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Ungewollt zum Ossi gemacht

„Am 9. November 1989 öffnete Günter Schabowski – mehr oder weniger geplant – die Mauer. Der Freudentaumel der folgenden Nacht kannte nicht Rechts, nicht Links, kein Ost, kein West. Jeder feierte, daß er rüber konnte. […] Die Bild-Zeitung brachte am nächsten Tag ein Foto, das um die ganze Welt ging. […] Es war aufgenommen worden am Checkpoint Charlie, und es symbolisierte die Ost-West-Begegnung, wie man es sich kaum besser wünschen konnte: ein von westlicher Fitneß-Ideologie völlig unberührter DDR-Bürger wird willkommen geheißen von überaus attraktiven blonden Frauen und einer Flasche Schampus.

Aber der Schein trog. Die Wiedervereinigung begann auch hier mit einer Lüge. Das Bild dokumentiert eine ganz andere Geschichte. Woher ich das weiß? Ich war dieser Ossi. Ich war damals Redakteur der taz, hatte, wie jeden Tag, im Café Adler am Checkpoint Charlie gesessen – mit Blick auf die nicht einmal zehn Meter entfernte Mauer. […] Ich zog meine Jacke an und setzte mich in Bewegung. […] Ein Fotograf knipste unentwegt. […]. Es dauerte noch Stunden, bis die ersten echten Ossis durch die Mauer kamen. Aber sein Foto mit dem falschen sah so echt aus, daß die Agenturen es gerne nahmen. […] Die Anekdote zeigt, wie interpretationsbedürftig Fotos sind. Man darf seinen Augen nicht trauen. Schon gar nicht, wenn es um Weltgeschichte geht. Die viel traurigere Moral dieser Geschichte ist aber, daß den Ossis schon in ihrer Geburtsstunde die Schau gestohlen wurde, und das von einem, der ihnen nichts Böses wollte.“ Arno Widmann

Auszug seines taz-Artikels vom 9. November 1994