Ausgehen und rumstehen von René Hamann

Mühlen aus Waschbeton

Foto: taz

Die Mühlen mahlen langsam in dieser Stadt. Im Zentrum von Kreuzberg 36, am Heinrichplatz, der mitten in der Oranienstraße liegt, tut sich auch endlich ein bisschen was. Das Autohaus an der Skalitzer ist verschwunden, die Anwohner wehren sich gegen Pläne, da das x-te Hostel hinzusetzen. Am Heinrichplatz selbst stehen diese rot-weißen Plastikabsperrungen, die immer so aussehen wie Playmobil in Überdimensioniert, im Weg.

Das ehemalige erste Lieblingscafé am Platze, das Café Jenseits, ist erneut überarbeitet worden und hat wieder eine schicke Hausinschrift, ich war tatsächlich kurz versucht, wieder hinzugehen. Damals hatte der Betreiber aus vielerlei Gründen aufgeben müssen, die Stammkundschaft verteilte sich auf die umgebenden Lokalitäten, heimatlos, vertrieben, die Nachfolger hatten ein anderes Publikum im Sinn oder schlichtweg keinen Geschmack. Auch das Pfeiffers, mein ehemaliges zweites Lieblingscafé, hat sich verändert. Die hohen Seitenbänke sind verschwunden, die großen popartigen Gemälde ebenso; jetzt ist alles in einem Kupferverkleidungsstil gehalten, eine Mischung aus Postmoderne, Hygge und retroindustriell. Aber, was ich sehr toll finde, das Kaffeeangebot ist in seiner Breite immer noch vorzüglich. Und der Cortado kostet immer noch nur 2 und der Galão nur 2,30 Euro.

Die Mühlen des öffentlichen Nahverkehrs mahlen auch nur langsam in dieser Stadt. Oranienstraße und Wiener Straße schlafen noch den ewigen Schlaf der achtziger Jahre, was den Ausbau einer Fahrradspur o. Ä. betrifft, dabei wird dieser Bezirk schon seit Jahrzehnten grün regiert. Was passiert da eigentlich? Ragen die Finger der Autoindustrie noch bis ins Budget der Stadtplanung von Friedrichshain-Kreuzberg oder geht all das Geld in den Umbau der goldenen Spreeufer? Auch mit der S-Bahn stimmt einiges nicht. Das Wochenende begann mit einem spätsommerlichen Freitag, mildes Klima, ein wenig Wind vielleicht. Trotzdem wurden Verzögerungen im Bahnverkehr von der S-Bahn als „wetterbedingte Ausfälle“ erklärt. So dauerte es ewig, um von der Sonnenallee nach Friedenau zu kommen, um einem geselligen Grillabend in der Kolonie „Sonnenbad“ beizuwohnen. Ja, Entschuldigung, man ist inzwischen in diesem Alter. Das Gegenteil vom Berghain. Besinnliches Ins-Feuer-Gucken statt gigantische Subbässe für die Bauchmuskulatur. Aber wieso überhaupt einen Gegensatz aufbauen? Geht ja auch beides.

Auch in Friedenau mahlen die Mühlen langsamer als anderswo. Der zentrale Dürerplatz gleich hinter der S-Bahn-Station sieht aus wie aus dem All gefallen; ein architektonischer Flashback in die brutalistischen 1980er Jahre. Waschbeton, dunkle Unterführungen, Problembauten. Dafür ist Freitagabend in Downtown Friedenau tatsächlich mal so gar nichts los. Vielleicht ja in dreißig Jahren einmal, wenn gar niemand mehr in den Szenevierteln der Stadt wohnen kann, weil alles superteuer geworden ist.