klimawoche in hamburg

„Tourismus profitiert“

Foto: Jo Swarzynska

Gabriele Kerber, 47, ist Biologin, selbst in Ostfriesland aufgewachsen und verrückt nach dem Meer.

Interview Katharina Gebauer

taz: Frau Kerber, wann gehen wir im Norden unter?

Gabriele Kerber: Das hängt von der Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs ab. Der ist schwer abzusehen, denn bisher stieg es immer viel schneller, als die Wissenschaft dachte. Die Frage ist nicht wann, sondern dass wir untergehen, wenn wir nicht aktiv werden. Wir müssen den Inselschutz erhöhen. Für jedes Grad globaler Temperaturerhöhung erhöht sich der Meeresspiegel um 2,5 Meter.

Unter welchen Klimafolgen leiden die Nordseeinseln konkret?

Die Temperaturerhöhungen des Wassers und der Luft verändern Regen- und Sturmmuster. Die Ostfriesischen Inseln erleben im Sommer dadurch stärkere Stürme. Eine erhöhte Wassertemperatur fördert auch das Algenwachstum. Das wiederum befördert das Fischsterben. Der Meeresspiegelanstieg dagegen ist nicht das größte Problem für die Inseln. Denn die Nordsee steigt auch ohne den menschgemachten Klimawandel um 20 bis 25 Zentimeter pro Jahrhundert.

Was ist an den Stürmen so schlimm?

Auf dem Wasser kann das gefährlich werden, gerade im Sommer betreiben die Menschen auf den Inseln gerne Wassersport. Der normale leichte Regen wird weniger, dadurch werden die Böden trockener, wenn das Grundwasser nicht mehr kontinuierlich aufgefüllt wird. Borkum bezieht seine ganze Wasserversorgung aus dem eigenen Grundwasser, das wird im Sommer knapper werden.

Gibt es wirtschaftliche Folgen?

Noch profitiert der Tourismus auf den Inseln vom Klimawandel. Die Urlaubssaison beginnt früher und endet später.

Vortrag und Diskussion zur Klimawoche: „Nordseeinseln in Gefahr - Wie der Klimawandel Inseln trifft“, 18 Uhr, Zentralbibliothek der Bücherhallen, Hühnerposten, 1, Eintritt frei

Inwiefern ist das Ökosystem der Meere relevant?

Das Wattenmeer ist ein einzigartiges Ökosystem, dass zweimal am Tag trocken fällt. Die ökologischen Zusammenhänge und die Artenvielfalt gilt es als Schutz zu erhalten. Das Seegras etwa bremst starke Wellen ab, die dadurch abgeschwächt auf die Deiche prallen. Zerbricht dieses Ökosystem, verschwindet das Seegras und das Sediment wird weggeschwemmt, die Wellen prallen mit voller Wucht gegen die Inseln.

Was können wir tun?

Individuell sollten wir aufmerksamer leben und weniger Treibhausgase produzieren. Noch wichtiger ist der Druck auf die Politik, die derzeit bremst. Die Technik und der Änderungswille der Menschen ist da, die Politik muss diese Bestrebungen umsetzen, als Verbraucher kommen wir sonst bei der Industrie nicht an!