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Im Exil am Bodensee

Intermezzo beendet: Peter Lenk hat seine große S-21-Skulptur abbauen lassen, einige Tage früher als erwartet. Weil die Stadt den Platz vorm Stuttgarter Stadtpalais nicht als Dauerstandort wollte, steht das Werk nun wieder auf Lenks Grundstück am Bodensee – und kann dort besichtigt werden.

Wie das Stuttgart-21-Denkmal am 26. Juni aus Stuttgart entschwebte. Fotos: Joachim E. Röttgers

Von Oliver Stenzel↓

Das Ehepaar aus Heidelberg ist enttäuscht. Schon länger hätten sie sich vorgenommen, Peter Lenks Stuttgart-21-Denkmal vor Ort anzuschauen, wegen Corona aber immer wieder gezögert. Nun, für diesem Samstag, den 26. Juni, hatten sie sich endlich ein Herz gefasst – und jetzt ist er weg, der Lenk. Nun, noch nicht ganz. Der Sockel steht noch, und auf dem Boden liegen die in Einzelteile zerlegten Figuren auf übergroßen Holzpaletten, werden von mehreren Arbeitern für den Transport gesichert.

Schade, finden die beiden Heidelberger Fans. Doch immerhin haben sie so die Gelegenheit, mit dem Künstler selbst ein wenig zu plaudern, denn Peter Lenk ist natürlich da und überwacht alles. Und sie können auch aus nächster Nähe einen Blick auf Winfried Kretschmanns Gemächt werfen. Denn der Ministerpräsident, gegossen aus mit Epoxidharz gebundenem Kalkstein, liegt ausgestreckt am Boden, und das sonst seine Blöße verdeckende Feigenblatt wurde vor dem Transport entfernt – das dritte übrigens schon, denn zwei wurden in den vergangenen Monaten von unbekannten Strolchen entwendet – was Lenk schon im Vorhinein geahnt und deswegen Feigenblätter in Reserve angefertigt hatte. Es waren die einzigen Akte von verhaltenem Vandalismus, die dem Denkmal in seiner achtmonatigen Zeit vor dem Stadtpalais widerfuhren, was angesichts der nach jedem Wochenende auf der Eingangstreppe nebenan zu bestaunenden Bier-, Wein- und Spirituosenflaschenbatterien durchaus bemerkenswert ist.

Bis zum 30. Juni hätte seine Skulptur noch hier stehen dürfen, ehe sie den Vorbereitungen für das Stadtpalais-Festival „Stuttgart am Meer“ weichen sollte, aber so lange wollte Lenk nicht warten. Der Künstler aus Bodman machte schon kurz nach der Sitzung des Verwaltungsausschusses des Stuttgarter Gemeinderats am 16. Juni, in der keine Einigung mit der Stadt gefunden worden war, den Termin für den Abtransport klar. Ganz klandestin diesmal – nachdem die Anlieferung im vergangenen Oktober noch – für Lenk untypisch – in Absprache mit der Stadt abgelaufen war, hat Lenk sich wenigstens beim Abtransport für die Überraschung entschieden. Am Freitagabend tummeln sich noch Führungen um das zum Besuchermagnet gewordene Werk, am Samstag ab acht Uhr morgens stehen schon der Kranwagen auf der Straße und mehrere Kleintransporter vor dem Stadtpalais. Vier Firmen, darunter das Singener Transportunternehmen Broziat, sind beteiligt, sie machen es genau wie beim Aufbau für umme, wofür ihnen Lenk ungeheuer dankbar ist. „Wenn ich das alles bezahlen müsste, wäre ich pleite“, sagt er, rund 40.000 Euro hätten ihn An- und Abtransport, Auf- und Abbau gekostet.

Offizielle der Stadt: wenig schaulustig

Lenk ist bester Laune an diesem Samstagvormittag. Er scherzt breit grinsend mit den wenigen Besuchern des Abbaus über die Kleingeistigkeit und den Pietismus der Stuttgarter Verwaltung und erlaubt sich auch mal Späße mit Fans. Ein interessierter Besucher kommt auf ihn zu, fragt ihn: „Sind Sie der Künstler?“ Nein, das sei der Herr dort hinten mit dem schwarzen Hemd, sagt Lenk ohne Zögern und schickt den Ahnungslosen zu Bernd Spellenberg, einem eifrigen Unterstützer der Skulptur von Anfang an.

