heute in hamburg

„Den Popzug durch die Heide rattern lassen“

„Papiripar: Festival für experimentelle Popmusik, Kunst, Film und Performance“: bis 6. 10., Hamburg, Barboncino Zwölphi, Westwerk und Künstlerhaus Wendenstraße; Programm: papiripar.com

Interview Robert Matthies

taz: Herr Kubin, warum braucht Popmusik mehr Kunst?

Felix Kubin:Weil die Kunst die beste Methode ist, um Pop aus festen Bahnen herauszulenken. Wir wollen mit „Papiripar“ den Popzug entgleisen lassen, damit er durch die Heide oder die Alpen rattert. Dass er dabei auch mal ein paar Bäume und Gegenstände umsäbelt, ist uns nur recht.

Das klingt nach einer gefährlichen Reise.

Aber auch nach einer sehr interessanten Reise! Es geht uns darum, Leute zu überraschen und mit Formaten zu konfrontieren, die sie vielleicht nicht jeden Tag sehen.

Mit so etwas wie „Maschinenunsinn“?

Ja, genau. Unsinn sollte man aber nicht abtun als etwas, das wertlos ist. Sondern Unsinn im Sinne von: Wirkung statt Verwertung.

Wie funktioniert das?

Zum Beispiel, indem man sich der Anwendbarkeit verweigert. In einem Workshop kann man etwa mit dem Niederländer Gijs Gieskes Instrumente bauen, die wirklich schrullig und witzig sind. Der stellt so kleine Quietschkästen her und produziert sehr interessante Lötstellen zwischen mechanischen Geräten und Sounderzeugern.

Wie sehen die aus?

Gieskes hat eine alte Festplatte zu einem Instrument umfunktioniert. Der Lesekopf wird von ihm durch Stromstöße gestresst und angetriggert. Und dann kann man die Festplatte scratchen wie eine Schallplatte und damit tolle Effekte erzeugen. Und der „Zachteman“ – „zacht“ heißt auf Holländisch weich – ist ein zu einem Mellotron umfunktionierter Walkman.

Foto: Marie Losier

Felix Kubin,50, ist Komponist, Hörspielmacher und Autor. Seit 1998 betreibt er das Schallplattenlabel „Gagarin Records“.

Und wie verweigern die sich?

Sie funktionieren, man kann sie gut benutzen, aber zugleich sind sie durch ihre Bauart sehr absurd. Der Typ kommt aus der Circuit-Bending- und Hacker-Szene und seine Geräte wirken so, als würden sie gezwungen, zu stolpern und Mist zu bauen. Aber musikalisch ergibt sein Unsinn eben guten Sinn.

Sie laden zum Tanzen in eine „Arena der Asymmetrie“. Wie tanzt man darin?

Tja, das sind alles sehr assoziative Begriffe, die mir im Traum gekommen sind. Und im Traum stelle ich mir natürlich auch die Frage: Was meinst du damit, liebes Unbewusstes? Aber das Unbewusste behält sich auch eine bestimmte Deutungsfreiheit vor und die möchte ich auch den Leserinnen und Lesern der taz zugestehen. Also: Man kann sich darunter irgendetwas vorstellen. Für mich bedeutet es erst mal, dass nicht alles gerade gebaut ist, sondern ein bisschen schief. Sagen wir: Das eine Bein ist ein bisschen kürzer als das andere und dadurch entwickelt man eine besondere Tanztechnik.