Plutonia Plarre betrachtet im Botanischen Garten die Folgen des Klimawandels

„Eigentlich weiß doch jeder, was zu tun ist“

Die Blätter der morgenländischen Platane haben sich schon verfärbt. Die Zerr-Eiche, noch sattgrün, wirft ihre Früchte ab – glänzende grünbraune Eicheln, die in stacheligen Fruchtbechern stecken. Nicht nur im Arboretum des Botanischen Gartens wird es Herbst. 14 Hektar groß ist dieser Teil des Gartens. 1.800 Baum- und Straucharten gibt es dort aus den unterschiedlichsten Regionen der Erde. Kräftig und gesund sehen sie aus. Anders als die Berliner Straßenbäume, denen die Trockenheit der letzten zwei Jahre stark zugesetzt hat, sind die Pflanzen im Arboretum regelmäßig gegossen worden.

Die Botanikerin Elke Zippel, eine schlanke Frau, die blonden Haare zum Knoten gebunden, leitet hier die Saatgutbank für gefährdete Wildpflanzen. Fragt man sie nach den Auswirkungen des Klimawandels auf die heimische Flora, hört man zunächst einen Vortrag über „die Hauptgründe“ für das dramatische Artensterben: die intensive Land-, Forst- und Energiewirtschaft, etwa das Verschwinden buntblühender Wiesen und kleinräumiger Strukturen mit Hecken und Säumen entlang der Felder, ersetzt durch eine industrialisierte Landwirtschaft, Überdüngung und Massentierhaltung.

Natürlich spielten auch trockene, warme Jahre, die in unserer Region häufiger würden, eine Rolle, sagt Zippel, und bleibt vor dem Moor-Biotop stehen. Das Sumpf-Blutauge wächst in einem gesunden Moor, das Wollgras und weit über 100 Arten mehr. „Die Berliner Moore sind im Verschwinden begriffen“, sagt Zippel. „Die Wasserversorgung ist gestört.“ Auch bei den Kesselmooren im Grunewald sei das so. Das liege zum einen am Wasserbedarf der Großstadt, zum zweiten am mangelnden Niederschlag. „Irgendwann ist der Punkt gekommen, dass Moore ihr Feuchtigkeitsdefizit nicht mehr ausgleichen können.“

Aber es gibt auch Pflanzenarten, die vom Klimawandel profitieren. Die Botanikerin deutet auf einen Sandhügel, auf dem Dünenschwingel und Blaue Kammschmiede wachsen. Beide sind auf sogenannten Trockenrasen an den Hängen der Havel oder dem Heiligensee zu finden. Die Pflanzen der Berliner Trockenrasen, freut sich Zippel, hätten in den trockenen Jahren keinen Schaden genommen.

„Nicht alles ist immer gleich dramatisch“, sagt Zippel. Auch bei gesellschaftlichen Diskussionen über das Artensterben wünscht sie sich manchmal ein bisschen mehr Differenzierungsvermögen. „Eigentlich weiß doch jeder, was zu tun ist“: das Auto stehen lassen, nicht mehr fliegen, Energie sparen, bewusster konsumieren. Die Insektenhotels auf den Balkons änderten an der Gesamtsituation wenig – außer, dass man einen Zugang zur Natur bekomme. „Man muss an die Ursachen ran.“