahre die ersten Vereinsgründungen aus.

Die Jugoliga erbt den Ruf der Bahnhofskneipen. Čizmić spricht von einer „Ghettoliga“. Es fehlt an allem: an Trikots, Umkleiden und Sportplätzen. Wenn die Gastarbeitervereine Glück haben, finden sie einen deutschen Verein, der ihnen für ein paar Stunden einen Trainingsplatz überlässt. Die deutschen Vereine und Verbände schauen weg. Die offiziellen Stellen aus der Heimat unterstützen vor allem mit warmen Worten. Materiell unterstützen sie nur so weit, wie sie vermuten, dass es die diplomatische Lage erlauben würde. Sie schieben einerseits die Jugoliga an, andererseits vermeiden sie Ärger mit den deutschen Stellen. So entsteht eine Hartplatzliga mit Betonung auf hart, die irgendwie zwischen allen Stühlen kickt. Von Jugoslawien forciert, von Gastarbeitern organisiert, vom WFV toleriert.

Jugo-Gastarbeiter sportlich im Abseits

Vor einigen Jahren entdeckt Luka Babić im Netz, was Čizmić kontinuierlich ­postet. Er stöbert und findet auch seinen Vater auf einem Bild. Ivan Babić im Dress von Polet Ravensburg. Luka Babić, 1993 geboren, spielt in der Jugend bei FV und TSG Ravensburg. Der Fan von Werder Bremen und Hajduk Split studiert Geschichte an der Uni Tübingen. Das Thema seiner Abschlussarbeit: „Jugos im Abseits“. Historiker Babić ist noch immer fassungslos, wenn er an die reaktionäre Haltung des Württembergischen Fußballverbandes von damals denkt: „Eine ganze Generation fußballspielender Gastarbeiter geht in den sportlichen Ruhestand, ohne gegen deutsche Mannschaften gespielt zu haben. Man muss kein Integrationsexperte sein, um diesen Schandfleck zu erkennen.“ Warum spielen Jugos in einer eigenen Liga? Und warum nur in Württemberg? „Damals wollten das alle so“, hat Babić im Rahmen seiner Masterarbeit heraus­gefunden. Er meint damit: das offizielle Jugoslawien, die Gastarbeiter selbst und den Württembergischen Fußballverband.

Betrachtet man die Sache aus Belgrader Perspektive, lässt sich das Interesse leicht erkennen. Die Führung unterhalb des Präsidenten Tito will über den Fußball den nationalen Zusammenhalt stärken. Historiker Ansbert Baumann nennt es „Nation-Building in der Fremde“. Sprache und Kultur der Heimat erhalten sich besser, wenn die Jugos unter sich bleiben. Das kommt Tito entgegen, er will eine geschlossene südslawische Nation. In Württemberg kommt er seinem Ideal fast näher als im eigenen Land. Auch die Gastarbeiter sind am Beginn der Jugoliga überzeugt, ihr Aufenthalt wäre nur vorübergehend. Sie sammeln sich gerne in Jugo-Vereinen: ein willkommenes Stück Heimat in der Fremde. Da der Württembergische Fußballverband keine Jugo-Teams im Spielbetrieb zulässt, organisieren sie sich eben selbst. Sie haben keine Wahl.

Wirkungstreffer gegen die Integration

Die Blockadehaltung des WFV lässt sich nur vor dem Hintergrund des Kalten Krieges erklären. Die hölzernen Verbandsverlautbarungen verdecken kaum die Ressentiments. Offenbar fürchtet sich der Verband vor roter Gefahr. Eventuelle Agitation will man im Keim erstickten. All das, obwohl Jugoslawien zu den blockfreien Staaten zählt. Obwohl sie Jugos längst aus der Bundesliga kennen: zum Beispiel Zlatko „Tschik“ Čajkovski, ­Petar Radenković oder Branko Zebec. Alle sympathisch. Publikumslieblinge. Und erfolgreich obendrein.