Veronika Kienzle, die grüne Bezirksvorsteherin für Stuttgart-Mitte, die lange für den Verbleib des S-21-Denkmals in Stuttgart gekämpft hat, ist auch da, später kommt noch Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner vorbei, außer den beiden ist kein Funktionsträger der Stadt da. Gegenfurtner unterhält sich locker mit Lenk, lässt durchscheinen, dass er einem Verbleib der Skulptur hier nicht abgeneigt gewesen wäre – entscheidend war seine Meinung freilich nicht.

Angela Merkel wartet, sichtlich nicht amüsiert.

Am Rande steht auch der Künstler und Architekt Manfred Schweiss und wettert über die Stadt. Ein Trauerspiel, sagt Schweiss, der auch zu den mehr als 1.000 Spendern gehört, die die Fertigstellung von Lenks Skulptur ermöglichten. Sein Kunstgeschmack sei die Lenk-Skulptur auch nicht unbedingt, er habe schließlich bei den Bauhaus-Schülern Hannes Neuner und Herbert Hirche gelernt, aber da­rum gehe es auch gar nicht. Diese Spießigkeit im Umgang mit Kunst in Stuttgart, sagt Schweiss, „das zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahrzehnte“, ob bei Henry Moores „Die Liegende“ oder zig anderen Beispielen.

Lenk hat schon neue Aufträge

Aber was passiert nun mit dem Werk? Diese Woche wird es in Lenks Skulpturen­garten in Bodman aufgebaut und kann dort bald in Führungen besichtigt werden, dann müssen die Interessierten dorthin reisen. Und dann will oder besser muss sich Lenk auch mit anderem beschäftigen. Denn es stehen, auch das gibt es, zwei öffentliche Aufträge ins Haus.

Zum einen will Bad Urach ein Werk zum dortigen traditionellen Schäferlauf – die Tradition gibt’s nicht nur in Markgröningen. Das Thema kommt dem Künstler sehr entgegen, denn er habe heraus­gefunden, erzählt er grinsend, dass die Schäfer in der Anfangszeit zur Freude der Damen­welt nicht nur barfüßig, sondern auch bar jeglicher sonstiger Verhüllung abwärts der Hüfte übers Stoppelfeld liefen, nur oben mit einer Weste bekleidet. Bei diesem Detail sieht sich Lenk nicht nur als notorischer Schelm, sondern auch als sorgfältiger Dokumentarist, versteht sich.

Und dann ist auch noch ein Lenk für die Stadt Böblingen in Aussicht, zum 500. Jubiläum des Bauernkriegs. Am 12. Mai 1525 fand vor den Toren der Stadt eine der blutigsten Schlachten des Krieges statt. Sollte der Auftrag zustande kommen, und Lenk ist recht zuversichtlich, müsste das Werk also bis Mai 2025 fertig sein. Viel zu tun. Ende 2025, da sollte doch auch irgendwas mit Stuttgart 21 sein, nur was nochmal? Egal.

Vage Hoffnung macht – die Bahn

Am frühen Nachmittag, nach einer Pappkarton-Pizza- und Bier-Pause, ist die „Chronik einer grotesken Entgleisung“, so der offizielle Untertitel der Skulptur, dann endgültig in allen Einzelteilen verladen und gesichert und die Fahrt geht ab in Richtung Bodman. Für ratlose Suchende ist ein Zettel an einem Baum vorm Stadtpalais angebracht: „Bin im Exil am Bodensee“.

Nun hofft ein Exilant ja in der Regel auf Rückkehr. Hält Lenk einen Standort in Stuttgart doch noch für denkbar? Der Künstler holt ein wenig aus. Quasi ein Nachbar und guter Freund von ihm, zwei Kilometer entfernt in Überlingen wohnend, sei ja Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Und der habe einen guten Draht in den Vorstand der Deutschen Bahn. Explizite Namensnennungen unterbleiben, aber man habe, so Lenk, schon vernehmen können, „dass auf Vorstandsebene darüber gesprochen wird, ob die Skulptur, wenn der Tiefbahnhof denn je fertig werden sollte, in der Bahnhofshalle stehen könnte.“ Mal sehen, wie es kommt. Wenn Stuttgart 21 schließlich für irgendetwas gut ist, dann für Überraschungen.

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