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Den Club ausmisten

Techno ist, leider, für viele Menschen heutzutage ein Schimpfwort. Und zwar nicht aus den Gründen, mit denen viele Musikinteressierte zu Beginn der neunziger Jahre auf die damals neuen repetitiven Maschinenklänge reagierten („Das ist doch keine Musik!“), sondern aus enttäuschter Begeisterung. Will sagen: Menschen, die eigentlich gern im Club zu elektronisch hervorgerufenen regelmäßigen Schwingungen tanzen, vermissen mitunter neue Impulse, leiden unter kreativer Stagnation und eingespielten Routinen. Die es zwar nicht in allen, jedoch in vielen dieser Einrichtungen gibt.

Die französische, in Berlin lebende Produzentin rRoxymore gehört, als Produzentin von Clubmusik, zu den Kritikern des Betriebs von innen heraus. Und auch wenn bekanntlich Kritik keinesfalls bloß allein dann legitim ist, wenn man einen konstruktiven Gegenvorschlag für das Bemängelte zu bieten hat, geht rRoxymore ihrerseits mit gutem Beispiel voran.

Sie liefert auf ihrem Debütalbum „Face to Phase“ einen Entwurf von rhythmischen Instrumentalnummern etwas anderer Art. Deren Bausteine entstammen durchaus den Stilen, zu denen sich im Allgemeinen auf Tanzflächen bewegt wird. Allerdings macht rRoxymore damit Dinge, die wenig mit den Gepflogenheiten von Clubmusik zu tun haben.

Durchgehender Vierviertelbeat? Fehlanzeige – gut, bis auf eine Nummer. Tiefendruck erzeugender, Ehrfurcht gebietender Bass? Eher nicht. Flächige Akkordattacken? Ebenso wenig. Stattdessen seziert rRoxymore all diese Dinge, die basslastige Bassmusik etwa, und lässt bloß deren schlackerige Rhythmen zurück, wobei sie deren Beatkonventionen wiederum so stark entschlackt, dass man sich weniger vom Rhythmus zu bestimmten körperlichen Aktivitäten gedrängt als zur gesamtkörperlichen Bereitschaft, diesen Rhythmen ein wenig nachzusinnen, -spüren und, ja, -horchen angeregt fühlt.

„Face to Phase“ schafft mithin erst einmal so etwas wie einen offenen Raum, in dem man sich orientieren kann, wenn man will, und ist damit ein Plädoyer für leibliches Nachdenken auf der Tanzfläche über das, was man dort so tut. Zugleich bietet es Angebote, wie sich dort auch anders zu Werke gehen ließe. Sehr, sehr gute Angebote.

Tim Caspar Boehme

rRoxymore: „Face to Phase“ (Don’t Be Afraid)