Als die jugoslawischen Vereine am 21. Februar 1971 die Jugoliga gründen, spielt das dem Württembergischen Fußballverband in die Karten. Erst als der DFB deutlich darauf hinweist, dass ein ausländischer Verband auf eigenem Terri­torium gegen alle Gepflogenheiten verstößt, werden die Württemberger aktiv. Doch statt die Vereine zu integrieren, machen sie das Gegenteil: Sie nehmen die Steilvorlage aus Jugoslawien auf und landen einen Wirkungstreffer gegen die Integration. Die separate Jugoliga wird zemen­tiert, indem der Verband formal ihre Organisation übernimmt. „Haupt­sache, die Gastarbeiter bleiben unter sich“, kommentiert Babić.

Luka Babić, Historiker und Fußballfan. Foto: privat

Der Liga-Separatismus ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Es funktioniert nur deshalb, weil nichts anderes erlaubt ist. Die Vereine schießen wie Pilze aus dem Boden, auch weil aus Jugoslawien immer mehr in Baden-Württemberg ankommen. Es hat sich herumgesprochen, dass Arbeit vorhanden ist. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1968 ein Anwerbeabkommen für ArbeiterInnen aus Jugoslawien abschließt, strömen die Gastarbeiter vom Balkan wie sie gerufen werden. In Baden-Württemberg sind es 200.000 im Jahr 1973. Der erste Verein formiert sich sogar schon vor dem Anwerbeabkommen: Adria Tuttlingen.

Nachdem der Gastarbeiterstrom kana­lisiert wird, gründen sich Jugo-Vereine in allen Landesteilen. In Friedrichshafen nach einem großen Unternehmen „Jugometal“ benannt. In Weinsberg wird der Verein Bosna getauft. Bei ethnischen Namensgebungen wie Bosna oder Croatia ist das offizielle Jugoslawien zwar nicht begeistert, doch sie werden zähneknirschend hingenommen. In Frickenhausen wird NK Marsonia gegründet. Als Initiator tritt ein gewisser Đuro Prosinečki auf, Vater von Robert Prosinečki, dem späteren Weltklassespieler.

Kein Interesse an der elterlichen Jugo-Folklore

Die Kollaboration zwischen WFV und Jugoslawien führt vorhersehbar ins gesellschaftliche Abseits. Das „Nation Building“ aus Belgrad greift: Die jugoslawischen Sportskameraden melden die Ergebnisse in die Heimat. Von dort werden sie unterstützt, so gut es möglich ist. Nicht mit Geld, vor allem mit Anerkennung. Aus der Heimat treffen Trikotsätze ein. Zu manchen Freundschaftsspielen erscheinen hochrangige Funktionäre, teilweise auch Nationalspieler. Pokale und Ehrenpreise werden aus Belgrad und ­Zagreb gestiftet. Bei einem großen Freundschaftsspiel im Neckarstadion sind die Tribünen mit zehntausend Landsleuten besetzt. Der Termin fällt auf den Tag der Jugend, also dem mythischen Geburtstag Titos, der in der Heimat mit Sportfesten und Staffelläufen von Ljubljana bis Skopje gefeiert wird.

Die Liga boomt in den 1970ern, schon in den 1980ern beginnt sie zu brökeln. Die Gastarbeiterfamilien richten sich in ihrer neuen Heimat ein. Und was machen ihre Kinder? Bereits in der zweiten Generation geht das Interesse an der elterlichen Jugo-Folklore ab. Sie gehen in deutsche Schulen und haben deutsche Freunde. Man nennt es Integration. Manche kicken samstags in deutschen Teams und sonntags in den Jugoteams – den Eltern zuliebe. Andere spielen ausschließlich in den deutschen Vereinen. Schon vor dem Krieg im Heimat­land geht der separaten Liga die Luft aus. Die Männer der ersten Stunde sind längst Fußballrentner. Gojko Čizmić resümiert: „Wir waren zwar glücklich, dass wir Fußball spielen konnten. Aber am Ende waren wir überall integriert. Nur nicht im Sport.“

Diesem Fazit stimmt auch Luka Babić zu. Für ihn bedeutet die Beschäftigung mit der Jugoliga weit mehr als ein Fenster in die Vergangenheit seiner Eltern zu öffnen. Er hebt die aktuelle, gesellschaftliche Relevanz hervor: „Wollen wir das Fundament für eine sozial nachhaltige Gesellschaft legen, müssen wir aus den eklatanten Fehlern der Jugoliga lernen. Wir können Neuankömmlingen nicht Türen versperren, nur um uns danach zu echauffieren, sie würden nicht mit uns gemeinsam am Tisch sitzen.“

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