Hobby: Klimawandel

Wissenschaft ist Meinungssache an der Hochschule: Im Planetarium verlässt Peter Valtink von der Olbers-Gesellschaft den klimawissenschaftlichen Konsens und wird dafürgefeiert

Wenn die Sonne protuberiert, wandelt sich das Klima auch Foto: Nasa/dpa

Von Lotta Drügemöller

Beim March for Science sind 2019 rund 150 Wissenschaftler*innen auch durch Bremen gezogen. Ziel: die Verbreitung von Fake News verhindern, gegen die Leugnung des Klimawandels protestieren. Die Hochschule allerdings hat denen jetzt eine Plattform zur Verfügung gestellt: In ihrem Planetarium sprach am Mittwochabend Peter Valtink über den Klimawandel – und seine eigenen Theorien dazu.

Valtink ist Geschäftsführer der Suppenengel, hat vor 28 Jahren einen Doktor in Physik gemacht und betreibt „als Hobby“ eine ganz eigene Klimaforschung. Und in dieser Funktion meint er, einige Fragwürdigkeiten in der Klimawissenschaft festgestellt zu haben. Er wolle, so kündigt er an, auf andere Faktoren eingehen, die das Klima beeinflussen – Wolken etwa, und Sonnenflecken. Natürlich, so versichert Valtink, leugne er dabei nicht, dass es einen Klimawandel gebe – oder CO2 eine Rolle dabei spiele. So weit, so wissenschaftlich.

Das Problem ist nur, dass er im Vortrag dann doch genau das macht und den menschengemachten Klimawandel infrage stellt: Mithilfe von Satellitendaten etwa behauptet er, die Erde hätte sich in den vergangenen 20 Jahren nicht weiter erwärmt. Und infrage stellt er, ob das CO2 die Erderwärmung herbeiführe – oder die Erderwärmung die höheren CO2-Werte. Verantwortlich für das Klima der letzten Jahre und Jahrtausende seien eher Sonnenzyklen. Kurz: Eine ganze Palette der Argumente, die in den vergangenen Jahrzehnten gern von Klimawandelleugnern verwendet wurden, werden an die Decke des Planetariums projiziert.

„Die Argumente sind nicht neu – und alle sind nicht stichhaltig“, erklärt Heiko Pälike, Professor am „Marum“ der Uni Bremen. Sie alle findet man auf der Seite von klimafakten.de – samt ihrer Widerlegung oder wissenschaftlichen Einordnung. Doch diese Einordnung fehlt in dem kleinen Vortragssaal unter dem künstlichen Sternenhimmel. „Wenn immer wieder Argumente wiederholt werden, die nicht mehr den Stand der Forschung widerspiegeln, ist das einfach nicht angebracht.“

Der Applaus am Ende von Vortrag und Fragestunde ist ordentlich; Zuhörer zitieren Wissenschaftler des AfD-nahen Eike-Instituts, dessen Muttergesellschaft in den USA von der Öllobby gefördert wird. Eine ältere Dame sagt dem Referenten begeistert, dies sei der beste Vortrag, den sie je zum Thema gehört habe.

Dass dieses grundsätzlich klimaleugnerfreundliche Publikum durchaus erwünscht war, zeigt ein Blick in die Ankündigung des Vortrags: „Verlassen wir uns wissenschaftlich zu sehr auf den Mainstream und schauen nicht mehr nach links oder rechts?“, heißt es dort. Und: „Mehr und mehr Wissenschaftler sehen [...] die Sonne und Supernovae als eigentliche Ursache der globalen Temperaturentwicklung“.

Von diesem Ankündigungstext will Valtink auf Nachfrage nichts wissen. „Ich weiß nicht, wer den geschrieben hat.“ Vielleicht kann man ihm helfen: Eine Anfrage bei einer Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit der Olbers-Gesellschaft ergibt, dass „alle Texte von den Referenten selbst geschrieben werden“.

Ich bin ein taz-Blindtext. Von Geburt an. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe,

Obwohl das Planetarium zur Hochschule gehört, erklärt man sich dort für nicht zuständig. Schließlich sei der Veranstalter die Olbers-Gemeinschaft, nicht die Hochschule. „Wo ist das Problem mit dem Vortrag?“, fragt zudem Ulrich Berlin, Pressesprecher der Hochschule. „Wir haben Meinungsfreiheit. Da haben auch mal Positionen Platz, die nicht angenehm sind.“

Aber Meinungen als Wissenschaft zu verkaufen entspricht nicht der anerkannten Praxis.Und keineswegs sei das Wiederholen widerlegter Zweifel harmlos, sagt Michael Danner vom Umweltzentrum Hannover: „Die Unwahrheit beginnt schon dort, wo gesagt wird, es gebe in der Klimafrage beide Positionen.“

Von mündigen Erwachsenen müsse man erwarten, dass sie sich mit Argumenten mit solchen Positionen auseinandersetzen könnten, findet Hochschulsprecher Berlin. Dann müsste der Dozent aber im Stande sein, darauf einzugehen. Tatsächlich stellen einzelne Zuhörer kritische Fragen – doch die laufen ins Leere: Im Zweifel kontert Valtink sie mit entwaffnender Naivität. Woher er wisse, dass die Sonnenprotuberanzen um 1400 stärker waren? Das wisse er nicht, sagt der Referent. „Ich bin ja kein Experte.“