Kommentar von Ralf Pauli zu 100 Jahren Volkshochschule

Fördern statt feiern

Gemessen an den Zahlen sind die Volkshochschulen im Land immer noch eine Bildungsmacht: 895 Standorte, 188.000 Lehrkräfte, 581.000 Kurse mit 6,4 Millionen TeilnehmerInnen jährlich – und Einnahmen von rund 1,4 Milliarden Euro. Doch guckt man sich die Zahlen genauer an, dann haben die Volkshochschulen hundert Jahre nach ihrer Gründung wenig Grund zum Feiern. Das liegt vor allem daran, dass ihnen die Leute davonlaufen. Nicht nur die schlecht bezahlten Honorarlehrkräfte – sondern zunehmend auch die TeilnehmerInnen.

Ein Grund dafür ist der gravierende Personalmangel an Schulen. Weil die Bundesländer zu lange mit falschen Schülerprognosen hantierten – und nach 2015 plötzlich Tausende zusätzliche DeutschlehrerInnen für Flüchtlingskinder benötigten –, stellen die Schulen immer mehr QuereinsteigerInnen ein. Für VHS- oder auch Goethe-LehrerInnen ist das die Chance, auch ohne Lehramtsstudium an einen festen und gut bezahlten Job zu kommen. Denn mehr als 35 Euro die Stunde können – oder wollen – die Volkshochschulen nicht bezahlen. Im Gegenteil: Vielerorts kriegen die LehrerInnen deutlich unter 30 Euro, ohne Urlaubsanspruch oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Fällt der Unterricht – oder man selbst – aus, gibt es kein Geld. Kein Wunder, dass VHS-Lehrkräfte ihre prekären Arbeitsbedingungen mit einer Stelle an einer Schule tauschen.

Härter noch als die Personalsorgen dürfte die Volkshochschulen eine zweite Entwicklung treffen: der schleichende Rückgang der Kurs- und Teilnehmerzahlen. Nur die zuletzt starke Zunahme der Deutschkurse verdeckt, dass die VHS in anderen Bereichen längst nicht mehr erste Wahl ist. Wer heute Excel lernen, Yoga machen oder Integralrechnen beherrschen will, wird auch im Netz fündig. Der Beschluss der Bundesregierung, die Umsatzsteuerbefreiung auf viele VHS-Kurse zu streichen – was wohl zu höheren Preisen führen wird –, dürfte diesen Trend noch verstärken. Es ist abzusehen, dass von den Volkshochschulen eines Tages nicht viel mehr übrig bleibt als eine Sprachschule mit vielen Filialen.

Dem Staat sollte daran gelegen sein, die Volkshochschulen vor diesem Schicksal zu bewahren, etwa indem er endlich wieder mehr in die Erwachsenenbildung investiert, die seit zwanzig Jahren stagniert. Nicht allein, weil an den VHS gute und günstige Bildung für Erwachsene garantiert ist – Volkshochschulen sind auch Orte der Begegnung. Und die sind heute wichtiger denn je. Also raus aus der Blase, rein in die Volkshochschule.